Portrait

Von 2014-2016 schrieb ich für die „Prenzlberger Ansichten“ Portraits zu Berliner Denker*innen. Die Reihe hieß „Denken in Berlin“. Seit dieser Zeit bin ich großer Fan von Biografien und obzessive Zuhörerin von Familiengeschichten. Zeitgleich im Philosophiestudium begann ich, mich mit Erzählakten zu beschäftigen und schrieb schlußendlich meine Masterarbeit zu diesem Thema.

Süchtig nach Kirschen und nach Zigaretten: Hannah Arendt

Von 1929 bis 1937 erste Ehe mit Günther Stern

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1924 begegnen Arendt und Stern sich zum ersten Mal auf Kant- und Hegel-Seminaren in Marburg. Günther Stern fällt Arendt durch seine intellektuelle Brillanz auf. Doch die 18-jährige Studentin hat nur Augen für ihren Professor. Mit Martin Heidegger pflegt sie ein erotisches Verhältnis. Es wird weitere fünf Jahre dauern, bis die ehemaligen Kommilitonen sich in Berlin, fern vom ewigen Nebenbuhler Heidegger, auf einem Tanzball näher kommen. Günther Stern kokettiert in seinen Aufzeichnungen mit der Behauptung, Hannah an diesem Abend durch ein kantianisches Versprechen für sich gewonnen zu haben, das sich leider nie bewahrheitet: „Lieben sei derjenige Akt, durch den man etwas Aposteriorisches: den zufällig getroffenen Anderen, in ein Apriori des eigenen Lebens verwandle.“

Auf diesem intellektuellen Niveau führt sich das Verhältnis der beiden jungen Philosophen fort. Zwar habe es nach Stern sinnliche Momente zwischen ihnen gegeben; er erinnere sich an leidenschaftliche Kirschen-Orgien auf dem gemeinsamen Balkon in Potsdam-Drewitz – Hannah sei ebenso süchtig nach Kirschen wie nach Zigaretten gewesen; sie habe die Kirschen vermutlich samt Kern und Stiel verschlungen, so Stern. Und doch bleibt ihre größte geteilte Leidenschaft der philosophische Dialog.* Erotische Gefühle oder gar Liebe hebt Hannah sich für Andere auf. Auf dieser sachlich-romantischen Grundlage heiraten Hannah Arendt und Günther Stern noch im selben Jahr. Hannah Arendt wird später resümieren, sie habe geheiratet „ganz gleich wen, ohne zu lieben.“ Und das tat sie angeblich mit vollem Bewusstsein; sei es aus Trotz; sei es, um die Trennung von Heidegger zu überwinden; sei es, um der Lebens-und Liebesgeschichte der jüdischen Saloniére und Schriftstellerin Rahel Varnhagen nachzueifern.

Zu dieser Zeit arbeitet Hannah Arendt nämlich an einer Studie über Rahel Varnhagen, ergründet deren Liebesleben und überträgt ihre biografische Arbeit vermutlich auf ihre eigene Situation. So schreibt Arendt, Rahel habe sich ihren romantischen Amouren abgewandt und Karl August Varnhagen geheiratet, um lieber „einsam mit einem zweiten zusammenzuleben, als an (…) platonischer Bewunderung zugrunde zu gehen.“ Parallel dazu habe ihre erste große Liebe Heidegger sie „zum Leben erweckt“ und Günther Stern ihr, vermutlich, das Leben gerettet. Denn Stern zeigt sich seiner Ehefrau gegenüber nicht nur intellektuell ebenbürtig. Er ist gutmütig, bewundernd, und: er liebt sie. Der hingebungsvolle Ehemann erhofft sich eine romantische Lebens- und Denkgemeinschaft mit dieser rebellischen Frau, doch bereits 1933 scheiden sich die philosophischen und politischen Interessen der Eheleute. Günther Stern hat in der Zwischenzeit einen neuen Nachnamen. Er nennt sich jetzt Günter Anders und verkehrt im Umfeld von Bertholt Brecht. Hannah Arendt schreibt weiterhin an ihrem Rahel-Werk und hat erste Kontakte zu Zionisten aufgenommen.

