Gestörte Betriebsabläufe im Bezirksdreieck. Die Bornholmer Straße und ihre Bewohner

f4144028Der Bahnhof, an dem ich wohne, ist einer der hässlichsten in Berlin. Dem Osten erscheint er als Tetrisblock, dem Westen wirbt er mit französischen Backwaren, die es gar nicht gibt.

Die zwei Eingänge zu den Bahngleisen befinden sich auf der Bösebrücke, die bedrohlich wackelt, wenn die M13 über sie fährt, gegen die regelmäßig PKW’s krachen, weil der Fahrstreifen hier ein paar Zentimeter schmaler ist und die Fahrmarkierungen fehlen. Aber die Stahlbrücke steht stramm seit 1916. Sie hat den schwarzen und den roten Block getragen, sie hat die Massen getragen, die 1989 von den Prenzlauer Berg in den Wedding stürmten und „Wahnsinn!Wahnsinn!“ schrien. Ein Aufhetzen, ein Hinhetzen, ein Weghetzen klebt an dieser Brücke.

Am S-Bahnhof Bornholmer Straße gibt es keinen Ansager und keine Servicekraft. Wir sind der erste Halt im Tal der Ahnungslosen. Wenn der Betriebsablauf gestört ist, entstehen Gerüchte, und eine seltsame Dynamik im „Sich-gemeinsam-Empören“ – darüber, dass ein Stromkasten explodiert, eine Bremsflüssigkeit eingefroren oder ein Baum umgefallen ist. Im alten Jahr störte zwei Mal ein Suizid am Gesundbrunnen meinen Betriebsablauf; einer um Weihnachten und einer um Ostern. Irgendjemand stieg drum in die M13, traf seine große Liebe und wird sich für immer an diesen Tag erinnern. Oder er verpasste seine große Liebe, wird es aber nie erfahren. Der Gleis-Suizid hat die Macht eines umfallenden Baumes.

Ich wohne jetzt schon sieben Jahre an der Bösebrücke. Erst wohnte ich in ihrem Osten, jetzt wohne ich im Westen. Ich bin eingekesselt von einem Bezirksdreieck, dessen Zentrum ein Strudel ist, ein Zeitstrudel vielleicht. Die Mauer, die es nicht mehr gibt, spüre ich noch ganz genau. Sie war da, wo heute Lidl steht; da, wo die japanischen Kirschen stehen, die im Januar blühen, weil sie hier nicht hingehören. Sogar den roten Wedding spüre ich. Wenn ich über die Brücke laufe, stelle ich mir manchmal vor, es ist Blutmai und ein Kugelhagel hetzt hinter mir her. Außerhalb meines Bezirksdreiecks bekomme ich ein Gefühl dafür, dass ich da drinnen zu Hause bin. Aber sobald ich da drinnen bin, fühlt es sich falsch an; I’m off beat, komm‘ auf zwei und vier, bin immer an der Grenze. Ich spring im Dreieck, wo die Mauer mal stand. Ich sitze auf ihr mit baumelnden Füßen; grüß‘ hier Schrebergartenomi, da Senegal-Jungen, dort Muttifreundin. Ich spiele Himmel und Hölle in der Grauzone. Bin gar nicht da. Bin gar nicht hier. Hello-Goodbye.

Heimat ist die Bornholmer Straße für mich geworden, obwohl ich an einem anderen Mauerstück aufgewachsen bin. Dort, wo die Stelen des Mahnmals ragen und Merkel ihre Reden hält. Aber von dort wurde ich längst vertrieben, ich kann die Spuren schwer verfolgen. Ich weiß, dass wir als Kinder Mauerstücke abgeklopft haben. Ich war traurig, als sie die Mauer abtrugen, weil mein erster Spielplatz im Leben verschwand. Mehr verstand ich nicht.

Seither suche ich. Und diese Sucherei wird am besten wiedergegeben auf der Hetzbrücke, im Bezirksdreieck, wo alle zu wohnen scheinen, die sich nicht entscheiden können. Heimat kann das hier nur werden für Menschen, die so richtig Heimat niemals haben werden.

