Arbeit und Struktur (W. Herrndorf)

Arbeit und Struktur (W.Herrndorf)

Vor ein paar Jahren „In Plüschgewittern“, sofort Herrndorf-infiziert. Erzählerisch kein Meisterwerk aber die Stimmen und Bilder so vertraut, fast gespenstisch. Als sei ein Teil von mir in Buchform erschienen, zum Durchblättern und  Hinstellen. Dann „Bilder deiner großen Liebe“, „Tschick“, diesen Frühsommer „Sand“ und jetzt im Spätsommer endlich „Arbeit und Struktur“ in Buchform. Schon mal in Blogform begonnen, aber bei der Fülle der Seiten am Bildschirm kaum zu bewältigen, aufgegeben.

Herrndorfs Verweigerung und zunehmende Unfähigkeit „Ich“ zu sagen, ermutigt mich, persönlicher zu schreiben. Den stichpunktartigen Stil samt aneinander gereihter Aufzählungen übernommen. Guter Weg, sich die Seele vom Leib zu schreiben, ohne sich allzu prätentiös vorzukommen (im Wirklichkeit natürlich durch und durch prätentiös. Sonst wäre die Vorwegnahme des Urteils über die eigene Außenwirkung gar nicht möglich gewesen). Noch knapp 150 Seiten und zittrige Hände, muss immer wieder absetzen und mich ablenken. Kopfschuss in Sicht. Kein leichtes Thema …

Vernissage „Mentoring Kunst“ in Mestlin

Am 16.06. um 11 Uhr eröffnet die Ausstellung „Mentoring Kunst“ im Mestliner Kulturhaus. Mentorinnen und Mentees aus 2016/2017 werden aktuelle Werke ausstellen. Silke Peters, Bertram Reinecke und ich werden Lyrik und Prosa lesen.

Mestlin ist ein ehemaliges sozialistisches Musterdorf. Die Süddeutsche Zeitung nannte es in einem Artikel 2017 „Die Stalinallee der Dörfer“. Im Kulturhaus spielten schon „Silly“ und Karat“. Heute steht das Haus unter Denkmalschutz. Ein Verein aus hauptsächlich Zugezogenen begann 2008, das Kulturhaus wieder zu beleben (Quelle: NDR). Ich bin Teil dieser Wiederbelebung und ihr seid es hoffentlich auch! Kommt bitte zahlreich aus Ost und West!

Glücksschweine (Markus Liske)

Weißt du noch, damals? Als in Kambodscha Bürgerkrieg herrschte. Als die Angst vor Aids noch frisch war. Als Kurt Cobain noch lebte. Als „Creep“ von Radiohead in den Charts lief. Als das Berliner E-Werk die Punks von gestern in Technobeats und Ecstasywolken lullte. Als Elektro noch krass war. Weißt du noch? Als Langzeitstudenten lieber starben, als ihre Magisterarbeit zu beenden.

Nein, muss ich sagen, ich weiß nicht.

Ich war auch in der roten Infobox am Potsdamer Platz. Ich erinnere mich an die gelben Kräne, die wie apokalyptische Monster in den Himmel ragten. Vielleicht bin ich dort in Latzhose und mit Eis in der Hand Typen wie Euch über den Weg gelaufen; Typen mit Telleraugen und Lederjacken. Doch in den 2000ern, in denen meine Jugend stattfand, habe ich von Euren Abenteuern nur noch die Nachwirkungen mitbekommen. Ich habe mitbekommen, wie Punks zu Emos wurden, Hausbesetzer zu Ökos, Raver zu Hipster und Magister zu Master. Ich habe gesehen, dass es nach der Apokalypse, die ihr als ein Ende gefeiert habt, weiterging. Wie die Apokalypse real wurde; wie sie normal wurde. Die 2000er waren wie der Kater nach dem Rausch der 90er. Die Zeit der vernünftigen Vorsätze. In der nur soviel gefeiert wurde, wie es ein Studium in Regelzeit verträgt. In der Dichter lieber Bionade tranken, als Selbstmord zu begehen. Ist ja auch viel gesünder. Aber ein Buch über die 90er ist auch nicht schlecht.

