Krautreporter – Party in Berlin

Augstein und Hünniger bei der Krautreporter-Party„Ihr seid die Crowd“ – und ihr seid Kraut von gestern


Die ambitionierten Jungjournalisten des Projekts „Krautreporter“ haben gestern Unterstützer und Freunde zu einer kostenlosen Veranstaltung in Berlin eingeladen. Zwei Tage vor Ende der großen Crowdfunding-Aktion. Ein letzter Versuch, noch einige Leute zum Spenden zu animieren.

Ich bin einer der bisher knapp 9500 (Stand: 11.Juni) potenziellen Mitglieder, die das werbefreie, gut recherchierte Online-Magazin Krautreporter mitfinanzieren wollten. Wie es aussieht, werden die 15.000 Unterstützer bis Freitag nicht mehr zusammen kommen. Aber ehrlich gesagt bin ich spätestens nach der gestrigen Veranstaltung auch gar nicht mehr so traurig darüber.

Von den vielen Berichten über das angeblich so neue Konzept des Online-Magazins Krautreporter fühlte ich mich vor einem Monat sofort angesprochen. Natürlich benötigen wir einen Umschwung im Online-Journalismus.

Viele Artikel (auch bei mir kommt das vor) werden gar nicht erst vergütet. Stattdessen wird entweder fleißig gekürzt oder gar nicht richtig lektoriert. Mich als Leser nerven ständig Werbebanner. Für weniger Werbung und mehr investigativen Journalismus würde ich gern 60 Euro im Jahr bezahlen. Und wenn das alle täten, gäbe es dann auch bald für jeden Online-Autoren Honorare. Natürlich möchte ich das unterstützen!

Auch gefiel mir, dass die Krautreporter fast durchweg junge Schreiber verschiedenster Medien sind. Was mich skeptisch machte, war der Werbefilm. Ist das nicht genau das, was wir nicht mehr wollen? Eine dramatisierende Reportagen-Hintergrund-Musik vor der ein Dutzend gepuderter Gesichter vorgeschriebene Phrasen von sich geben und in jeder Sequenz insinuieren: Wir sind geil, also gib uns dein Geld! Selbst wenn ihr geil seid: Warum benutzt ihr dann all‘ die ungeilen Methoden eurer konservativen Kollegen?

Trotzdem bin ich Mitglied geworden. Wie die meisten war ich einfach neugierig. Auch wenn von dieser Truppe die erhoffte Medien-Revolution nicht ausgeht. Im Moment gibt es noch keine bessere Alternative zu den Krautreportern und schließlich stimmt ja die Richtung. Das Konzept ist einfach nur noch nicht ausgereift. An dieser Stelle verweise ich auf einen offenen Brief von Dr. Ankowitsch an Sebastian Esser, den Gründer der Krautreporter. Als ersten Grund für seinen Wunsch, dass die Krautreporter scheitern, schreibt Ankowitsch: „Ihr wirkt auf mich wie eine Gruppe freier Journalisten, die darauf hoffen, angestellt zu werden – und nicht wie eine Gruppe von Entrepreneuren, die um jeden Preis eine journalistische Vision verwirklichen wollen.“

Dieser Eindruck hat sich für mich auf der gestrigen Veranstaltung in der Platoon Kunsthalle noch einmal bestätigt. Die Leute kamen, um Cocktailglas schwingend neue Kontakte zu knüpfen. Dagegen ist ja erstmal nichts zu sagen, nur fehlte der ganzen Veranstaltung total die Richtung. Die Reporter sprachen nicht von ihren Visionen, überhaupt gab es neben der Ska-Band Rupert’s Kitchen Orchestra und fünf Minuten Andrea Hanna Hünniger und Jakob Augstein kaum Programm. Das fand ich etwas enttäuschend. Die Gäste stürmten wegen der Hitze nach draußen. Augstein nahm den Hinterausgang und verschwand. Das Publikum halbierte sich, wahrscheinlich waren viele nur wegen ihm gekommen.