 (Veröffentlicht am 09.01.14 im Wedding-Blog des Tagesspiegels und auf www.quiez.de)

Die orangen Füchse von Berlin (Aus der Bahn 1 |12)

f4193853Zwei ältere Herren in orangen Westen stehen um zwei Uhr nachts auf den Stufen des S-Bahnhofes Prenzlauer Allee und befreien sie vom Großstadtschmutz.

Eine Kaskade erschleicht ihren Weg in den Abgrund. Keine Zikade begleitet den ruhigen Fluss. Fast lautlos, kein Platschen, kein Tropfen, nur ab und an das Geräusch der hölzernen Besenstiele, die an die steinerne Bahnhofswand stoßen. Klack, Klack. Im Takt. Sieht so das Glück aus? Ruhe durchströmt mich. Ein Gedanke von Harmonie. Alles im Einklang. Natur im dreckigen Großstadtwald. Hyänen stampfen links und rechts an den orangen Männern vorbei, beeinflussen den Fluss des Wassers, zerstören den Takt der Besen. Wie scheue Füchse, die ihren Rivalen mit Ehrfurcht gegenüber stehen, gelähmt von der souveränen Ziellosigkeit der nächtlichen Jäger, halten die Männer Inne und warten bis der Ansturm vorüber ist. Sie wollen sich an Wänden entlang schleichen; tun, was sie tun müssen; nicht gestört werden. Sie wollen unsichtbar sein.

Als die Bahn einfährt, folge ich widerwillig den Hyänen in den leeren Wagon. Grelles, weißes Licht verhört mich: Wo willst du hin? – Ich weiß nicht… Zum Glück bestimmen die Gleise den Verlauf. Ich sitze auf einem Dreiersitz im Durchgang und starre sinnlos aus dem Fenster. Da ist nichts. Was suchst du? In jeder Kurve windet sich neben mir das akkordeonförmige Verbindungsglied und lässt den S-Bahnmagen knurren. Ich sitze im leeren Bauch eines Tausendfüßers. Die Heizungsluft kleidet meine Kehle mit Schleifpapier aus. Das Gliedertier kommt ins Stocken und ich schleich‘ mich fort auf leisen Socken.

Die Ampel tickt nervös: Nun geh schon! Geh doch endlich! Ich denke daran, dass die BSR-Männer bestimmt eine Familie haben. Wenn ihre Kinder zur Schule gehen, kommen sie nach Hause. Wenn die jetzt Feierabend hätten, dann wüssten die wohin. Und ich stehe immer noch an dieser Ampel und beantworte ihr penetrantes Ticken mit dem Geknirsche unter meinen Winterstiefeln. Die fleißigen Füchse haben mir Sand ins Getriebe gestreut. Ich stehe hier wie ein Rennpferd in den Startlöchern und scharre mit den Hufen. „Pirschen statt knirschen!“, sagt die Ampel. Ich renne wiehernd in die Dunkelheit.

(Teil 1/12 aus der Reihe „Aus der Bahn“, veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, Januar 2014)

Ein Sonntagnachmittag im Mauerpark

29.September (1)29.09.2013. Ein Drachen am Himmel mokiert sich über das Flugzeug aus Tegel, weil es irgendwo hin muss. „Der sollte sich einfach mal treiben lassen!“, empfiehlt der gut gelaunte Überflieger. „Das Glück hängt an der langen Leine! Es hat sowieso immer ein Anderer in der Hand.“

Ich stimme ihm zu, dass heute ein guter Tag zum Drachensteigen, Späße treiben und daheim bleiben ist. Ich gehöre eh zu den Unentschlossenen. Für ein Reiseziel kann ich mich schlecht entscheiden. Wenn ich in den Mauerpark gehe, liegt mir gleich die ganze Welt zu Füßen. Gerade eben erst habe ich mir auf dem Trödelmarkt meine Lederstiefel von einem Wessi polieren lassen. Nach getaner Arbeit kaufte ich dem Niedersachsen gütig eine Dose seiner Göttlichen Lederpflege ab. Ein Ghanaer verkaufte mir seine handgenähte Tasche zum halben Preis, „weil du bis‘ Berlin wie ick!“. Er nähe gern für Berliner; sein Label heißt Born to Live – Berlin. In die neu erworbene Tasche steckte ich Handy, Schlüssel, Portemonnaie und Terminkalender, zog den Reißverschluss fest zu und erstickte all‘ meine wertvollen Sorgen in der samtenen Wärme Ghanas. Hinter mir nickt die Schau-kel. Sie hat zugeschaut.