Schwämme (Kathrin Bach)

Schwämme, Kathrin Bach Eindrücke kommen als Bilder. Der lyrische Leib kann seine Gliedmaßen dehnen. Ein Horchen ist dann sichtbar wie ein Faden bis zu der Stelle, an der das Haus knarrt. Und immer die Zunge! Diese Zunge, die alles ableckt und die Haut, die vibriert. Wie der Weitblick sich in den Leib drückt! Wie Bilder, die ich sehe, zu Pixel auf der Netzhaut werden. Wie immer alles so erstaunlich ist!, wie mit Ausrufezeichen, und ich nur schauen muss und manchmal einen dicken Eindruck runterschlucke wie ein Ei.

Karte und Gebiet (Michel Houellebecq)

2017-02-13-09-22-19Der Autor schreibt sich selbst in den Roman. Dort steht er – liegt, hockt, windet sich – und hält die Zeilen zusammen. Zweidrittel des Buches vermag er dem Sog der Handlung standzuhalten, doch dann zerreißt es ihn. In tausend Teile zerborsten liegt er auf dem Teppich. Tot. Täter spurlos verschwunden.

Er ist Architekt, seine Bauzeichnungen von größter Präzision. Das Fundament gelingt den Plänen entsprechend, dann will der Baustoff nicht, wie er will, zwingt den Architekten zu Kompromissen. Er entfernt sich immer mehr von seinen ursprünglichen Plänen und schafft am Ende ein stabiles Gebäude, einzigartig in seinem Erscheinen. Vom Architekten geplant und vom Baustoff geschaffen.

Gegenstände beißen nicht. Gut, wenn man Angst vor Menschen hat. Oder ist es Desinteresse? Vielleicht sind Gegenstände die Ängste der Menschen in geschlossener Form. Wie eine Phobie, die man in Metall gießt und zu einem Schlagring formt.

Teil 16: Michael Gutmann (*1957)

Ein erfolgreicher Philosoph muss Künstler sein“

Der Berliner Gegenwartsphilosoph, der in dieser Folge zu Wort kommt, hat zur Abwechslung mit Kunstaktionen und Publizismus überhaupt nichts am Hut hat, wenn auch die Kunst ihm besonders am Herzen liegt. Seine Philosophie ist – etwas überspitzt formuliert – fast so alt wie das Denken, denn Dr. Michael Gutmann orientiert sich an der „Hebammenkunst“ von Sokrates. In seiner Philosophischen Praxis in Prenzlauer Berg bietet er Gespräche an, die den Menschen helfen sollen, Harmonie und Ordnung in ihr Denken zu bringen. Seine Gruppen- und Einzelgespräche finden in Cafés oder Seminarräumen in Prenzlauer Berg statt. 

  

PA: Herr Gutmann, unsere philosophische Reihe in den Prenzlberger Ansichten heißt „Vermessung des Denkens“. Glauben Sie, dass Denken sich vermessen lässt?