Ich schlich herum und infiltrierte andere Diskussionen: „Prekariat und Journalismus ist eigentlich ’ne gute Sache“, hörte ich einen sagen. Er referierte auf einen Einwurf von Jakob Augstein. Nachdem Andrea Hanna Hünniger gesagt hatte, das Journalisten sich heute nicht selten mit Hungerlöhnen herumschlagen müssten und deshalb zum Teil des Prekariats würden, wies er darauf hin, dass eine Nähe zum gemeinen Mann ja vielleicht gar nicht so schlecht wäre. So schreibe man wenigstens nicht an der Realität vorbei. Bürgernähe als Voraussetzung für authentischen Journalismus hätte sich schließlich auch die taz auf die Fahne geschrieben. Und Werbung gäbe es dort auch nicht. Überhaupt, sei der Ansatz eines Journalismus, bei dem die Leser die Themen mitbestimmen, gar nicht so innovativ, wie einem das hier verkauft würde. Der Freitag hätte schließlich eine Community. Da könne jeder mitschreiben.

Andrea Hanna Hünniger reagierte unbeholfen. Als sie unsicher darauf hinwies, dass es bei den Krautreportern nur gut recherchierte Reportagen geben wird und keinen Meinungs- und Kolumnenteil, hakte Augstein nach: Keine Meinungen in einem Magazin? Na dann, gute Nacht!

Resigniert an einer Zigarette ziehend inspizierte ich noch einmal den Veranstaltungsflyer: „Ihr seid die Crowd“ steht dort. Wer will denn eigentlich so etwas? Hier gibt es nur Jungjournalisten. Jungjournalisten, die Angst vorm Jobcenter haben, Angst vor der nächsten Steuererklärung – und deshalb fleißig lächeln und netzwerken. Wenn das die Crowd ist, dann leben wir in einer furchtbar monochromen Welt.

(Veröffentlicht am 11.06.14 im Tagesspiegel Online /Ressort Meinung)

Knopf im Auge (Aus der Bahn 6|12)

RolleiIn der U8 sitzt mir schräg gegenüber ein türkischer Mann mit Schnauzbart und liest Zeitung.

An seine rechte Schulter schmiegt sich eine Wilmersdorfer Witwe. Sie spielt nervös an dem Tragegurt ihrer blauen Handtasche. Die obszöne Kuhle der Sitzbank scheint ihr zu missfallen. Wenn es ihre Knie hergäben, würde sie ja stehen. Seit drei Stationen wägt sie ab, was schlimmer ist: Wasser in den Knien oder der Türke zu ihrer Linken? Noch zwei Stationen. Die Atmung wird flacher. Hoffentlich kommt sie hier lebend heraus.

An die linke Schulter des Türken kuschelt sich ein geistig Behinderter, der fröhlich auf den Tasten seines Discmans herumdrückt. Ab und zu bohrt er seinen Ellenbogen in seine Seite und fuchtelt ihm mit den Händen vorm Gesicht herum. Der Türke wird hinter seiner Zeitung immer schmaler. Er hat Angst, erwischt zu werden. Tatsächlich ist in der U8 nämlich nur transportberechtigt, wer eine ordentliche Macke besitzt. Und was geschieht dann?

Es ertönt ein heller Laut. Vor den Füßen des türkischen Mannes dreht sich ein runder Gegenstand. Als erstes wird die fahrige Frau von gegenüber auf das unbekannte Objekt aufmerksam. Sie verkrampft ihren Körper, dann hebt sie langsam den linken Arm. Der Mund öffnet sich, doch es dauert einen Moment, bis sie ihre Stimme findet. In ihrer Kehle knackt es kurz wie man es von alten Lautsprechern kennt, dann: „Äh … Ähhh … Halloooo?“. Der Mann schaut auf. „Hallooo, äh, Sie haben da etwas verloren!“. Sie zeigt auf den Gegenstand vor seinen Füßen.

Der Mann macht eine halbe Verbeugung, nähert sich grazil dem Gegenstand, betrachtet ihn kurz, dann hebt er ihn auf: Es ist ein Knopf.

Sein Blick fährt Jacke und Hemd ab, dann schüttelt er verlegen den Kopf. Wortlos wendet er sich an die Witwe, die die ganze Zeit nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, entrüstet aufzuspringen. Ihr irrer Blick fixiert den Knopf in seiner zitternden Hand. In der ganzen U-Bahn setzt kurz der Atem aus. Ob sie ihn mit ihrer Handtasche verprügeln wird?