Mittlerweile hat sich vor uns ein Australier mit Pferdekopf aufgebaut. Er spielt auf seiner E-Gitarre mit herunter gelassener Hose „Highway to hell“. Nach dem ersten Song verschwindet fast die vollständige Flasche Sternburg Export in seinem langen Pferderachen. „Nichts zu machen!“, sagt der Drachen. „Da kann man ja nur lachen!“, ruft die Schaukel und fängt an zu quietschen. Eine ältere Frau tippt dem nackten Gitarristen während des zweiten Songs auf die Schulter und erkundigt sich, was er da tue. Er hört auf zu spielen, nimmt seine Maske ab und antwortet brav: „I came here to make a film about „what’s it like to live the life of a street musicain“, but i lost my camera.“ Dann hält der Junge ein Pappschild mit seinem Facebook-Namen in die verloren gegangene Kamera: The Neigh-Kid Horse. Es hagelt Applaus und Gelächter. Nur die alte Frau versteht nichts und fragt sich besorgt: „Was ist eigentlich mit den Australiern los? Sie spielen alle Gitarre, hören Rockmusik und nutzen jede Gelegenheit, sich auszuziehen. Sie haben keine Haare auf der Brust, aber dafür eine Menge Albernheiten im Sinn… und immer ein Bier in der Hand. Ob das die Verbrechergene sind?“ Bevor mir eine Antwort einfällt, kontert die Schaukel mit einem schauen Spruch: „Da sprechen wohl die Nazi-Gene!“ Sie ist offensichtlich stolz, kein Mensch zu sein. Der Drachen drängt darauf, den Himmel nicht für Telegenese zu nutzen, er kriege kaum noch Luft. Nachdem wir die verwirrte Rentnerin verabschiedet haben, löst sie sich in tausend Teile auf und ertränkt The Neigh-Kid Horse in einem Konfettiregen. Der Australier wiehert, der Drachen lacht, die Schaukel quietscht und ich bemitleide das Flugzeug, weil es irgendwo hin muss.

(Veröffentlicht in den Prenzberger Ansichten, November 2013)

Bedingungslose Empörung über Egalomanie

Angela Merkel auf BorkumIn den nächsten 5,5 Jahren wird es in der Schweiz einen Volksentscheid zur Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens geben. Laut Gesetzesentwurf sollen jedem Schweizer 2500 Franken ausgezahlt werden, ca. 2025 Euro. Soviel Geld fürs Auf-der-faulen-Haut-Liegen? Hier kommen einige Argumente, warum die Egalomanie abnehmen würde, sofern ein Bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt würde.

Ich habe in diesem Jahr meine Erststimme dem Kollegen Ralf Boes gegeben, der die Initiative Bedingungsloses Grundeinkommen ins Leben rief und für sein Ideal in den Hungerstreik trat. Den Wahlkreis Mitte hat er mit 0,8 % nicht für sich gewinnen können. Stattdessen ist auf seiner Website aktuell von gesundheitlichen Folgeerscheinungen seiner Hunger-Aktion zu lesen. Ist so viel Einsatz lohnenswert? Was ist das für ein Mensch, der lieber hungert, als Hartz IV zu bekommen? Ralf Boes studierte u.a. Germanistik und Philosophie in Heidelberg. Als  er selbst aus familiären Gründen auf finanzielle Hilfe für Frau und Kind angewiesen war, begann sein Windmühlen-Kampf gegen das entmündigende Sozialsystem. Seither engagiert er sich als Dozent, Sozialarbeiter und Bürgerinitiativler für eine Besserung der prekären Situation in Deutschland, die nach Boes mit der Einführung des Hartz IV seinen Höhepunkt erreichte.