1937 lassen sich Arendt und Anders scheiden. Nach dem Reichstagsbrand flieht er nach Paris. Sie bleibt vorerst in Berlin und riskiert eine Verhaftung durch die Gestapo. Nach ihrer Freilassung folgt sie Günther Anders ins Exil nach Paris. Dort verfällt Hannah Arendt bald dem herrschsüchtigen Heinrich Blücher, den sie 1940 heiraten wird. Ihr zweiter Ehemann stellt für Arendt gewissermaßen einen gesunden Kompromiss zwischen dem erotischen Machtspiel mit Heidegger und dem Vernunftbündnis mit Günther Anders da. Blücher wird ihr Heimat, Leidenschaft, Eigenständigkeit und Liebe. Mit ihm und ihrer Mutter immigriert Hannah Arendt 1941 in die USA.

*Einen lebhaften Eindruck der philosophischen Dialoge zwischen Günther Stern und Hannah Arendt verschafft das Buch: „Die Kirschenschlacht. Dialoge mit Hannah Arendt“ (Günther Anders, C.H.Beck, 2011).

(veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, November 2015)

Ein Träumer aus reichem Hause: Ludwig Wittgenstein

Von 1906 – 1908 Maschinenbau-Student an der Königlich Technischen Universität zu Berlin

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Es war irgendein Montag in irgendeinem Monat im Jahr 1907, als der 18-jährige Ludwig einen folgenschweren Entschluss fällte. Entscheidungen hatten bis dato immer andere für ihn übernommen. Sein Vater Karl, der Stahlmagnat, war einer der reichsten Männer in Österreich-Ungarn. „Geh nach Berlin! Mach deinen Doktor!“, hatte der gesagt. „Werd Unternehmer! Wie dein Vater!“, setzte er nach.

Der Vater war kein Mann der vielen Worte, er ließ Taten sprechen. Und Musik. Richard Strauss, Gustav Mahler und Johannes Brahms gingen bei den Wittgensteins in Wien ein und aus und Paul, Ludwigs exzentrischer Bruder, war ein Virtuose am Piano. „Ein Künstler und zwei Freitote in der Familie genügen!“, hatte der Vater gesagt.

Ohnmächtig war Ludwig dem Wunsch des Vaters gefolgt. Auch wenn er tief im Inneren spürte, dass ihn ganz andere Geister umgaben. Es war gerade mal drei Jahre her, dass sein ältester Bruder Rudolf sich hier in Berlin das Leben genommen hatte. Ein lebensmüder, homosexueller Lebemensch und der beste Bruder der Welt – verlebt. Viel zu schnell.

Ludwig fand in sich die ernüchternde Erkenntnis, dass alles, was ist, viel zu schnell verfliegt, wie ein betörender Geruch oder ein schöner Augenblick.

Wie lässt sich das Gewesene konservieren? Und was ist beständig?

Wenn wirklich gar nichts bliebe, würde Ludwig nicht länger zögern und es seinem Bruder gleich tun!

Ludwig fuhr hoch. Vom eigenen Gedanken erschrocken. Der hochverehrte Professor Georg Schlesinger stand am Pult und erzählte etwas über DIN 8580 ff. Oder DIN 69651? Genau genommen interessierte es Ludwig nicht. Es war auch gar nicht sein Gebiet, hatte er sich doch auf flugtechnische Fragen spezialisiert. Er wollte bald einen Flugzeugmotor bauen. „Wenn alles verfliegt“, dachte er, „dann will ich wenigstens mit!“.

Ein durchaus konsequenter Entschluss, doch seine Gefühle und Gedanken flogen chaotisch durcheinander.

„Spielt es eigentlich so eine große Rolle, was man sagt, wenn man weiß, wer man ist?“, dachte er. „Erklären wir uns mit unserem Gefasel nicht vielmehr ununterbrochen selbst, dass wir keine Antworten auf irgendetwas haben, und uns unsere Ungewissheiten und Zweifel nur tot zu reden versuchen.“ – Ludwig dachte zu viel nach. Doch im Nachdenken fand er am ehesten den Ruheort, den ihm weder Familie noch Studium geben konnten. „Die Abstraktion des Unaussprechlichen“, dachte er jetzt, „ist in seiner Irrelevanz das eigentlich Ehrliche.“, und strich dabei sanft über den Rücken eines Buches. „The Principles of Mathemathics“, sagte er.

