Reportage

Ab 2014 unternahm ich mehrere Ausflüge ins journalistische Schreiben. Ohne fundierte Ausbildung und angesichts der präkeren Bezahlung entschied ich mich grundsätzlich gegen eine journalistische Laufbahn. 
Falls mir jedoch mal wieder das Schreiben einer Reportage angeboten wird, würde ich nicht Nein sagen. Sie ist meine liebste Textart im Zeitungsuniversum, weil sie nah am Menschen ist und vor Längen nicht zurückschreckt.

18.06.2014, 07:19 Uhr

Soziales Gärtnern im Brennpunkt Wedding

Das „Himmelbeet“ an der Ruheplatzstraße gedeiht seit Gründung vor einem Jahr prächtig. Schon soll expandiert werden. Nur die Zahl der Migrant*innen ist noch steigerungsfähig. Unsere Autorin, selbst Helferin bei dem Projekt, zieht Bilanz. JOHANNA SAILERDas interkulturelle "Himmelbeet" an der Ruheplatzstraße

Das interkulturelle „Himmelbeet“ an der Ruheplatzstraße FOTO: PROMO

Ein Geschäft mit der Sehnsucht nach wohltuendem Grün. Eine atmende Lunge im dreckigen, tosenden Berlin. Ein urbaner Garten im Brennpunkt Weddings zwischen Leopold- und Nauener Platz. Viel Geld lässt sich damit nicht verdienen. Aber viele Bonuspunkte auf dem Karmakonto. Denn die Weddinger haben Sehnsucht nach einem Ort, an dem die Uhren etwas langsamer Ticken, die  schäumenden Wellen des Großstadtmeeres abflachen und die meterhohen Grenzwälle in den Köpfen der Bewohner für einen Moment vergessen sind.

Das ist jedenfalls die Erfahrung von Hannah Lisa Linsmaier, der Gründerin des interkulturellen Gartenprojekts „Himmelbeet“. Die gebürtige Münchnerin wohnt nun schon mehr als zehn Jahre in Berlin. Es war ihre eigene Sehnsucht, eine ausgemachte Lücke, die sie bemerkte und schließen wollte. Sie wollte dem Verfall etwas entgegensetzen, das eine Heilkraft entfaltet; eine leblose Baulücke mit Schönheit füllen. Die Vision vom Himmelbeet war geboren.

Im letzten Jahr hat sie einen Garten für Alle an der Ruheplatzstraße etabliert, ein Projekt, das von den meisten Bewohnern dankbar angenommen worden ist. 150 Pachtbeete finden sich hier, in Form mobiler Hochbeete und 50 weitere Gemeinschaftsbeete, in denen sich auch die Anwohner austoben und engagieren können und deren Ertrag im Gartencafé verkauft wird. Doch der relativ kleinen Fläche steht eine noch viel größere Nachfrage gegenüber.

Doppelt so hoch sei die, sagt Hannah Lisa Linsmaier. „Eigentlich bräuchten wir bereits jetzt ein zweites Himmelbeet, um den Anfragen der Bewohner nachzukommen.

Bereits seit Anfang des Jahres sucht sie nach Möglichkeiten zu expandieren, bislang ohne Erfolg.

Ich frage sie, ob sie mit der Entwicklung des Himmelbeetes zufrieden sei, ob sich ihre, ja doch recht hohen, Erwartungen erfüllt hätten. „Das Team des Himmelbeets ist jung, ambitioniert und überarbeitet.“, antwortet Linsmaier und auch ich muss lachen. Denn seit kurzem bin auch ich im Team der freiwilligen Helfer, und die drei Attribute geben gut wieder, was ich hier selbst erlebt habe.

Ein wenig Heimat

„Wir wollen nicht hip sein, sondern den Menschen ein wenig Heimat bieten.“, sagt sie. „Wir wussten, dass sich unser Vorhaben nicht von heute auf morgen verwirklichen lässt. Deshalb sind wir es langsam angegangen – und wurden bisher auch nicht enttäuscht. Die positiven Reaktionen der Weddinger sind der beste Lohn für die viele Arbeit, die wir im letzten Jahr in das Projekt gesteckt haben.“

Natürlich sei vorher nicht absehbar gewesen, wieviel Arbeit es wirklich bedeutet, eine idealistische Idee wie die vom Himmelbeet umzusetzen. Die Suche nach Firmen und Stiftungen, die das Projekt unterstützen, nehme viel Zeit ein. Gerade kürzlich wurde eine Mitarbeiterin für das Fundraising eingestellt und mittlerweile ist das Himmelbeet eine gemeinnützige GmbH.