Was ist eigentlich so schlimm an Hartz IV? Sollten die Menschen nicht glücklich sein, dass ihnen bei der Jobsuche geholfen wird und sie monatlich Geld bekommen?  Die Argumente, dass Hartz IV jedem Menschen eine Möglichkeit auf Arbeit gibt, die Belange des Einzelnen berücksichtigt und zur Grundsicherung beiträgt, laufen auf philosophischer und psychologischer Sicht ins Leere. Jeder, der schon einmal auf soziale Hilfe angewiesen war – sei es Bafög, Wohngeld oder Hartz IV – weiß wahrscheinlich, auf welches entmündigende und entwürdigende Gefühl Ralf Boes referiert. Zuerst einmal stellt sich ein Gefühl der Schuld und des Versagens ein. Ich habe versagt, weil ich aus dem Arbeitssystem falle, weil ich mich für etwas interessiere, das nicht gewürdigt wird – Ist das meine Schuld? Umso mehr unterliege ich dem äußeren Druck, erfolgreich zu sein. Aber dieser Zwang, etwas bestimmtes  tun zu müssen, wirkt lähmend statt fördernd; In jemandes (beispielsweise eines Amtes) Schuld zu stehen wirkt lähmend statt fördernd. Der Philosoph Peter Bieri (ein Schweizer!!!) schreibt in seinem Buch „Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens“:

Im Innern von fremd anmutenden Wünschen umstellt zu sein, ist, als ob man innerhalb von Gefängnismauern lebte, und das Verstehen ist das Mittel, sie niederzureißen.

Wenn ich abhängig bin, bin ich aber fremdbestimmt und demnach unfrei. Das Einzige, das das Sozialsystem noch aufrecht hält, sind die Unsicherheit und Angst der Bürger, die schon lange nicht mehr verstehen, was sie da tun. Im besten Fall bleibt ihnen ihr schlechtes Gefühl. Ich hatte dieses schlechte Gefühl beispielsweise in der letzten Woche auf dem Bürgeramt Wedding. Mein Mitbewohner besitzt keine EC Karte, aber im Bürgeramt ist Bar- und Kreditkartenzahlung nicht möglich. Also mussten wir zum Rathaus Wedding fahren, an einen Kassenautomaten gehen, seine Gebühren begleichen und mit der Quittung zurück zum Bürgeramt fahren. Mit was für einem Gefühl von Sinnlosigkeit fährt man in diesem Fall durch die Stadt? Und dem Mitarbeiter sieht man an, dass er sich freundlich lächelnd jeder Verantwortung entzieht, denn „er hat ja die Gesetze nicht gemacht, er macht ja nur seinen Job“. Ähnlich könnte auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel argumentieren: Hartz IV hat sie ja wirklich nicht gemacht – aber auch nicht verhindert. Der Merkel-Kult ist für mich das beste Zeichen für eine ängstliche, unkreative und unmündige Wählerschaft. Merkel ist nahezu unpolitisch und deshalb ist es kein Wunder, dass sie sogar ihre Anhänger in der Hipster-Szene gefunden hat, der womöglich unpolitischsten Jugendbewegung aller Zeiten.

Ich habe allmählich das Gefühl, viele Bürger sind von einer Egalomanie betroffen und sehen die Gefängnismauern gar nicht mehr, innerhalb derer sie ihre Kreise laufen. Dieses Gefühl der Entfremdung macht uns zu einer kranken Gesellschaft, einer Borderline Gesellschaft. Wir sind Missbrauchsopfer, die mit ihren Tätern sympathisieren. Jedes neue Gesetz, ist ein Gesetz zu viel, wenn nicht zuvor zehn andere abgeschafft werden, denn im Paragraphendschungel erkennen wir ja bald das wichtigste aller Gesetze nicht mehr: Das Gesetz der Gefühle. Weg mit der Gefühlsleere, her mit einer Gefühlslehre! Wie soll Simone de Beauvoir so schön gesagt haben?: „Ein Gefühl ist ein Engagement, das den Augenblick überschreitet“. Was einmal gefühlt, ist längst entschieden, also beginnen wir doch einfach wieder damit, uns auf unser Gefühl zu verlassen und engagieren uns ihm entsprechend. Ralf Boes hat das getan. Aus seiner Aktion spricht tiefste Verzweiflung. Vielleicht, weil seinem Ideal des Bedingungslosen Grundeinkommens so große Steine in den Weg gelegt werden. Bis Januar 2014 sammelt die Europäische Bürgerinitiative zum Bedingungslosen Grundeinkommen noch Unterschriften. Nicht einmal ein Viertel der geforderten 1 Millionen Stimmen sind bisher gesammelt worden. Ich habe dabei ein ungutes Gefühl.