Doch wider Erwarten entzerren sich ihre Gesichtszüge. Leichtfüßig tänzelt sie vor dem Knopf herum, als wäre das Wasser in ihren Gelenken plötzlich verdunstet. Und dann nimmt sie ihn sogar an sich. Fast bedauernd winkt sie ab; ihrer ist es nicht.

Der liebe Türke bekommt den Knopf zurück und gibt ihn im fliegenden Wechsel dem behinderten Jungen zu seiner Linken, der sich eh vor Vorfreude kaum mehr auf seinem Sitz halten kann. Er hüpft auf der Bank herum, jauchzt und stöhnt einen Moment – wer jetzt noch nicht von diesem Theaterstück in seinen Bann gerissen wurde, muss wirklich blind sein – mit einer Ernsthaftigkeit inspiziert er sich dann selbst und vergleicht jeden einzelnen Knopf an seiner Kleidung mit dem in seiner Hand. Nichts lässt er aus, auch nicht den Hosenknopf. Und huch: Sein Hosenstall ist ja offen. Na ja, das Bahnpublikum lässt sich zu einem verlegenen Lachen überreden. Dem Jungen imponiert das gar nicht. Kurz überlegt er, den Knopf zu behalten. Er streicht sanft über seine glatte Oberfläche, aber der Türke, der sich zuvor gewünscht hatte, es hätte diesen Knopf nie gegeben, will ihn nun doch ganz gern zurückhaben. Was hat der denn jetzt vor? Ach so, weil sich die Zuschauer bereits zu großen Teilen gelangweilt abgewandt haben, nutzt er die Gelegenheit und checkt auch noch mal seinen Hosenknopf: Nee, auch nicht!

Komisch!

Yorkstraße, Berlin: Unterwegs zur Zaubermelodie

Berlin.
Hinter einer Geräuschkulisse.
Ich. Irgendwo davor.

Schuhe. Klack, klack.
Türke zischt ins Telefon,
U-Bahn läuft ein.

Hinter der Geräuschkulisse
Eine Melodie.
Lass mich von ihr ziehen.

Geräuschkulisse zerbröckelt.
Verträumte Melodie
Erfüllt nun ganz den Raum.

Das Klacken meiner Schuhe
Stellt mich unter Tatverdacht.
Friedling mustert Störenfried.

Darf ich Deinen Akkorden folgen?
Mich in Deine Melodie legen?
Nur für einen Moment.

In meiner Hand ein roter Faden,
Krampfhaft umklammert
Und verloren.

Ich sitze in der U-Bahn.
Wieder unterwegs.
Völlig verhangen.

Großstadt-Chronisten // Ein Chaos-Gedicht

Es bohrt sich in meine Hirnwindungen: Das Flugzeug aus Tegel.
Übrig bleiben: Immer länger werdende Kondensstreifen.

Es bohrt sich in meine Hirnwindungen: Ein Flaschenzug.
Übrig bleiben: Aufgeräumtes Chaos und große Leere.

Es bohrt sich in meine Hirnwindungen: Eine aufgeregte Schwalbe.
Übrig bleiben: Drei von sechs Jungen.

Weil nichts bestand hat, weil alles vorbei rauscht,
Weil Alt mit Jung tauscht und Leere sich aufbauscht.
Und ich angle nach einem klaren Gedanken, der für immer bleibt,
der Dir die Augen ausreibt und sich selber schreibt.

Aussichtslos.

Das Rauschen der Straße heftet sich an mein Gedicht
Statt Kerzen gibt es elektrisches Licht
Die Schwalbe fällt vor Schreck aus dem Nest,
Der Käfer hält sich am Kanapee fest.

Der Stillstand rast haltlos ins Leere.
Die Monotonie quietscht ohrenbetäubend.
Aufgeregtes Auf-Der-Stelle-Treten.
Hysterisches  Sich-in-die-Enge-Treiben.

Die Großstadt-Chronisten auf ihren Dynamitkisten
Drehen leise ihre Kreise,
Schreiben Chaostheorien über Berlin
Während die Schwalben Richtung Süden zieh’n.