Im Moment werden Gelder benötigt, um die geforderten 12.000 Euro an die BSR zahlen zu können, damit der Garten endlich an das Berliner Wassersystem angeschlossen wird. Außerdem wird ein großes Café gebaut, und als nächstes sind Komposttoiletten geplant. Ein Kampf um jeden Euro.

Was bei weiteren Vorhaben hilft, ist die Zusammenarbeit mit anderen Kiez-Projekten. Das Himmelbeet ist unter anderem mit Gangway und dem Kinder- und Jugendladen Max14 vernetzt, mit dem Runden Tisch am Leopoldplatz und dem Händlerfrühstück. Cafés in der Umgebung werden mit Produkten aus dem Garten beliefert. Und fast täglich sind Schulklassen im Garten. Denn 10-15 Pachtbeete gehen momentan an soziale Einrichtungen, auch eine Behindertenwerkstatt sei Pächter. „Wir wollen Vernetzung, statt irgendetwas neu zu erfinden.“, sagt Hannah Lisa Linsmaier

Aufregend und mitunter nicht leicht gestaltet sich die Arbeit in einem interkulturellen Projekt. So gab es während meiner Einsatzzeit zum Beispiel eine Gruppe türkischer Männer im Himmelbeet, die frische Salatköpfe kaufen wollten, jedoch nicht zum angegebenen Preis. Sie wollten feilschen und  es war schwer, ihnen klarzumachen, dass das Himmelbeet kein Marktplatz ist.

Die Himmelbeet-Gründerin erzählt auch von zwei türkischen Frauen, die beim Anblick des Gartens in Tränen ausgebrochen seien, weil sie sich an ihren eigenen Garten in der Heimat erinnert fühlten. Die slowenischen Nachbarsjungen seien regelmäßige Gäste.

Doch im Allgemeinen ist es noch mühsam, die gesamte Nachbarschaft für das Projekt zu begeistern. Und das stellt das Himmelbeet unter einen ganz besonderen Druck. Denn hinsichtlich der Fördergeldakquise muss das gemeinnützige Unternehmen zählen, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund, Kinder, Rentner und Touristen ihren Weg in den Garten finden. Nach der ersten Zählaktion im Jahr 2013 war von Juni bis Oktober die Strichliste in der Zielgruppen-Spalte „Touristen“ am längsten. Rund 25 % der Besucher waren Berlin-Gäste, aber nur 7,6 % Menschen mit Migrationshintergrund, 4,2 % Kinder- und Jugendliche und 3,3 % Rentner.

Besucherzahl soll verdoppelt werden

Die Gesamtbesucherzahl von 12.000 aus der Hauptsaison 2013 könnte sich in diesem Jahr verdoppeln, schätzt Linsmaier, und die verschiedenen Zielgruppen einen höheren Anteil ausmachen. Schließlich ist das Himmelbeet erst anderthalb Jahre alt und hat in dieser kurzen Zeit Struktur und Netzwerk erheblich ausgebaut.

Anfangs bestand das Team beispielsweise aus jungen Studenten, die in Deutschland aufgewachsen sind. Mittlerweile gebe es Freiwillige aus Spanien, England und Tschechien, eine Fundraising-Mitarbeiterin aus Indien und eine FÖJ’lerin aus der Türkei. Viele Workshops in diesem Jahr werden sich besonders an Frauen mit Migrationshintergrund und Kinder und Jugendliche richten, um die Anteile in diese Gruppe zu erhöhen. So ist für den 6.September ein Heilkräuterworkshop mit Güliz Avci geplant und auch einen Kochworkshop speziell für Kinder soll es geben, sobald das neue Café fertiggestellt ist.

Aber kulturelle Grenzen zu überwinden, gesteht Hannah Lisa Linsmaier, sei schon schwierig. „Arabische Frauen schlendern nicht.“, erklärt sie. Sie hätten ihre festen Wege, man müsse sie woanders abholen. Deshalb werden die LSK-Frauenworkshops mit Kinderbetreuung in arabischen und türkischen Frauenkulturvereinen und Zeitungen beworben. Auch um türkisch- und arabisch sprechende Mitarbeiter bemühe sie sich.