Freie Wahl bei der Bundestagswahl?

WahlenKurz vor der Wahl examinieren wir das Wahlomat-Orakel. Mein Ergebnis ist wie erwartet. Und trotzdem weiß ich nicht, wo ich mein Kreuz setzen soll. Um bei einer neu entflammten Diskussion mit einer Bekannten, angehende Rechtsanwältin, die richtigen Argumente für das Bedingungslose Grundeinkommen zu finden, schaue ich den Film Kulturimpuls: Bedingungsloses Grundeinkommen.  Das Ergebnis ist wie erwartet. Die Rechtsanwältin ist weiterhin skeptisch, die Philosophin euphorisch. Die eine klagte über leere Worthülsen und fragt sich, wie man die ca. 960 Milliarden pro Jahr finanzieren soll, bei einem  jährlichen Staatseinkommen von ca. 230 Milliarden Euro. Die Andere antwortet: Hartz 4, Kindergeld, Renten Adé, das eingesparte Geld umverteilen und damit alle geschundenen Seelen heilen: Familien, Selbstständige, Künstler, Rentner. Gesellschaftlich relevante Berufe besser vergüten, insbesondere den sozialen Sektor stärken. Doch was machen dann die Geisteswissenschaftler und Künstler? Haben wir davon nicht viel zu viele? Die bekommen jetzt schon keine Jobs, dann hätten sie wenigstens das Grundeinkommen. Die einzige Partei, die das Bedingungslose Grundeinkommen bedingungslos unterstützt, sind DIE PIRATEN. Doch den PIRATEN fehlen konstruktive Vorschläge für viele der Herausforderungen, die mit einem BG verbunden wären. Wie soll die Bundesregierung beispielsweise die Migrantenwelle abfangen, die auf uns zukommen wird, wenn Deutschland plötzlich der sozialste Sozialstaat der Welt wäre? Wir wissen doch jetzt schon nicht mehr, wohin mit den Italienern, Griechen und Spaniern, die in den letzen zwei Jahren die Warschauer Straße in Berlin zum Ballermann Europas machten. Dann also doch auf die Kompromisse der GRÜNEN und der LINKEN einlassen und ein bedingtes Grundeinkommen unterstützen?

Was wählen denn morgen die Künstler und Intellektuellen? DIE ZEIT gibt dieser Tage eine gute Übersicht. Wie Richard David Precht, zweifeln viele der 48 Befragten die Auswirkungen der Wählerstimmen auf das politische Fortgehen an. Einige scheinen wie Herrmann Kant die Wahlurne nur für den Seelenfrieden anzusteuern.  Jürgen Habermas empfiehlt Rot-Grün, sofern man den Glauben an ein starkes Europa noch nicht aufgegeben hat. Sybille Berg kommt mit konstruktiven Vorschlägen zur Personalpolitik : “Angela Merkel verlässt sofort ihre Partei, geht zu den Grünen, wird Außenministerin, Gregor Gysi verlässt sofort seine Partei, wird Finanzminister, Internet und Daten lassen wir Frau Weisband erledigen. Volker Beck wird Kanzler, Carolin Emcke macht den Job dieser Frau, die den Namen ihres Gatten angenommen hat und den ich leider vergessen habe.” Carl Hegemann befürchtet, dass man bei dem “Glücksspiel Wahlen” immer auch auf die Falschen setzen kann. Wähle ich eine CDU, kriege ich beispielsweise eine SPD dazu, weil die FDP zu wenig Stimmen erhalten hat. Wenn das mal nicht verdrießlich macht! Wolf Biermann schreibt eine Lobrede an Angela Merkel, dem gebrannten DDR-Mädchen. Kurt Beck glaubt an das KÖNNTE der SPD. Ulrich Matthes wählt aus Trotz und Mitleid die SPD. Sebastian Hartmann wirft eine neue Frage auf: Ist Nicht-Wählen vielleicht der beste Protest? Wenn wir nur noch die Wahl haben zwischen Status Quo und Revolution, dann ist die beste Wahl für Protestler vielleicht wirklich das Nicht-Wählen. Wenn niemand mehr wählen ginge, dann würde wenigstens mal etwas passieren! Eine traurige Erkenntnis, mit der Sebastian Hartmann nicht allein dasteht. Aber wenn schon Protest, dann vielleicht lieber DIE PARTEI wählen? Peter Sloterdijk ist der Meinung, dass es zur Aufhebung des “finanzpolitischen Wahnsystems” unerheblich ist, ob man wählt oder nicht, weil kein politischer Akteur eine Lösung parat hat.