Die Großstadt-Chronisten sind immer auf der Flucht,
Springen von Insel zu Insel –
Atemstillstand vorprogrammiert;
Bis man sich im Chaos verliert

Bis man sich im Chaos verliert
Bis man sich im Chaos verliert ..

– und wieder auftaucht.

Da japsen sie nach Luft.
Die Lust hat sie wiederbelebt.
Das Chaos aufzudröseln
Das Leben einzudöseln.

Bis man sich im Chaos verliert
Bis man sich im Chaos verliert
Bis man sich im Chaos verliert …

Berlin ist wunderschön!

Dieser Beitrag geht an alle da draußen, die auch gerade eine Baustelle vor der Nase haben und nicht das Klavier zur Hand, um lautstark gegen den Krach zu musizieren. Ich hab das mal kurz erledigt! Und an alle Nichtberliner: Kommt alle her! Ist wunderschöööön!

 

Ein Walkman auf Entzug (Aus der Bahn 5 / 12)

Foto0377Hochgeschaukelt von frühlingshaften Gefühlen setze ich mich auf Bahnentzug und atme bei einem Spaziergang belebende Liebesluft.

Der Wintermantel landete auf dem Zwischenboden und die Stiefel wurden mit  Trainingsschuhen getauscht. Mein Körper fühlt sich zehn Kilogramm leichter an. Und diese Bewegungsfreiheit in den Frühlingsklamotten! Endlich kann die Haut wieder atmen. Nicht nur der Körper, auch der Geist genießt den Sauerstoffcocktail. Im Gleichschritt gehen Körper und Geist mit mir spazieren. Mal sehen, wohin sie mich heute führen.

Ein Liebespaar am Arnimplatz. Das scheint den Geist zu interessieren. Ich halte an. Der Kopf dreht sich. Eine Parkbank. Schon sitze ich. Meine Augen verfolgen ein junges Paar, das sich am Sockel des Bettina und Achim von Arnim-Denkmals niedergelassen hat. Träumen sie oder lassen sie ihre Blicke in die Weite schweifen? Sehen wir hier den Ausgang einer anregender Auseinandersetzung, die sich dem Schweigen ergab? Oder genießt das Liebespaar die letzten Momente vor einem längeren Abschied?

Das in Bronze gegossene Dichterpaar wacht über das junge Glück zu ihren Füßen. Die Liebenden halten Inne, als die Statue zum Leben erwacht. „Nicht fester hängt die Pflanze an der Erde, Als ich von deiner Nähe festumschlossen werde.“, haucht Achim von Arnim und lässt sich in den Schoß seiner Frau fallen. „Es ist mein Auge vor ihm zugesunken,
Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben, In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.“
, flüstert Bettina und streichelt über den Kopf ihres Mannes. Als das Paar zu ihren Füßen sich regt, nehmen Achim und Bettina schnell wieder die alten Positionen ein.

Bevor ich mich auf den Heimweg mache, gehe ich ganz nah an den Beiden vorbei und ziehe mir Liebe durch die Nasenflügel. „...Liebe ist die Luft, die wir trinken.“ Sie schmeckt nach Lavendel und Schnittlauch. Unglaublich. Im Winter roch Liebe für mich nach Achselschweiß. Ich erinnere mich an zwei Küssende, die mir im Januar im Nacken hingen und mich dermaßen zur Weißglut brachten, dass ich beinahe den Platz gewechselt hätte. Entschied mich dann aber dagegen. Toleranz schulen, dachte ich, ist das erste Gebot eines jeden Berliners.

(Veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, Mai 2014)

Schneeglöckchen-Revolution (Aus der Bahn 4 | 12)

FrühlingManche liebt man. Andere hätte man lieber lieben wollen. Wieder andere liebt man unbemerkt. An sie denke ich am Liebsten.