Zu den Tangoabenden, die jeden zweiten und vierten Donnerstag im Monat im Garten stattfinden, kommt nun ein Kleinkunstabend mit offener Bühne, auf der die Weddinger ihre kreative Seite zeigen können. Der erste Kleinkunstabend findet am 30.Juli statt. Und wer im Garten mithelfen möchte, ist am Donnerstagnachmittag und Samstagvormittag willkommen. Alle weiteren Veranstaltungen sind auf himmelbeet.com nachzulesen.

Die Autorin Johanna Sailer hat Philosophie studiert und schreibt derzeit an ihrem ersten Roman. Ihr Blog heißt johannasailer.com .

Dieser Artikel erschien im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

(https://www.tagesspiegel.de/berlin/interkulturelles-gartenprojekt-himmelbeet-soziales-gaertnern-im-brennpunkt-weddings/10061396.html)

Arbeit und Struktur (W. Herrndorf)

Arbeit und Struktur (W.Herrndorf)

Vor ein paar Jahren „In Plüschgewittern“, sofort Herrndorf-infiziert. Erzählerisch kein Meisterwerk aber die Stimmen und Bilder so vertraut, fast gespenstisch. Als sei ein Teil von mir in Buchform erschienen, zum Durchblättern und  Hinstellen. Dann „Bilder deiner großen Liebe“, „Tschick“, diesen Frühsommer „Sand“ und jetzt im Spätsommer endlich „Arbeit und Struktur“ in Buchform. Schon mal in Blogform begonnen, aber bei der Fülle der Seiten am Bildschirm kaum zu bewältigen, aufgegeben.

Herrndorfs Verweigerung und zunehmende Unfähigkeit „Ich“ zu sagen, ermutigt mich, persönlicher zu schreiben. Den stichpunktartigen Stil samt aneinander gereihter Aufzählungen übernommen. Guter Weg, sich die Seele vom Leib zu schreiben, ohne sich allzu prätentiös vorzukommen (im Wirklichkeit natürlich durch und durch prätentiös. Sonst wäre die Vorwegnahme des Urteils über die eigene Außenwirkung gar nicht möglich gewesen). Noch knapp 150 Seiten und zittrige Hände, muss immer wieder absetzen und mich ablenken. Kopfschuss in Sicht. Kein leichtes Thema …

Vernissage „Mentoring Kunst“ in Mestlin

Am 16.06. um 11 Uhr eröffnet die Ausstellung „Mentoring Kunst“ im Mestliner Kulturhaus. Mentorinnen und Mentees aus 2016/2017 werden aktuelle Werke ausstellen. Silke Peters, Bertram Reinecke und ich werden Lyrik und Prosa lesen.

Mestlin ist ein ehemaliges sozialistisches Musterdorf. Die Süddeutsche Zeitung nannte es in einem Artikel 2017 „Die Stalinallee der Dörfer“. Im Kulturhaus spielten schon „Silly“ und Karat“. Heute steht das Haus unter Denkmalschutz. Ein Verein aus hauptsächlich Zugezogenen begann 2008, das Kulturhaus wieder zu beleben (Quelle: NDR). Ich bin Teil dieser Wiederbelebung und ihr seid es hoffentlich auch! Kommt bitte zahlreich aus Ost und West!

Glücksschweine (Markus Liske)

Weißt du noch, damals? Als in Kambodscha Bürgerkrieg herrschte. Als die Angst vor Aids noch frisch war. Als Kurt Cobain noch lebte. Als „Creep“ von Radiohead in den Charts lief. Als das Berliner E-Werk die Punks von gestern in Technobeats und Ecstasywolken lullte. Als Elektro noch krass war. Weißt du noch? Als Langzeitstudenten lieber starben, als ihre Magisterarbeit zu beenden.

Nein, muss ich sagen, ich weiß nicht.

Ich war auch in der roten Infobox am Potsdamer Platz. Ich erinnere mich an die gelben Kräne, die wie apokalyptische Monster in den Himmel ragten. Vielleicht bin ich dort in Latzhose und mit Eis in der Hand Typen wie Euch über den Weg gelaufen; Typen mit Telleraugen und Lederjacken. Doch in den 2000ern, in denen meine Jugend stattfand, habe ich von Euren Abenteuern nur noch die Nachwirkungen mitbekommen. Ich habe mitbekommen, wie Punks zu Emos wurden, Hausbesetzer zu Ökos, Raver zu Hipster und Magister zu Master. Ich habe gesehen, dass es nach der Apokalypse, die ihr als ein Ende gefeiert habt, weiterging. Wie die Apokalypse real wurde; wie sie normal wurde. Die 2000er waren wie der Kater nach dem Rausch der 90er. Die Zeit der vernünftigen Vorsätze. In der nur soviel gefeiert wurde, wie es ein Studium in Regelzeit verträgt. In der Dichter lieber Bionade tranken, als Selbstmord zu begehen. Ist ja auch viel gesünder. Aber ein Buch über die 90er ist auch nicht schlecht.