„Wie meinen?“, wollte Professor Schlesinger wissen. Ludwig erschrak. Er hatte nicht bemerkt, dass der Dozent neben ihm stand und ihn herausfordernd beäugte. Ludwig erhob sich von seinem Sitzplatz. „The Principles of Mathemathics“, wiederholte er, während er das Buch in die Höhe hielt, „von Bertrand Russell.“

„So, So …“, sagte der Professor, „Nun setzten Sie sich mal wieder hin, ja?“

Einige Kommilitonen lachten. Ludwig musterte sie mit einem so durchdringenden Blick, dass sie augenblicklich wieder verstummten. Er wollte diesem Professor Schlesinger ja gern besser zuhören. Aber er wollte auch gern diesen Bertrand Russell kennenlernen. Alles wäre so viel einfacher, wenn er einfach diesen verflixten Flugzeugmotor bauen würde. Wenn die düsteren Gespenster hinter seiner Stirn endlich Ruhe geben würden, dann würde es ihm vielleicht als einzigen Wittgenstein-Bruder mal gelingen, ein ganz normales Leben zu führen. Ohne Exzesse, Freitod und Manien. Aber es half nichts. Er war ein Wittgenstein. Ludwig Wittgenstein. Und er wird seinen Weg gehen …

(veröffentlicht in den „Prenzlberger Ansichten“, Juli 2014)

Sie machte Nietzsche blind vor Liebe: Lou Andreas Salomé

Von 1882 bis 1887 Friedrich Nietzsches Denkschwester
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Ein 37-jähriger, kränklicher Philosoph – nach eigenen Angaben zu 4/5 blind – steht im Sommer 1882 am Anhalter Bahnhof und hält Ausschau nach einer großen, schlanken, blonden Frau in einem langen schwarzen Kleid. Bei dem Wartenden handelt es sich um Friedrich Nietzsche, bei der Erwarteten um Lou Salomé. Die 21-Jährige hat ihrem liebeskranken Verehrer vor wenigen Tagen in einem Brief mitgeteilt, dass sie heute von Hamburg nach Stibbe reisen wird, in das Elternhaus ihres gemeinsamen Freundes Paul Rée. Nietzsche schlug daraufhin vor, sich in Berlin zu treffen, das läge schließlich auf dem Weg. Obwohl Lou von diesem Vorschlag nicht angetan war, ist Nietzsche trotzdem nach Berlin gereist. Ihre Ankunftszeit schätzte er auf 11 Uhr, seit 10.30 Uhr ist er am Bahnhof. Die Chancen einer Zusammenkunft stehen also gut; denkt er.

Was er nicht weiß: Lou hat vor Stunden den Nachtzug aus Hamburg genommen. Sie dürfte bereits in Stettin eingetroffen sein, als Nietzsche noch voller Hoffnung ist, seine Geliebte Russin in Berlin wiederzusehen, ja, sie vielleicht sogar davon zu überzeugen, in sein Elternhaus nach Naumburg zu kommen.