Wenn Winter und Sommer sich gemäß ihrer alljährlichen Tradition zu einem klandestinen Stelldichein treffen, dann ist der Frühling da. Die stürmische Liebesaffäre zwischen den zwei Jahreszeiten verblüfft uns jedes mal aufs Neue, wenn wir Zeugen ihrer unermüdlichen Sehnsucht werden. Wie oft hat der Sommer den Winter schon vor die Tür gesetzt? – Mal nach einem ausgiebigen Liebesurlaub, mal nach einem Quickie im Gebüsch. Doch in der Liebe sind wir alle unbelehrbar.
Als zum ersten Mal in diesem Jahr die Sonne zärtlich meinen Nacken streichelt, erwache ich wie ein Schneeglöckchen, das sich energisch aus dem Erdreich kämpft. „Schau dir die Sonne an!“, ermuntere ich meinen Sitznachbarn in der S-Bahn. Er lächelt mich an, wir strahlen gemeinsam zur Sonne; dann lassen wir schnell wieder unsere Köpfe hängen. Schneeglöckchen eben.
„Das ist der erste Tag in meinem Leben!“, denke ich, weil ich ein Dutzend anderer erster Tage vergessen habe. Wenn der Winter die Jahreszeit des Vergessens ist, dann wird im Frühling mir das Vergessen meines Vergessens gewahr. Im April sprießen die wilden Erinnerungen. Ich durchlebe die Liebesgeschichten, die ich über Monate erfolgreich verdrängte. Die abgehefteten Liebeserklärungen der vergangenen Lenze liegt als dicker Papierstapel auf meiner Brust. Mein Herz zerspringt! Alles springt!
„Spring!“, rufe ich einem Touristen beim Aussteigen zu und lache noch an der nächsten Straßenecke über sein verdutztes Gesicht. Jeder Gedanke ein Ausruf! Ich möchte den restlichen Weg gehen, dann laufe ich und vergesse mich schließlich im Rennen. Leider will mein verwinterter Körper nicht wie mein sommerliches Gemüt. Ich gönne mir eine Verschnaufpause im Eisladen Cohlila in der Gleimstraße. Als ich meine Bestellung aufgebe, ‚weiße Schokolade-schwarze Olive‘, lächelt mich der Mann mit dem ‚Erdbeer-Minze‘-Eis an. „Tut mir leid, ich bin ein Schneeglöckchen!“, erwidere ich und senke verlegen den Kopf. Ich beiße in mein Eis und frage mich, wie wohl ‚Weiße Schokolade-schwarze Olive-Erdbeer-Minze‘-Eis schmecken würde. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich mich dem Fremden um den Hals werfen und die Erdbeer-Minze von seinen Lippen trinken! Zeit für eine Schneeglöckchen-Revolution! Auf einen Frühling auf Lebenszeit!

(Veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, April 2014)

Der unersättliche Orion (Aus der Bahn 3|12)

Foto0388Ich steige an der Schönhauser Allee in die S2. Mir gegenüber sitzt eine dicke Mutti. Sie what’s app’t.

Jede neue Nachricht kündigt sich mit einem hellen Kinderlachen an. Das ist deshalb besonders irritierend, weil der Junge, zu dem das Lachen gehört, vor ihr im Kinderwagen sitzt. Er lacht nicht. Stattdessen versucht er sich Stücke des Brötchens in den Mund zu stecken, das seine Mutter ihm während ihrer virtuellen Konversation achtlos in die Hand drückte. Dabei vergaß sie, ihm den Nuckel aus dem Mund zu nehmen. Wie sich denn jetzt mitteilen? Der Junge beginnt erst sich Brotkrümel in Augen, Ohren und Nasenlöcher zu stecken. Die aufmerksamen Blicke der Mitfahrer animieren ihn anschließend dazu, die Krümel wild durch die Bahn zu werfen. Dabei lacht er fast so smart wie Mamas Telefon.

Als die Mutter die Krümelsauerei bemerkt, entzieht sie dem armen Kerl das Brötchen, sagt „alle, alle“ und erklärt auf die Nachfrage „Äh? Äh?“ ihres Kindes: „Das hat der Hund gefressen. Der ist schon weggegangen!“ Der Junge schaut sich nach dem Hund um und dann seine Mutter äußerst skeptisch an. Ich fühle mit ihm, als er völlig unerwartet hinter seinem Rücken ein zweites Brötchen hervorzaubert und das Spiel weiter treibt. Er hält das Brötchen wie eine Trophäe in die Höhe. Ich klatsche leise in mich hinein. An der Friedrichstraße steige ich aus.

