1000 Serpentinen Angst (Olivia Wenzel)

Die Oberarmnarbe, die in der DDR Geborene enttarnt und sie einst gegen Pocken schützen sollte, ihnen ihre Zugehörigkeit schon qua Geburt einimpfte, die Flüssigkeit, die ihre Identität zusammenhält … Ich schließe das Buch. Da ich in Kleidung eingepackt in der Straßenbahn sitze (Alexanderplatz), kann ich jetzt nicht nachschauen, aber ich spüre die Narbe am linken Arm. Ist sie bei jedem links? Ich bin Linkshänderin, aufgrund sozialen Drucks dann irgendwie beidhändig geworden. Die Frage: Links oder rechts sofort zweideutig. Links gesinnt, aber handwise zwanghaft auf rechts getrimmt, heimlich mit links den Pinsel haltend.

Der Automat am Bahnsteig, in dem jemand wohnt. Nicht sicher, wer. Und wo genau? Dieser hier hat ein leeres Fach. Da ist noch Platz für dich neben der Capri-Sun.

Olivia Wenzel hatte bestimmt auch Capri-Sun in ihrem Lunchpaket im Ferienlager oder in der Brotbüchse. Was heißt denn Lunchpaket?, hat sie vielleicht auch ihre Betreuer gefragt und die wusstens nicht. Und wo liegt Capri?

Sowieso hieß das früher Caprisonne und oft war das Loch schlecht vorgestanzt. Ich hab das Buch jedenfalls verschlungen wie Omas Wiener Würstchen mit Ketchup.

Laufen (Isabel Bogdan)

WIN_20200703_12_49_46_ProMeine Mutter hat es mir auf dem Flug in eine südeuropäische Stadt geborgt, kurz bevor Flüge in südeuropäische Städte verboten wurden, bevor ich in meinem Homeoffice saß, die Urlaubsfotos durchscrollte und dachte: Krass, das war kürzlich und das war eine andere Zeit, jetzt ist alles anders und dieser Urlaub war vielleicht das letzte Mal, dass -. Aber das ist ein anderes Thema, zu dem ich mich an dieser Stelle nicht weiter äußern möchte, nur ein bisschen habe ich mich dazu hinreißen lassen , weil es dazu gehört, weil jeder Eindruck, alles, was dieses Buch besser beschreiben kann, miteinbezogen werden muss.

Es war also Urlaub. Mutter zu nervös, um während des Flugs zu lesen, ich sie mit meinem Gequatsche nervend, sie mir das Buch in die Hand drückend, das sie bereits angefangen hatte. Es war „Laufen“ und es lief sehr gut, so gut, dass ich den Lesevorsprung meiner Mutter bis zur Landung fast aufgeholt hatte. Auf den ersten paar Duzent Seiten lachte ich viel, ich erinnere mich zu meiner Mutter sagend: „Das ist total mein Humor“, und sie sagen hörend: „Aber es ist auch hart.“ Wenig später wurde es so hart, dass ich es weglegen musste, Pausen machen, wie beim Laufen, es nicht übertreiben, ablenken mit lokalen Köstlichkeiten und versöhnlichen Aussichten unserer Ferienwohnung. Später dann, zurück zu Hause, hatte ich das Buch immernoch, meine Mutter hatte es bereits ausgelesen und mir überlassen, um damit fertig zu werden; wie die Protagonistin irgendwie damit fertig zu werden…

Dann begann die Zeit, in der wir nicht mehr reisen konnten, aber joggen war weiterhin erlaubt. Eine Freundin, Schwimmerin, begann zu laufen, weil sie nicht mehr schwimmen durfte und schrieb mir tagtäglich, wie gut es ihr tue, das Laufen. Ich gab ihr also „Laufen“. Ich weiß, das macht man eigentlich nicht; Bücher verborgen, die einem geborgt wurden, aber zu der Zeit waren auch die Buchläden geschlossen-. Nein, das ist eine schlechte Ausrede, es hätte Wege gegeben, das Buch erneut zu bestellen, vielleicht empfand ich es nur einfach als passend, genau dieses Buch weiterzugeben wie ein Allgemeingut, es sollte reisen und weil man joggend so schlecht lesen kann eben durch verschiedene Hände, Haushalte und Länder gehen – einfach nicht stillstehen.  Ich nahm es meiner Freundin deshalb nicht übel, als sie sagte, ihre Freundin lese jetzt das Buch. Vielleicht sehe ich dieses „Laufen“ nie wieder (deshalb ist es auf diesem Foto auch nicht zu sehen). Und wenn du willst, Mama, kaufe ich dir dann ein Neues oder das nächste von Isabel Bogdan, weil Isabel Bogdan mit uns viele neue Mitläuferinnen gewonnen hat!

Arbeit und Struktur (W. Herrndorf)

Arbeit und Struktur (W.Herrndorf)

Vor ein paar Jahren „In Plüschgewittern“, sofort Herrndorf-infiziert. Erzählerisch kein Meisterwerk aber die Stimmen und Bilder so vertraut, fast gespenstisch. Als sei ein Teil von mir in Buchform erschienen, zum Durchblättern und  Hinstellen. Dann „Bilder deiner großen Liebe“, „Tschick“, diesen Frühsommer „Sand“ und jetzt im Spätsommer endlich „Arbeit und Struktur“ in Buchform. Schon mal in Blogform begonnen, aber bei der Fülle der Seiten am Bildschirm kaum zu bewältigen, aufgegeben.