Zwischen ihm und seinem Freund Rée ist in den letzten drei Monaten ein regelrechter Wettstreit ausgebrochen. Im Februar hatte Paul Rée ihm schriftlich von „der Russin“ derart vorgeschwärmt, dass Nietzsche beschloss, sie ungesehen zu heiraten; aber nur für zwei Jahre. Rées Begeisterung hinsichtlich dieser vermessenen Ankündigung hielt sich in Grenzen. Er hatte im Gegensatz zu Nietzsche bereits das Vergnügen, Lou während nächtlicher Spaziergänge durch Rom näher kennen zu lernen; er wusste also zu diesem Zeitpunkt nicht nur schon um ihren bestechenden Intellekt und ihre Schönheit, sondern auch um ihren Eigenwillen und ihre Kompromisslosigkeit. Letztere Charakterzüge bekam Rée zu spüren, als er bei Lou’s Mutter um ihre Hand anhielt. In Lou’s Augen war der Antrag ein Verrat ihrer Freundschaft. Nach all‘ dem, was sie sich anvertraut hatten? Rée wiederum war von der Abweisung zu tiefst gekränkt. Seit wann freuen sich Frauen nicht mehr, wenn ein vermögender, gebildeter Mann um ihre Hand anhält, noch dazu ein so enger Vertrauter? Nach all den Tortouren, die dieser aufopfernde Mann für die zähe Lou schon auf sich genommen hat, gäbe er sie, einmal für sich gewonnen, sicher nicht bereits nach zwei Jahren wieder frei. Aber sein verwegener Freund Nietzsche wird schon noch seine eigenen Erfahrungen machen …

Wie erwartet stolperte der gute Freund Nietzsche bereits beim ersten Kennenlernen ins Fettnäpfchen der femme fatale. Seine lange zuvor ausgedachten ersten Worte: „Von welchen Sternen sind wir hier einander zugefallen?“, kamen bei Lou überhaupt nicht gut an. Lou sah über seine unpassende Begrüßung großzügig hinweg, denn sie freute sich zu sehr darauf, den geheimnisvollen Philosophen endlich einmal persönlich kennenzulernen.

Sowohl Nietzsche als auch Lou merkten schnell, wie sehr sich ihre philosophischen Ansichten und Interessen überschnitten. Lou wird bald von einer „tiefverwandten Natur“ berichten, Nietzsche wird Lou sein „Geschwistergehirn“ nennen. Aber deswegen gleich heiraten? Nietzsche hielt einen Antrag für die einzig mögliche Konsequenz, doch Lou ließ ihn wissen, wie sie im Allgemeinen zu einer Eheschließung steht. Sie schreibt an Nietzsche: „Verlobte sind einander eine rosige Vermuthung u. Ehegatten eine bittere Erkenntnis.“ Nietzsche gefiel diese Einstellung. Sie hatte ja ganz recht: viel wertvoller als eine Ehe ist die Freundschaft. Beide sind sich einig: „Die Freundschaft zwischen verschiedenen Geschlechtern ist eine adlige Neigung.“ Doch ebenso befinden sowohl Lou, als auch Nietzsche: „Der Einklang im Gefühle zweier Personen kann die Ursache der Liebe oder auch die Folge der Liebe sein.“

Hochzeit hin oder her, in den kommenden Wochen galt es herauszufinden, ob es sich bei der Zuneigung, die sie zueinander verspürten, um Liebe handelte. Lou schlug erst einmal vor, mit Nietzsche und Rée in eine schöne Wohnung in Wien oder Paris zu ziehen; mit getrennten Schlafzimmern und Blumen auf dem Tisch. Dass es zu Rivalitäten zwischen Rée und Nietzsche kam, ist zu erahnen. Rée ist Lou während der vielen Gespräche und Reisen ein sehr guter Freund geworden. Sie nennt ihn ihre Heimat, ihr Haus, sie ist sein „Schneckle“. Bei Nietzsche hingegen handelt es sich nicht um eine derart ruhige, treue Seele. Ein guter Freund ist er nicht. Aber taugt er vielleicht zum Liebhaber?

Als Nietzsche von Naumburg nach Berlin reiste, um seine Lou am Anhalter Bahnhof abzufangen, muss er fest entschlossen gewesen sein, ihr seine Qualitäten als unentbehrlicher Weggefährte zu beweisen. Doch wieder einmal meinte es das Schicksal nicht gut mit ihm und sie verpassten sich.

Jetzt spaziert er allein durch den Grunewald und bemitleidet sich selbst. Womöglich fühlt er zum ersten Mal deutlich, dass diese Frau seinen Untergang bedeuten könnte. Im zweiten Teil von „Also sprach Zaratustra“ schließt er: „Lieben und Untergehn: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe: das ist, willig auch sein zum Tode.“

(erschienen in den Prenzlberger Ansichten, Mai 2015)