Resumé: Nur die Wenigsten der 48 Künstler und Intellektuellen brennen für eine der Parteien. Viele der Befragten schätzen die Zurückhaltung und Bescheidenheit von Angela Merkel. Für welche Partei sie steht, scheint eher unerheblich. Die SPD wählt man aus Mitleid mit Peer Steinbrück, die LINKE aus Sympathie für Gregor Gysi. Die Zusammensetzung der Koalition bleibt ein Glücksspiel. Wer für eine große Koalition ist, sollte die SPD stärken. Vielleicht würde eine Schwarz-Rot-Rot-Grün-Gelb-Lila-Orange Koalition unserer ausweglosen Situation den besten Ausdruck verleihen. Die richtig Unzufriedenen sollten meines Erachtens die PARTEI wählen. Wir können wählen, was wir wollen, aber ändern können wir nichts. Insofern hat jeder freie Wahl.

Eine Geschichte vom roten Sofa auf der Böse Brücke

027_mauerfall_bornholmer_gapSoeben bemerkte ich einen Tick an mir, den ich seit geraumer Zeit umbewusst auslebe. Wenn der Großstadtstrom mich von Prenzlauer Berg in den Wedding spült und ich die Bornholmer Brücke, die eigentlich „Bösebrücke“ heißt, überquere, dann lasse ich mir auf ihrer Mitte von dem roten Sofa eine neue Wahnsinns-Geschichte erzählen.

Naja… gemütlich ist dieses Sofa nicht gerade. Das Gesäß rutscht die glatte, harte Oberfläche herunter. Man verharrt halbliegend. Dann folgt ein Rundumblick auf die hässliche, laute und unfallbelastete Stahlkonstruktion. Der Nazimief hängt an ihr wie der Namensgeber dieser Brücke, Wilhelm Böse. „Hier stand er und sammelte mit seiner Klapperdose Spenden für inhaftierte Antifaschisten.“, erzählt mir das Sofa. „Da drüben verkaufte er die „Rote Fahne“. Und ein paar Häuser weiter im Prenzlauer Berg hielt er hitzige KPD-Reden. Dafür wurde er 1944 gehängt!“ Wissbegierig folge ich den Ausführungen des sprechenden Sofas, als es sein Programm wechselt und singend durch die Zeiten springt:

Links, links, links, links! Die Trommeln werden gerührt!
Links, links, links, links! Der Rote Wedding marschiert!
Hier wird nicht gemeckert, hier gibt es Dampf,

Denn unsre Parole heißt Klassenkampf (…)

Auf der Westseite der Brücke tobte 1929 der Blutmai, bei dem unzählige Demonstranten von der Polizei erschossen wurden. Erich Weinert schrieb den tapferen Helden noch im selben Jahr diese Hymne. In der DDR erlebte das Arbeiterlied ein Revival.“ Das Sofa hält kurz Inne und verfällt in enthusiastische „Wahnsinn! Wahnsinn!“-Schreie. Es scheint einen Wackler zu haben. Völlig verständlich, dass ein Sofa, das auf der Bösebrücke steht, den Verstand verliert, denke ich. Wahrscheinlich hat es sich über die Jahre fuselig geredet.

Das verstehst du falsch!“, ermahnt mich der Bikeguide von der Mauerwegtour, der sich mittlerweile mit seiner Gruppe um das Sofa positioniert hat. „Das Rote Sofa ist eine Kunstintallation des Künstlerpaares Twin Gabriel und trägt den Namen „Mind the Gap“. Als Ostberliner 1989 freudig den ersten Grenzübergang an der Bösebrücke überquerten, schrieen sie „Wahnsinn! Wahnsinn!“. Diese Schreie schallten ursprünglich aus dem heute stummen roten Sofa!“

Egal, welcher Spalte unserer Geschichte man gedenken möchte: Auf der Bösebrücke wartet ein roter Rastplatz, auf dem jeder Passagier die guten und bösen Ausraster der letzten hundert Jahre an sich vorbeirasen lassen kann. Aber Vorsicht: Wer auf dem roten Sofa sitzt, droht Stimmen zu hören!