Der Bahnhof trägt ein neues Kleid. Bayrischer Leberkäse ist jetzt da, wo neulich noch Damisch war und Ditsch kaufte den doppelt so großen Laden gegenüber. Der Schmuckladen hat geschlossen. Der Blumenladen existiert seit Ewigkeiten, ändert alle paar Jahre seinen Namen aber überlebt. Ebenso der Friseur im Zwischendeck. Wer lässt sich dort die Haare schneiden, neben Orion?

In dem Moment kommt mir eine Szene aus dem vorletzten Frühherbst in den Sinn. Auf dem Weg in ein nächtliches Abenteuer zeigte J. in den Himmel und rief: „Schau‘, da ist der Gürtel des Orion! – Und der ist nicht aus Leder!“ Wir feierten bis elf Uhr vormittags und verschliefen den dritten Oktober.

Die fleißigen Ameisen huschen an mir vorbei wie an einem Straßenpoller. In manche Augenblicke muss man sich hineinbeißen.

(Veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, März 2014)

Der raue Soundtrack dieser Stadt (Aus der Bahn 2 | 12)

P1060641Ich trage seit Anfang Januar Kopfhörer und kämpfe mit sommerlichen Latin-Rhythmen gegen den rauen Soundtrack dieser Stadt.

Die Kopfhörer erfüllen ihre Funktion als Scheuklappen. Heute habe ich meine Kopfhörer vergessen und wickle stattdessen meinen Schal um den Kopf. „Scarf-face!“, denke ich und grinse vor mich hin. Das irritiert die Mitfahrer. Ich schließe die Augen und versuche an Musik zu denken: Funny van Dannen. Sein Song „Lesbische schwarze Behinderte“ war nie einer meiner Favoriten. Warum läuft der jetzt? Ich öffne die Augen. An der Haltestelle Quitzowstraße steigt eine Rollstuhlfahrerin in den völlig überfüllten M27’er und positioniert sich auf ihrem Behindertenparkplatz. Eine Frau mit Kinderwagen konnte in letzter Sekunde weichen. Nach Anfahren des Busses bittet die Rollstuhlfahrerin einen älteren Mann, seinen Penis aus ihrem Gesichtsfeld zu nehmen. Gerade in der Lautstärke, dass jeder es hören kann, der seine Kopfhörer vergessen hat. Dieser, verschämt, entschuldigt sich für seinen Penis und rückt brav zur Seite.

Osloerstraße/Ecke Prinzenallee steige ich um in die M13. Ich hole bei der Überquerung der Prinzenallee einen alten Mann mit Skistock ein. Er klopft mit dem Stock die Straße ab und hebt im Takt seinen linken Arm: „Vorsicht, Vorsicht!“ Auf diese Weise kämpft er sich durch die träge Masse. Als ein Junge ihm in die Quere kommt, funktioniert er seinen Skistock zur Harpune um: „Aus der Bahn! Aus der Bahn!“ Der Junge und sein Freund bleiben fassungslos mitten auf der Straße stehen. „Ich bin behindert!“, erklärt sich der Alte den geöffneten Mündern und zeigt auf seine gelb-schwarze Armbinde. „Der ist doch nicht blind?“, fragt der Junge. „Wie man’s nimmt.“, sagt sein Kumpel. Eine Krankenwagensirene singt: „Es herrscht Krieg in der Stadt, Krieg und Krawall“. Ich stolpere an der Schönfließerstraße schweißgebadet aus der Niederflurbahn und rufe: „Prenzlauer Berg! Prenzlauer Berg! Ho-, Ho-, Holzspielzeug!, Ho-, Ho-, Holzspielzeug!“ Ein genügsamer schwäbischer Gesichtsausdruck, ein verzogenes Kind in Lacoste-Pullunder, das wär‘ jetzt was! Doch der Geist, den ich rief, schläft noch fest und tief: Freundlichkeit hält Winterruhe.

