Intentionalität des Bewusstseins beim Hören eines Musikstücks

Blaise Bachofen erklärt in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins die Husserl’sche Intentionalität des Bewusstseins am Beispiel des Hörgenusses eines Musikstücks. 

momentaufnahmeNach Husserl ist der Moment nur ein Übergang der Vergangenheit zur Zukunft. Die Gegenwart existiert niemals an Sich, sondern wird vom Bewusstsein als Gewesenes und Werdendes festgehalten und interpretiert. Belege finden sich in der Musik: Das Bewusstsein könnte eine Harmonie gar nicht genießen, würde es beim Empfangen eines Tones A den Ton B nicht vorwegnehmen und während der Wahrnehmung des Tones B dem Ton A sinnlich nachfühlen usw. Die moderne Lebensphilosophie des „Im Moment lebens“ ist insofern ad absurdum geführt, als dass der Moment nichts weiter ist, als ein monotoner Augenblick. Genüßlich wird das Leben für die Sinne, wenn wir wenigstens in der Zeitspanne einer Harmonie denken. Harmonisch wird das Musikhören nicht, wenn man bei Track 1 schon Track 2 erwartet oder sich nicht auf Track 1 einlassen kann, weil man den harten Arbeitstag noch im Kopf hat. Eventuell beeinflußt aber gerade diese Erwartung und diese Erfahrung unser momentanes Gefühl. Im puren Augenblick jedoch ist Sinnlichkeit nicht erfahrbar.

Sex kann gut sein, weil er einem Streit folgt oder einem Abschied vorangeht, und ein Musikstück B kann einem gerade deshalb gefallen, weil es Track A ergänzt oder der Strophe A ein besonders eingänglicher Refrain B folgt. Wer Musik intensiv wahrnimmt, lässt sich von ihr treiben und löst sich von Konventionen. Doch das Gefühl, das er spürt, steckte vorher schon in ihm und wenn er Glück hat, wird das vom Song geweckte Gefühl auch nach dem letzten Ton fortdauern.

Der Mensch ist nicht zum Leben im Moment gemacht, sofern der Moment als Augenblick interpretiert wird, sondern zum Festhalten des Moments und nur deshalb kann er sich überhaupt als sinnliches Wesen bezeichnen.

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