(Veröffentlicht in den „Prenzlberger Ansichten“, September 2013,)

Intentionalität des Bewusstseins beim Hören eines Musikstücks

Blaise Bachofen erklärt in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins die Husserl’sche Intentionalität des Bewusstseins am Beispiel des Hörgenusses eines Musikstücks. 

momentaufnahmeNach Husserl ist der Moment nur ein Übergang der Vergangenheit zur Zukunft. Die Gegenwart existiert niemals an Sich, sondern wird vom Bewusstsein als Gewesenes und Werdendes festgehalten und interpretiert. Belege finden sich in der Musik: Das Bewusstsein könnte eine Harmonie gar nicht genießen, würde es beim Empfangen eines Tones A den Ton B nicht vorwegnehmen und während der Wahrnehmung des Tones B dem Ton A sinnlich nachfühlen usw. Die moderne Lebensphilosophie des „Im Moment lebens“ ist insofern ad absurdum geführt, als dass der Moment nichts weiter ist, als ein monotoner Augenblick. Genüßlich wird das Leben für die Sinne, wenn wir wenigstens in der Zeitspanne einer Harmonie denken. Harmonisch wird das Musikhören nicht, wenn man bei Track 1 schon Track 2 erwartet oder sich nicht auf Track 1 einlassen kann, weil man den harten Arbeitstag noch im Kopf hat. Eventuell beeinflußt aber gerade diese Erwartung und diese Erfahrung unser momentanes Gefühl. Im puren Augenblick jedoch ist Sinnlichkeit nicht erfahrbar.

Sex kann gut sein, weil er einem Streit folgt oder einem Abschied vorangeht, und ein Musikstück B kann einem gerade deshalb gefallen, weil es Track A ergänzt oder der Strophe A ein besonders eingänglicher Refrain B folgt. Wer Musik intensiv wahrnimmt, lässt sich von ihr treiben und löst sich von Konventionen. Doch das Gefühl, das er spürt, steckte vorher schon in ihm und wenn er Glück hat, wird das vom Song geweckte Gefühl auch nach dem letzten Ton fortdauern.

Der Mensch ist nicht zum Leben im Moment gemacht, sofern der Moment als Augenblick interpretiert wird, sondern zum Festhalten des Moments und nur deshalb kann er sich überhaupt als sinnliches Wesen bezeichnen.

Ein Dadadicht

Winter wehen Wolken
Weil‘ und Dauer
Frühlingsschauer.

Augen auf der Heide
Wollen Hirten beide
Sein und haben nicht.

Wenn der Krug zerbricht
Die Liebe auch.
Obwohl es zäh erscheint.

Ein Kind, das weint
Der Jäger auch?
Er hat gefühlt.

Was werden kann
Vielleicht schon ist
Die Maße in Scharen.

Und Rudeln auch
Wenn es sinnlos erscheint
Der Herr, hats gut gemeint.

Partynachtgedicht

Rumdummen, Abzappeln
Rumhüpfen, Anfummeln
Anmachen, Auflegen
Rangehen, Abspacken

Vorglühen, Ausgehen
Wegstecken, Abführen
Volldröhnen, Anstöhnen
Aufmucken, Abspucken

Ohrfeigen, Nasenblasen
Mundlutschen, Augenrasen
Ohrfeigen, Nasenblasen
Mundlutschen, Augenrasen