In der Sokratischen Philosophie gehört das Vermessen dazu. Das Maß als Kriterium der Beurteilung richtet sich in der Philosophie nach den Fragen des Guten, Schönen und Richtigen. Das ist ein qualitatives Vermessen, ein Bewerten, im Gegensatz zum quantitativem Vermessen der empirischen Wissenschaften. Denken braucht ein Maß, sonst ist es haltlos. Wir brauchen eine Orientierung.In der Psychologie und Philosophie gibt es meist nur ein subjektives Maß. Bei mir gibt es ein objektives Maß. Wenn sich jemand in seinem Denken in Widersprüche verfängt, dann ist sein Gedanke einfach falsch. Diese logischen Widersprüche versuche ich in meiner Philosophischen Praxis aufzudecken. Ich baue auf den logischen, einfachen drei Grundgesetzen auf: der „Satz der Identität“ sichert, dass man nicht von Hölzchen auf Stöckchen kommt, der „Satz des Widerspruchs“ besagt, dass a ungleich nicht-a ist, der „Satz des ausgeschlossenen Dritten“ besagt, dass a entweder a oder nicht-a sein kann, aber kein Drittes.  Da sieht man, wie eingeschränkt mein Denken ist. Ich lebe in diesem mesokosmischen Bereich, kümmere mich um Bereiche, die wir als Menschen sinnlich erfassen können. Ich bin kein Teilchen- oder Quantenphysiker, wo möglicherweise ganz andere Gesetze gelten. Ich kümmere mich nur um diesen Bereich menschlichen Lebens, Denkens und Verhaltens. Die Dinge, wofür wir, denke ich, in der Welt auch vorrangig da sind.

PA:  Für die Reihe „Vermessung des Denkens“ interessierten mich besonders die persönlichen Hintergründe philosophischen Denkens. Durch welche Fragen und Probleme wurden Philosophen zu ihren Werken motiviert? Wie sahen sie sich selbst? Da Sie mir nun gegenübersitzen: Welche Probleme und Fragen haben Sie in ihrem Leben zum philosophischen Denken motiviert?
Ohne es zu wissen, habe ich schon immer eine gewisse Freude an der Logik gehabt. Bauen, Planen, Schrauben: Vor meinem Philosophiestudium habe ich als Ingenieur gearbeitet. Mit 20 oder 22 habe ich mich gefragt, was mein Leben soll. Ich war geprägt von dem frühen Tod meines Vaters. Mir fehlte ein Mentor. Das hat später auch zu meinem Beruf geführt. Da ich aus philosophischen Schriften nicht richtig schlau geworden bin, habe ich zuerst versucht, meinen Fragen auf künstlerischem Weg näher zu kommen. Zwei, drei Jahre lebte ich auf dem Land und habe Tierkadaver, Schädel und Knochen gemalt und in Ton modelliert, weil mich die Vergänglichkeit und diese Sterbeprozesse interessierten. Meine Fragen haben mich 1985 nach West-Berlin geführt. Denn in Süddeutschland konnte ich nicht als Ingenieur und gleichzeitig als Philosoph arbeiten. Die hätten mir alle ’nen Vogel gezeigt. An der FU Berlin habe ich angefangen Philosophie zu studieren. Während des Studiums habe ich einen Lehrer gefunden, einen Privatdozenten. An dem bin ich dran geblieben und der hat mich auch an das Sokratische Denken herangeführt. Am Anfang hat mir Sokrates gar nicht gefallen. Der hat mich negiert und fertig gemacht. Aussagen wie „Staat ist gut“ entsprachen überhaupt nicht meiner Lebensrealität. Wir in Kreuzberg fanden den Staat scheiße. Lieben wollten wir leidenschaftlich und frei und konnten mit platonischer Liebe überhaupt nichts anfangen. Ich wollte Sokrates widerlegen. Das hat seine Zeit gedauert, bis ich sein Denken annehmen konnte. Der platonische Sokrates wurde irgendwann für mich das Gegenüber, das mit fehlte, mit dem ich auch, wenn ich allein zu Hause denke, in Dialog treten kann.

 PA: Das Sokratische Denken hat Sie auch dazu bewogen, eine Philosophische Praxis zu eröffnen. Seit 2001 praktizieren Sie im Prenzlauer Berg. Was ist denn eigentlich eine „Philosophische Praxis“?
Meine Philosophische Praxis ist ein Anlaufpunkt für Menschen, die sich mit ihren Fragen über das Leben, sich selbst und über zwischenmenschliche Bereiche an mich wenden können. Meine Praxis ist eine philosophisch-therapeutische Praxis. Sie richtet sich auch an Menschen, die sich unwohl fühlen.