Schwämme (Kathrin Bach)

Schwämme, Kathrin Bach Eindrücke kommen als Bilder. Der lyrische Leib kann seine Gliedmaßen dehnen. Ein Horchen ist dann sichtbar wie ein Faden bis zu der Stelle, an der das Haus knarrt. Und immer die Zunge! Diese Zunge, die alles ableckt und die Haut, die vibriert. Wie der Weitblick sich in den Leib drückt! Wie Bilder, die ich sehe, zu Pixel auf der Netzhaut werden. Wie immer alles so erstaunlich ist!, wie mit Ausrufezeichen, und ich nur schauen muss und manchmal einen dicken Eindruck runterschlucke wie ein Ei.

Karte und Gebiet (Michel Houellebecq)

2017-02-13-09-22-19Der Autor schreibt sich selbst in den Roman. Dort steht er – liegt, hockt, windet sich – und hält die Zeilen zusammen. Zweidrittel des Buches vermag er dem Sog der Handlung standzuhalten, doch dann zerreißt es ihn. In tausend Teile zerborsten liegt er auf dem Teppich. Tot. Täter spurlos verschwunden.

Er ist Architekt, seine Bauzeichnungen von größter Präzision. Das Fundament gelingt den Plänen entsprechend, dann will der Baustoff nicht, wie er will, zwingt den Architekten zu Kompromissen. Er entfernt sich immer mehr von seinen ursprünglichen Plänen und schafft am Ende ein stabiles Gebäude, einzigartig in seinem Erscheinen. Vom Architekten geplant und vom Baustoff geschaffen.

Gegenstände beißen nicht. Gut, wenn man Angst vor Menschen hat. Oder ist es Desinteresse? Vielleicht sind Gegenstände die Ängste der Menschen in geschlossener Form. Wie eine Phobie, die man in Metall gießt und zu einem Schlagring formt.

Sinnlich und denkend zu neuen Lebenswegen

Michael Gutmann erzählt von seiner philosophischen Praxis in Berlin-Prenzlauerberg

PA: Herr Gutmann, unsere philosophische Reihe in den Prenzlberger Ansichten heißt „Vermessung des Denkens“. Glauben Sie, dass Denken sich vermessen lässt?

In der Sokratischen Philosophie gehört das Vermessen dazu. Das Maß als Kriterium der Beurteilung richtet sich in der Philosophie nach den Fragen des Guten, Schönen und Richtigen. Das ist ein qualitatives Vermessen, ein Bewerten, im Gegensatz zum quantitativem Vermessen der empirischen Wissenschaften. Denken braucht ein Maß, sonst ist es haltlos. Wir brauchen eine Orientierung.In der Psychologie und Philosophie gibt es meist nur ein subjektives Maß. Bei mir gibt es ein objektives Maß. Wenn sich jemand in seinem Denken in Widersprüche verfängt, dann ist sein Gedanke einfach falsch. Diese logischen Widersprüche versuche ich in meiner Philosophischen Praxis aufzudecken. Ich baue auf den logischen, einfachen drei Grundgesetzen auf: der „Satz der Identität“ sichert, dass man nicht von Hölzchen auf Stöckchen kommt, der „Satz des Widerspruchs“ besagt, dass a ungleich nicht-a ist, der „Satz des ausgeschlossenen Dritten“ besagt, dass a entweder a oder nicht-a sein kann, aber kein Drittes.  Da sieht man, wie eingeschränkt mein Denken ist. Ich lebe in diesem mesokosmischen Bereich, kümmere mich um Bereiche, die wir als Menschen sinnlich erfassen können. Ich bin kein Teilchen- oder Quantenphysiker, wo möglicherweise ganz andere Gesetze gelten. Ich kümmere mich nur um diesen Bereich menschlichen Lebens, Denkens und Verhaltens. Die Dinge, wofür wir, denke ich, in der Welt auch vorrangig da sind.