(Teil 2/12 aus der Reihe “Aus der Bahn”, veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, Februar 2014)

Playlist:

„Lesbische Schwarze Behinderte“ – Funny van Dannen

„Krieg“ – Farin Urlaub Racing Team

„Prenzlauer Berg“– Rainald Grebe

Servicekraft auf dem Abstellgleis. Meine Zeit als Nachtdienst in einem Frauenhaus in Berlin

Foto0037Vor einem Jahr etablierte sich in mir mehr und mehr ein klares Verlangen: Ich möchte Gutes tun! Doch wie geht man so ein Vorhaben an? In einer nächtlichen Aktion schrieb ich Emails an einen Großteil der gefühlt 1000 Berliner Kulturhäuser und Sozialberatungen und weihte sie in meine Weltverbesserungspläne ein. Keiner von ihnen wollte eine Philosophiestudentin auf seine Klienten loslassen. Mein Mut wollte mich gerade wieder verlassen, als mich das Angebot erreichte, als studentischer Nachtdienst in einem Obdachlosenheim für Frauen zu arbeiten.

Wenige Tage später saß ich mit der ketterauchenden Heimleitung im Hinterhof eines Frauenwohnheims in Berlin-Wedding und ließ mir von den prekären Arbeitssituation erzählen. Man dürfe kein „Mäuschen“ sein, arbeite allein und hätte die volle Verantwortung für vierzig Frauen. Die meisten Frauen sind psychisch krank, fuhr die Heimleiterin fort. Manche gehören eigentlich in eine Klinik, es gäbe viele Fälle von Schizophrenie. Warum die dann hier landen würden, fragte ich. Das läge an einer Lücke im Sozialsystem.

Es gäbe da nämlich Menschen, die als nicht- oder nur schwer therapiefähig gelten. Ihr Leben ist durchlaufen von Drogenmissbrauch, Konflikten mit dem Gesetz, sexuellem Missbrauch und wiederholter Wohnungslosigkeit. – Erfahrungen, die ein Mensch allein nicht tragen kann. Um weitere Verletzungen zu vermeiden, bauen diese Menschen jedoch eine so dicke Mauer um ihre Seele, dass es sehr zeit- und kraftaufwändig ist, an sie heranzukommen. – Und gerade an Kraft und Zeit fehlt es den Psychiatern.

Eigentlich ähnelt dieses Wohnheim einem Abstellgleis. Die Betreuer sind Servicekräfte, die versuchen, den Bewohnern den Aufenthalt möglichst angenehm zu machen.

Nach zwei Hospitationen stand meine erste eigene Schicht an. Meine Einarbeiterin J. riet mir, die sogenannte Trainerpauschale für studentische Nachtdienste nicht auf die Stunden herunterzurechnen. Da käme man nur auf fünf Euro, schob sie hinterher. Nun gut. Es ging ja um eine gute Sache.

J. arbeitete bereits seit zwei Jahren als Nachtdienst. Sie hatte ihre festen Muster etabliert, mit den Bewohnerinnen umzugehen, hatte ihre einstudierten Sätze, den immer gleichen Tonfall und wählte bei jeder Konfrontation automatisch den geeigneten Sicherheitsabstand. Ich als Neuling war überzeugt, dass es auch anders gehen würde.

Anfangs waren die Frauen durchaus sehr freundlich, erzählten aus ihrem Leben und bedankten sich oft. Auch untereinander waren sie größtenteils loyal. Wenn seelisch kranke Menschen miteinander leben, werden sie ihre Toleranzschwelle wohl oder übel heben müssen, nach dem Prinzip: Ich toleriere deine Macke, bitte toleriere auch meine; lass mich mit dem Wasserkocher reden, dann lass ich dich auch die Toilettenspüle zehn Mal hintereinander betätigen. Ich fand es sehr interessant zu beobachten, wie die Bewohner es teilweise schafften, Konflikte unter sich auszuhandeln. Nicht selten hatte ich das Gefühl, dass die ein oder andere Spießer-WG hier etwas lernen könnte.

Einen Monat lang glich mein Dienst eher einer Feldforschung, bis es während der fünften Schicht zur ersten Grenzerfahrung kam. In das Wohnheim war gerade eine Frau mit schweren Drogenproblemen und Halluzinationen gezogen. Sie erlitt in meiner Anwesenheit eine Panikattacke, zog mich in ihr Zimmer und schaltete das Licht aus. Auf ihrem Teppich blitzte ein Messer, in der Ecke lagen blutige Taschentücher. Sie meinte, ich solle mich nicht beunruhigen, ich solle nur sagen, ob da Tiere in ihrem Zimmer seien.