PA: Welche Verfahrensweisen und Methoden nutzen Sie in Ihrer Praxis?
Anfangs gibt es ausführliche Vorgespräche. Ich schaue, ob es einen Weg gibt und wenn ja, dann mache ich demjenigen Mut. Wir treffen uns meist in Cafés oder in meinen Praxisräumen. Dann höre ich aufmerksam zu und wir erarbeiten gemeinsam die Fragen, die mein Gegenüber hat. Dann schauen wir, ob die Fragen gut sind, ob sie überhaupt zu beantworten sind; schauen, was das Anliegen einer Frage ist. Die Beantwortung geht innerhalb weniger Stunden. Ich weiß nicht, was die Psychoanalyse mit ihren 300 Stunden auf der Couch betreibt. Ich hab noch nie jemanden erlebt, der das hinter sich hat und der danach schlauer war als vorher.

PA: Was kann die Philosophische Praxis leisten, was ein Universitätsstudium oder eine Psychotherapie nicht leisten kann?
Wenn es in einem Universitätsstudium fähige Lehrende gibt, dann kann ein Studium durchaus das gleiche leisten. Nur müssen diese fähigen Lehrenden eben da sein. Und sie brauchen die Möglichkeiten, mit den Studierenden zu sprechen. Da reicht keine halbe Stunde im Semester. Was die Universität nicht bringt, kann ich dann bringen. Die Psychotherapie kann zum Teil ähnliches leisten. Es kommt sehr darauf an, ob der Therapeut gut ist, dann ist auch die therapeutische Schule unwichtig. Die existenzielle Psychotherapie von dem Psychiater Irvin Yalom finde ich beispielsweise großartig. Und die Logotherapie von Victor Frankl geht in eine ähnliche Richtung wie ich, dass sie in Ansätzen den Menschen beim Denken hilft. Diesen Ansatz verfolge ich mit der „Sinntherapie“, die ich auch in meiner Praxis anbiete. Mit Sinn meine ich den griechischen „logos“, also sowohl den kosmischen Sinn, der durch Naturgesetze, Harmonie und Ordnung – auch in der Musik – wiederzufinden ist, als auch den individuellen Sinn. Einerseits ist der Sinn des Lebens uns von Natur aus gegeben, andererseits stehen wir in der Verantwortung, unserem Leben selbst Sinn zu geben und zu fragen: Wofür bin ich da? Wofür will ich da sein?  Wenn einem Menschen Antworten auf diese Fragen fehlen, wird ihm das Leben leicht zur Qual.

PA: Brauch es denn zum Denken ein Gegenüber? Man stellt sich das Denken ja immer als einen furchtbar einsamen Prozess vor … 

Man braucht in der Jugend Mentoren, aber der erwachsene Mensch muss sich dann selbst im Leben zurecht finden. Ich bin sehr oft allein, ich denke allein, ich schreibe allein. Das Forschen allein gehört zum Leben dazu. Ich hätte aber auch liebend gern eine Forschungsgruppe, habe ich aber nicht. Also muss ich es alleine machen. Die berufliche Begegnung mit anderen Menschen ist dann der Part, wo ich das, was ich gelernt und gedacht habe, weitergeben kann. Ich brauche die Begegnung mit den anderen Menschen, sonst könnte ich nicht glücklich sein, auch um zu merken, dass geistiger Widerhall da ist. „Der Geist Gottes schwebt still über den Wassern“ – da hab‘ ich nichts davon. Ich brauch Menschen. Menschen sind eine Notwendigkeit. Ich brauche immer andere Ansichten, um das eigene Denken zu überprüfen. Ich habe beispielsweise intensiven Austausch mit einem Mann, den man ohne Weiteres als rechts abqualifizieren würde. Das ist aber immer nur der Prüfstand meines Denkens. Aus dem Widerstand und Konflikt, der sich daraus ergibt, lerne ich sehr viel.