PA:  Für die Reihe „Vermessung des Denkens“ interessierten mich besonders die persönlichen Hintergründe philosophischen Denkens. Durch welche Fragen und Probleme wurden Philosophen zu ihren Werken motiviert? Wie sahen sie sich selbst? Da Sie mir nun gegenübersitzen: Welche Probleme und Fragen haben Sie in ihrem Leben zum philosophischen Denken motiviert?
Ohne es zu wissen, habe ich schon immer eine gewisse Freude an der Logik gehabt. Bauen, Planen, Schrauben: Vor meinem Philosophiestudium habe ich als Ingenieur gearbeitet. Mit 20 oder 22 habe ich mich gefragt, was mein Leben soll. Ich war geprägt von dem frühen Tod meines Vaters. Mir fehlte ein Mentor. Das hat später auch zu meinem Beruf geführt. Da ich aus philosophischen Schriften nicht richtig schlau geworden bin, habe ich zuerst versucht, meinen Fragen auf künstlerischem Weg näher zu kommen. Zwei, drei Jahre lebte ich auf dem Land und habe Tierkadaver, Schädel und Knochen gemalt und in Ton modelliert, weil mich die Vergänglichkeit und diese Sterbeprozesse interessierten. Meine Fragen haben mich 1985 nach West-Berlin geführt. Denn in Süddeutschland konnte ich nicht als Ingenieur und gleichzeitig als Philosoph arbeiten. Die hätten mir alle ’nen Vogel gezeigt. An der FU Berlin habe ich angefangen Philosophie zu studieren. Während des Studiums habe ich einen Lehrer gefunden, einen Privatdozenten. An dem bin ich dran geblieben und der hat mich auch an das Sokratische Denken herangeführt. Am Anfang hat mir Sokrates gar nicht gefallen. Der hat mich negiert und fertig gemacht. Aussagen wie „Staat ist gut“ entsprachen überhaupt nicht meiner Lebensrealität. Wir in Kreuzberg fanden den Staat scheiße. Lieben wollten wir leidenschaftlich und frei und konnten mit platonischer Liebe überhaupt nichts anfangen. Ich wollte Sokrates widerlegen. Das hat seine Zeit gedauert, bis ich sein Denken annehmen konnte. Der platonische Sokrates wurde irgendwann für mich das Gegenüber, das mit fehlte, mit dem ich auch, wenn ich allein zu Hause denke, in Dialog treten kann.

 PA: Das Sokratische Denken hat Sie auch dazu bewogen, eine Philosophische Praxis zu eröffnen. Seit 2001 praktizieren Sie im Prenzlauer Berg. Was ist denn eigentlich eine „Philosophische Praxis“?
Meine Philosophische Praxis ist ein Anlaufpunkt für Menschen, die sich mit ihren Fragen über das Leben, sich selbst und über zwischenmenschliche Bereiche an mich wenden können. Meine Praxis ist eine philosophisch-therapeutische Praxis. Sie richtet sich auch an Menschen, die sich unwohl fühlen.


PA: Welche Verfahrensweisen und Methoden nutzen Sie in Ihrer Praxis?
Anfangs gibt es ausführliche Vorgespräche. Ich schaue, ob es einen Weg gibt und wenn ja, dann mache ich demjenigen Mut. Wir treffen uns meist in Cafés oder in meinen Praxisräumen. Dann höre ich aufmerksam zu und wir erarbeiten gemeinsam die Fragen, die mein Gegenüber hat. Dann schauen wir, ob die Fragen gut sind, ob sie überhaupt zu beantworten sind; schauen, was das Anliegen einer Frage ist. Die Beantwortung geht innerhalb weniger Stunden. Ich weiß nicht, was die Psychoanalyse mit ihren 300 Stunden auf der Couch betreibt. Ich hab noch nie jemanden erlebt, der das hinter sich hat und der danach schlauer war als vorher.