Herrndorfs Verweigerung und zunehmende Unfähigkeit „Ich“ zu sagen, ermutigt mich, persönlicher zu schreiben. Den stichpunktartigen Stil samt aneinander gereihter Aufzählungen übernommen. Guter Weg, sich die Seele vom Leib zu schreiben, ohne sich allzu prätentiös vorzukommen (im Wirklichkeit natürlich durch und durch prätentiös. Sonst wäre die Vorwegnahme des Urteils über die eigene Außenwirkung gar nicht möglich gewesen). Noch knapp 150 Seiten und zittrige Hände, muss immer wieder absetzen und mich ablenken. Kopfschuss in Sicht. Kein leichtes Thema …

Vernissage „Mentoring Kunst“ in Mestlin

Am 16.06. um 11 Uhr eröffnet die Ausstellung „Mentoring Kunst“ im Mestliner Kulturhaus. Mentorinnen und Mentees aus 2016/2017 werden aktuelle Werke ausstellen. Silke Peters, Bertram Reinecke und ich werden Lyrik und Prosa lesen.

Mestlin ist ein ehemaliges sozialistisches Musterdorf. Die Süddeutsche Zeitung nannte es in einem Artikel 2017 „Die Stalinallee der Dörfer“. Im Kulturhaus spielten schon „Silly“ und Karat“. Heute steht das Haus unter Denkmalschutz. Ein Verein aus hauptsächlich Zugezogenen begann 2008, das Kulturhaus wieder zu beleben (Quelle: NDR). Ich bin Teil dieser Wiederbelebung und ihr seid es hoffentlich auch! Kommt bitte zahlreich aus Ost und West!

Prosanova 2018

Vom 20.07-22.07.18 wird das zweite Prosanova Festival am Rechnitzberg (Mecklenburg-Vorpommern) stattfinden.

Im Sommer 2017 bescherten uns die Veranstalter das erste Prosanova-Hippie-Wochenende in der Mecklenburger Einöde. Deshalb freue ich mich, erneut mit meinen Texten Teil des Programms zu sein, das von Yogasessions und Kinderprogramm am Tage bis zu Mojitos und Disco in der Nacht reicht. Unten stehend ein Video mit Eindrücken vom Prosanova 2017. Wer hat Lust, dieses Jahr dabei zu sein?

Glücksschweine (Markus Liske)

Weißt du noch, damals? Als in Kambodscha Bürgerkrieg herrschte. Als die Angst vor Aids noch frisch war. Als Kurt Cobain noch lebte. Als „Creep“ von Radiohead in den Charts lief. Als das Berliner E-Werk die Punks von gestern in Technobeats und Ecstasywolken lullte. Als Elektro noch krass war. Weißt du noch? Als Langzeitstudenten lieber starben, als ihre Magisterarbeit zu beenden.

Nein, muss ich sagen, ich weiß nicht.

Ich war auch in der roten Infobox am Potsdamer Platz. Ich erinnere mich an die gelben Kräne, die wie apokalyptische Monster in den Himmel ragten. Vielleicht bin ich dort in Latzhose und mit Eis in der Hand Typen wie Euch über den Weg gelaufen; Typen mit Telleraugen und Lederjacken. Doch in den 2000ern, in denen meine Jugend stattfand, habe ich von Euren Abenteuern nur noch die Nachwirkungen mitbekommen. Ich habe mitbekommen, wie Punks zu Emos wurden, Hausbesetzer zu Ökos, Raver zu Hipster und Magister zu Master. Ich habe gesehen, dass es nach der Apokalypse, die ihr als ein Ende gefeiert habt, weiterging. Wie die Apokalypse real wurde; wie sie normal wurde. Die 2000er waren wie der Kater nach dem Rausch der 90er. Die Zeit der vernünftigen Vorsätze. In der nur soviel gefeiert wurde, wie es ein Studium in Regelzeit verträgt. In der Dichter lieber Bionade tranken, als Selbstmord zu begehen. Ist ja auch viel gesünder. Aber ein Buch über die 90er ist auch nicht schlecht.

Schwämme (Kathrin Bach)

Schwämme, Kathrin Bach Eindrücke kommen als Bilder. Der lyrische Leib kann seine Gliedmaßen dehnen. Ein Horchen ist dann sichtbar wie ein Faden bis zu der Stelle, an der das Haus knarrt. Und immer die Zunge! Diese Zunge, die alles ableckt und die Haut, die vibriert. Wie der Weitblick sich in den Leib drückt! Wie Bilder, die ich sehe, zu Pixel auf der Netzhaut werden. Wie immer alles so erstaunlich ist!, wie mit Ausrufezeichen, und ich nur schauen muss und manchmal einen dicken Eindruck runterschlucke wie ein Ei.

Karte und Gebiet (Michel Houellebecq)

2017-02-13-09-22-19Der Autor schreibt sich selbst in den Roman. Dort steht er – liegt, hockt, windet sich – und hält die Zeilen zusammen. Zweidrittel des Buches vermag er dem Sog der Handlung standzuhalten, doch dann zerreißt es ihn. In tausend Teile zerborsten liegt er auf dem Teppich. Tot. Täter spurlos verschwunden.

Er ist Architekt, seine Bauzeichnungen von größter Präzision. Das Fundament gelingt den Plänen entsprechend, dann will der Baustoff nicht, wie er will, zwingt den Architekten zu Kompromissen. Er entfernt sich immer mehr von seinen ursprünglichen Plänen und schafft am Ende ein stabiles Gebäude, einzigartig in seinem Erscheinen. Vom Architekten geplant und vom Baustoff geschaffen.

Gegenstände beißen nicht. Gut, wenn man Angst vor Menschen hat. Oder ist es Desinteresse? Vielleicht sind Gegenstände die Ängste der Menschen in geschlossener Form. Wie eine Phobie, die man in Metall gießt und zu einem Schlagring formt.