Die monatliche Teamsitzung präpariert einen nicht für solcherlei Situationen. Einzig dein Überlebensinstinkt rät dir, ruhig und rational zu bleiben. Fragen nach Sicherheit, Freiheit und Wahrheit erscheinen dir in diesem Moment lebensfern. Wenn jemand dich derart in seine Welt zieht, siehst du die Raubtiere, die diese Person tagtäglich hetzen; keine Hirngespinste einer Verrückten, sondern Verbildlichungen einer untragbaren Leidensgeschichte.

Ich bekam sie dazu, das Licht anzuschalten. Nachdem ich jede Ecke im Zimmer nach giftigen Insekten durchsucht hatte, wollte sie mir als Zeichen ihrer Kooperationsbereitschaft ein Tütchen Marihuana zustecken.

Draußen an der frischen Luft begann sie über die Ursachen ihrer Ängste zu sprechen. Mir wurde klar, dass ich hier meine Aufgabe überstieg. Laut Vertrag sollte ich nicht mehr als eine lebendige Sicherheitskamera sein. Während ich ihr meine volle Aufmerksamkeit widmete, dachte ich an die 39 anderen Frauen. Nach fünfzehn Minuten machten sich zwei von ihnen lauthals bemerkbar. Frau H. behauptete, dass Frau K. mir ihrem exzentrischen Parfüm einen Ausschlag begünstige. Solange Frau K. das Parfüm nicht weglasse, wüsste Frau H. sich nicht anders zu helfen, als laut zu schreien anzufangen, wenn Frau K. in ihre Nähe kommt. Mögen diese Machtspiele einem Außenstehenden lächerlich erscheinen, so geht es auch hier ums schiere Überleben. Man kämpft im Obdachlosenheim um jeden Zentimeter Freiraum, und jeder Zipfel Eigentum kann zum Schatz werden. Eins der schlimmsten Gefühl muss sein, kein Revier mehr zu haben, das es zu verteidigen gilt. Solange man kämpft, ist man wenigstens noch lebendig.

Als ich nach dreizehn Stunden Dienst das Wohnheim verließ, erschien mir der Wedding verändert. Wie kann ich weiter hier leben, dachte ich, wenn ich weiß, was hinter mancherlei Mauern, in mancherlei Seelen vor sich geht? Ich betrachtete die Menschen mit verändertem Blick, sie machten mir plötzlich Angst. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, zum ersten Mal einen Job gefunden zu haben, bei dem ich wirklich etwas leisten konnte. Pro-Contra, Ja-Nein, Angriff-Verteidigung? Auch ich war gespalten. Nie zuvor empfand ich das so deutlich wie jetzt.

Ich arbeitete ungefähr fünf Mal monatlich im Obdachosenheim. Nach sieben Monaten fühlte ich mich halbwegs ausgebrannt. Als ich bemerkte, dass ich mich aus Selbstschutz immer mehr mit einer distanzierten Sozialarbeiter-Attitüde umgab, beendete ich vorerst meine Dienste.

Ich kann gut verstehen, dass man als Sozialarbeiter und Psychologe nach wenigen Jahren lieber den Bürostuhl drückt oder gar in Frührente geht, als das Risiko einzugehen, irgendwann auf der anderen Seite des Therapietisches zu landen. „Abgrenzen“ ist eine Utopie. In uns blinken viel zu viele Spiegelneuronen, als dass solcherlei Grenzerfahrungen irgend jemanden kalt lassen könnten. So wie in dieser Einrichtung müssen nicht selten vier feste Mitarbeiter die Verantwortung für vierzig Bewohner übernehmen und täglich neue Anfragen abweisen. Die Chance auf einen Platz ist etwa so hoch, wie einen Studienplatz an der Deutschen Filmhochschule zu bekommen. Wer sich beim Vorstellungsgespräch gut benimmt, hat vielleicht eine Chance. Und wer nicht? Der geht für einige Tage zurück in die Notunterkunft, auf das Abstellgleis vor dem Abstellgleis.

(gekürzte Version unter dem Titel „Mauern um die Seele. Meine Zeit bei der Wohnungshilfe für Frauen im Wedding“ erschienen am 29.01.2014 im Tagesspiegel /Ressort Berlin. Und auf dem Wedding-Blog des Tagesspiegels)