PA: Im kommenden Jahr wird in den Prenzlberger Ansichten eine neue Reihe erscheinen mit Interviews und Portraits von Künstlern aus Prenzlauer Berg. Sie scheinen auch eine starke Beziehung zur Kunst zu haben. Beispielsweise bieten Sie ein „Theater gegen Angst“ an. Wie befruchten sich Philosophie und Kunst gegenseitig?
Um erfolgreicher Philosoph zu sein, muss man auch Künstler sein. Unter Kunst verstehe ich die Kreativität, das Meinen, das Glauben, die Fähigkeit Ideen zu entwickeln, auszuformulieren und zu gestalten; eine Vision aufzuziehen, einen Einfall zu haben, eine Inspiration. All das eigentlich, was das Leben für uns toll gestaltet; zu spinnen, verrückt zu sein und das auch in Worten auszugestalten. In dem therapeutischen Theater, das ich anbiete, geht es überhaupt nicht um Erkenntnis, da geht es um den Umgang mit Glaubenssätzen und unserem Verhalten. Da geht es mir darum, die Selbstsicherheit zu pushen. Das biete ich an, weil ich selbst die Theaterwelt liebe: da kann ich verrückt sein, da kann ich maßlos sein. Das ist mein Gegenpol zur Philosophie. Die Kunst ist vor der Philosophie da. Wir brauchen Worte, Sätze, Gedanken, über die wir nachdenken können. Wenn jemand die Welt erfährt und in Worte fasst, ist er für mich schon ein Künstler, ein Dichter oder Romanschreiber. Das gibt mir den Stoff, über den ich als Philosoph nachdenken kann.

Das „Theater gegen Angst“ findet das nächste Mal am 29.01.2017 im „Bühnenrausch“ in der Erich-Weinert-Str. 27 statt. Für diese und andere Angebote ist Dr.Michael Gutmann zu erreichen unter: 030/42807776 oder  mail@SokratesBerlin.de.
Mehr Informationen zu den genannten Angeboten von Michael Gutmann gibt es online unter:  http://sinn-therapie.com http://theater-gegen-angst.de.

(erschienen in den Prenzlberger Ansichten,  Januar 2017)

Teil 15: Bazon Brock (* 1936)

„Selig sind, die da immer nur fernsehen wollen, angstfrei sind, die wissen, daß Bilder nicht beißen, wunschlos glücklich sind, denen auf Knopfdruck die ganze Welt vor Augen erscheint.“

bazon-brock
Bazon Brock , c by Schäfer 2006

In der September-Ausgabe schrieb ich über den Philosophen Armen Avanessian. Nach Byun-Chul Han, Philipp Ruch und Armen Avanessian stelle ich mit Bazon Brock nun den vierten Gegenwartsphilosophen vor. Bazon Brock betreibt seit 2011 in Kreuzberg die „Denkerei“ und liefert mit ihr einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Stadtleben.

Es scheint eine Eigenart der Gegenwartsphilosophie zu sein, sich über die akademischen Grenzen hinaus zu positionieren. Aktuelle Philosophen treten nicht mehr nur in Vorlesungssälen auf, um eine müde Studentenschaft mit antiquierten Termini zu bombardieren; ihre Themen kreisen nicht um metaphysische Probleme, die unsere geschichtliche und gesellschaftliche Lage gar nicht erst tangieren. Stattdessen äußern sie sich in politischen Talkshows oder verpacken ihre Botschaften in Kunstperformances. Neben den Philosophen Richard David Precht, Peter Sloterdijk und Slavoj Žižek ist Bazon Brock wohl eins der bekanntesten Gesichter dieser Medienphilosophen. Wobei die Begriffe Medien- oder Populärphilosoph auf Bazon Brock wohl nur in einem ganz bestimmten Sinne zutreffen: Seine Gesellschaftskritik fällt oft vernichtend aus, seine Kunst ist keineswegs massenkompatibel.