PA: Was kann die Philosophische Praxis leisten, was ein Universitätsstudium oder eine Psychotherapie nicht leisten kann?
Wenn es in einem Universitätsstudium fähige Lehrende gibt, dann kann ein Studium durchaus das gleiche leisten. Nur müssen diese fähigen Lehrenden eben da sein. Und sie brauchen die Möglichkeiten, mit den Studierenden zu sprechen. Da reicht keine halbe Stunde im Semester. Was die Universität nicht bringt, kann ich dann bringen. Die Psychotherapie kann zum Teil ähnliches leisten. Es kommt sehr darauf an, ob der Therapeut gut ist, dann ist auch die therapeutische Schule unwichtig. Die existenzielle Psychotherapie von dem Psychiater Irvin Yalom finde ich beispielsweise großartig. Und die Logotherapie von Victor Frankl geht in eine ähnliche Richtung wie ich, dass sie in Ansätzen den Menschen beim Denken hilft. Diesen Ansatz verfolge ich mit der „Sinntherapie“, die ich auch in meiner Praxis anbiete. Mit Sinn meine ich den griechischen „logos“, also sowohl den kosmischen Sinn, der durch Naturgesetze, Harmonie und Ordnung – auch in der Musik – wiederzufinden ist, als auch den individuellen Sinn. Einerseits ist der Sinn des Lebens uns von Natur aus gegeben, andererseits stehen wir in der Verantwortung, unserem Leben selbst Sinn zu geben und zu fragen: Wofür bin ich da? Wofür will ich da sein?  Wenn einem Menschen Antworten auf diese Fragen fehlen, wird ihm das Leben leicht zur Qual.

PA: Brauch es denn zum Denken ein Gegenüber? Man stellt sich das Denken ja immer als einen furchtbar einsamen Prozess vor … 

Man braucht in der Jugend Mentoren, aber der erwachsene Mensch muss sich dann selbst im Leben zurecht finden. Ich bin sehr oft allein, ich denke allein, ich schreibe allein. Das Forschen allein gehört zum Leben dazu. Ich hätte aber auch liebend gern eine Forschungsgruppe, habe ich aber nicht. Also muss ich es alleine machen. Die berufliche Begegnung mit anderen Menschen ist dann der Part, wo ich das, was ich gelernt und gedacht habe, weitergeben kann. Ich brauche die Begegnung mit den anderen Menschen, sonst könnte ich nicht glücklich sein, auch um zu merken, dass geistiger Widerhall da ist. „Der Geist Gottes schwebt still über den Wassern“ – da hab‘ ich nichts davon. Ich brauch Menschen. Menschen sind eine Notwendigkeit. Ich brauche immer andere Ansichten, um das eigene Denken zu überprüfen. Ich habe beispielsweise intensiven Austausch mit einem Mann, den man ohne Weiteres als rechts abqualifizieren würde. Das ist aber immer nur der Prüfstand meines Denkens. Aus dem Widerstand und Konflikt, der sich daraus ergibt, lerne ich sehr viel.


PA: Im kommenden Jahr wird in den Prenzlberger Ansichten eine neue Reihe erscheinen mit Interviews und Portraits von Künstlern aus Prenzlauer Berg. Sie scheinen auch eine starke Beziehung zur Kunst zu haben. Beispielsweise bieten Sie ein „Theater gegen Angst“ an. Wie befruchten sich Philosophie und Kunst gegenseitig?
Um erfolgreicher Philosoph zu sein, muss man auch Künstler sein. Unter Kunst verstehe ich die Kreativität, das Meinen, das Glauben, die Fähigkeit Ideen zu entwickeln, auszuformulieren und zu gestalten; eine Vision aufzuziehen, einen Einfall zu haben, eine Inspiration. All das eigentlich, was das Leben für uns toll gestaltet; zu spinnen, verrückt zu sein und das auch in Worten auszugestalten. In dem therapeutischen Theater, das ich anbiete, geht es überhaupt nicht um Erkenntnis, da geht es um den Umgang mit Glaubenssätzen und unserem Verhalten. Da geht es mir darum, die Selbstsicherheit zu pushen. Das biete ich an, weil ich selbst die Theaterwelt liebe: da kann ich verrückt sein, da kann ich maßlos sein. Das ist mein Gegenpol zur Philosophie. Die Kunst ist vor der Philosophie da. Wir brauchen Worte, Sätze, Gedanken, über die wir nachdenken können. Wenn jemand die Welt erfährt und in Worte fasst, ist er für mich schon ein Künstler, ein Dichter oder Romanschreiber. Das gibt mir den Stoff, über den ich als Philosoph nachdenken kann.

Das „Theater gegen Angst“ findet das nächste Mal am 29.01.2017 im „Bühnenrausch“ in der Erich-Weinert-Str. 27 statt. Für diese und andere Angebote ist Dr.Michael Gutmann zu erreichen unter: 030/42807776 oder  mail@SokratesBerlin.de.
Mehr Informationen zu den genannten Angeboten von Michael Gutmann gibt es online unter:  http://sinn-therapie.com http://theater-gegen-angst.de.

(erschienen in den Prenzlberger Ansichten,  Januar 2017)