FREI ABER FEIGE

FREI ABER FEIGE

Vom Luxusproblem, mit 27 sterben zu müssen

Wir sind umzingelt von einer Kompromisslosigkeit, die uns lähmt.
Ich habe das Gefühl, in unserer alltäglichen Kommunikation wurde das Wort „Aber“ zu Marketing-Zwecken wegrationalisiert. In jedem Rhetorik-Seminar wird das „Aber“ aus psychologischen Gründen als Unwort tituliert, denn von frühster Kindheit haben wir gelernt, dass mit diesem Wort Rechtfertigung oder Kritik auf eine destruktive Art zum Ausdruck kommt: „Dein Zimmer hast du gut aufgeräumt, aber deine Hausaufgaben hast du nicht gemacht.“,„Das Essen hat gut geschmeckt, aber die Kartoffeln waren zu weich.“ Durch den „Aber“-Nachsatz, wird das vorangegangene Lob zu Nichte gemacht. 
Deshalb haben wir gelernt, das Wort zu umgehen. Der Lernprozess erfolgt zum größten Teil unbewusst, nämlich, indem „Aber“ in unserer Umgebung einfach nicht mehr vorkommt. Diesen Trend halte ich für sehr gefährlich, weil paradox. Das „Aber“ ist Teil unseres Denkens in einer Welt voller Möglichkeiten. Aber wir dürfen es nicht artikulieren, da wir sonst Schwäche zeigen?

Ich gehe davon aus, dass dieser vorgelebte Größenwahn dafür zuständig ist, dass ein großer Teil meiner Generation der Mitzwanziger resignierend in einer Medienflut untergeht, da der Widerspruch von äußeren unbegrenzten Möglichkeiten und innerer begrenzter Handlungsfreiheit zu einem erdrückenden Zwang verlaufen sind. Wir sind umgeben vom Besten des Besten und wir können nur mitschwimmen, wenn wir aus der Fülle an Möglichkeiten die Beste wählen. Wir unterliegen einem ständigen Entscheidungszwang.
Unsere Freiheit ist uns zum Unglück geworden. Wir können so viel, aber wir schaffen gar nicht alles. Wir müssen sogar im Schnellimbiss zwischen fünf Brotsorten und 10 Soßen wählen, wir müssen ständig Entscheidungen treffen mit dem bedrückenden Gefühl, dass es immer eine bessere Wahl gibt. Und du kannst scheitern. Du scheiterst sogar am Brot! 
Hast „Sesam“ genommen, aber dein Freund hat „Honey Oat“. Seins schmeckt viel besser, aber du hattest Angst davor. Wusstest nicht was Oat ist. Hast Angst vor Oat? Das hat nichts mit dem OAT-Syndrom zu tun (Oligo-Astheno-Teratozoospermie-Syndrom). OAT ist Englisch für Hafer. Lass dir sagen: Asiago Ceasar ist auch viel besser als Senf. Weißt du, wie man das ausspricht? Nicht? Dann bleibts bei Sesam und Senf… 

Und das ist ein Problem! Ein Luxusproblem! Und das paradoxe ist, dass du dich aus diesem Paradox der Unfreiheit durch ein Übermaß an Freiheit nur befreist, wenn du es durch ein weiteres Paradox ausstichst: Zeige Größe, indem du versuchst, nicht groß zu sein. 

Ich habe für ein Jahr eine Wochenzeitung abonniert, sie hatte ihren Preis und ich wollte diese Invesition bestmöglich nutzen, indem ich die Zeitung genaustens studiere. Leider war es mir aus Zeitgründen nicht möglich, alles von Politik bis Feuilleton wöchentlich zu inhalieren, ich fühlte mich schlecht.

Warum bezahle ich einen Kosmos und bereise nur drei Planeten? Die Erde hat auch fast 200 Länder und ich könnte sie alle bereisen und es gibt rund 3000 Sprachen und ich könnte jede lernen. Aber ich kann nicht! Ist das nicht ungerecht? Schenkt uns das Leben diese Freiheit und diese Intelligenz, um nur einen Bruchteil dessen zu nutzen? Ja! Und wir haben die Qual der Wahl. Bevor wir wählen, müssen wir wissen, was wir wollen. Es ist ganz natürlich, dass eine Generation wie unsere, die nahezu alle Möglichkeiten hat, eine längere Zeit benötigt, um die richtige Entscheidung für sich zu finden. Nicht selten beobachte ich bei meinen Freunden und auch bei mir eine aus dem Übermaß an Freiheit resultierende Gelähmtheit: Wir schaffen es einfach nicht. Wir sind der Klub 27: Wir sind Jimmy Hendrix, Kurt Cobain, Janis Joplin, Jim Morrison, Heath Ledger und Amy Winehouse. Wir gleiten in einem goldenen Drogenmobil zehn Zentimeter über dem Regenbogen-Highway direkt in den frühen Tod. Jetzt müssen wir sogar schon mit 27 sterben, um groß zu sein. Aber warum geht niemals irgendetwas dazwischen?