Als er 1959 an der Hamburger Kunsthochschule zusammen mit Friedensreich Hundertwasser und Herbert Schuldt eine „Endlose Linie“ zeichnete, löste das große Skandale aus. Die Linie war am Ende zehn Kilometer lang, sie ging über Wände und Türen eines Seminarraums und sollte vor allem eins ausdrücken: Akademische Kunst geht mir gegen den Strich. Bazon Brock wendet sich gegen die traditionelle, normative Ästhetik der Aufklärung. Er war in der Fluxus-Bewegung aktiv, beteiligte sich zu Beginn der 60’er Jahre auch an Kunst-Happenings mit Joseph Beuys. Nach Brock sollte Kunst nicht einer bestimmten Elite, sondern jedem Menschen zugänglich sein, frei nach dem Leitspruch von Beuys: Jeder Mensch ist ein Künstler. Er ist mehr Philosoph, denn Kunstwissenschaftler.

Wie sehr ihm die westliche Politik gegen den Strich geht, äußert Bazon Brock regelmäßig in Fernsehsendungen. Einige mögen sich noch an das Interview vor zwei Jahren zur „Männerfreundschaft“ zwischen Putin und Schröder erinnern, in dem er mit Inbrunst über die „Heuchlerei“ und „Verdorbenheit“ des Westens sprach. Die Moderatorin mag er in diesem Interview einigermaßen an die Wand geredet haben. Und das ist kein Wunder – schließlich bedeutet sein selbst gewählter Künstlername „Bazon“ auf Griechisch schlicht: Schwätzer. Bei seinen Auftritten übermittelt er implizit die Botschaft, man müsse frei reden, solange und wo man nur könne. Und er geht dieser Devise mit gutem Beispiel voran.

Bazon Brock mag es, mit Menschen aus verschiedensten Milieus zu diskutieren und streiten. Als Diskussionsforum dient ihm seit 2011 seine Berliner „Denkerei“.

Die Idee zur „Denkerei“ reicht bis in das Jahr 1968 zurück. In diesem Jahr gründete Bazon Brock während der Kasseler dokumenta 4 eine „Besucherschule“. Hier vermittelte der frisch gebackene Ästhetikprofessor Bazon Brock den Besuchern ein Verständnis der zeitgenössischen Kunst jenseits von Richtig und Falsch. Auch wenn seine Besucherschule 1982 eingestellt wurde, engagierte er sich weiter für die nicht-normative Kunstvermittlung. Seine „Denkerei“ in Berlin ist hierfür einer der wichtigsten Anlaufpunkte.

Die „Denkerei“ befindet sich am Kreuzberger Oranienplatz. Sie organisiert Veranstaltungen in den Bereichen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Meist ist der Eintritt zur „Denkerei“ frei, erfordert jedoch eine vorherige Anmeldung. Eine empfehlenenswerte Veranstaltung ist in diesem Monat das vom 17.-18.11 stattfindende Symposium zur Gegenwart und Zukunft des Journalismus. Mit Gästen wie dem ZIP 2-Moderator Armin Wolf, dem Regierungssprecher Georg Streiter und der freien Journalistin Silke Burmeister wird Bazon Brock über neue Wege des investigativen Journalismus diskutieren. Die Veranstaltung möchte die hohe Bedeutung der Recherche in Zeiten von anhaltender Medienkritik und zugespitzter politischer Lage hervorheben.

Mehr zu Bazon Brocks Denkerei auf: www.denkerei-berlin.de

Im Januar 2017 werde ich zum letzten Mal über einen Berliner Denker schreiben. In der nächsten Ausgabe werde ich mich mit dem Philosophen Dr. Michael Gutmann beschäftigen. Gutmann betreibt in Prenzlauer Berg eine Philosophische Praxis, in der er therapeutische Ansätze mit der Philosophie von Sokrates vereint.

(veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, November 2016)