Der unersättliche Orion (Aus der Bahn 3|12)

Foto0388Ich steige an der Schönhauser Allee in die S2. Mir gegenüber sitzt eine dicke Mutti. Sie what’s app’t.

Jede neue Nachricht kündigt sich mit einem hellen Kinderlachen an. Das ist deshalb besonders irritierend, weil der Junge, zu dem das Lachen gehört, vor ihr im Kinderwagen sitzt. Er lacht nicht. Stattdessen versucht er sich Stücke des Brötchens in den Mund zu stecken, das seine Mutter ihm während ihrer virtuellen Konversation achtlos in die Hand drückte. Dabei vergaß sie, ihm den Nuckel aus dem Mund zu nehmen. Wie sich denn jetzt mitteilen? Der Junge beginnt erst sich Brotkrümel in Augen, Ohren und Nasenlöcher zu stecken. Die aufmerksamen Blicke der Mitfahrer animieren ihn anschließend dazu, die Krümel wild durch die Bahn zu werfen. Dabei lacht er fast so smart wie Mamas Telefon.

Als die Mutter die Krümelsauerei bemerkt, entzieht sie dem armen Kerl das Brötchen, sagt „alle, alle“ und erklärt auf die Nachfrage „Äh? Äh?“ ihres Kindes: „Das hat der Hund gefressen. Der ist schon weggegangen!“ Der Junge schaut sich nach dem Hund um und dann seine Mutter äußerst skeptisch an. Ich fühle mit ihm, als er völlig unerwartet hinter seinem Rücken ein zweites Brötchen hervorzaubert und das Spiel weiter treibt. Er hält das Brötchen wie eine Trophäe in die Höhe. Ich klatsche leise in mich hinein. An der Friedrichstraße steige ich aus.

Der Bahnhof trägt ein neues Kleid. Bayrischer Leberkäse ist jetzt da, wo neulich noch Damisch war und Ditsch kaufte den doppelt so großen Laden gegenüber. Der Schmuckladen hat geschlossen. Der Blumenladen existiert seit Ewigkeiten, ändert alle paar Jahre seinen Namen aber überlebt. Ebenso der Friseur im Zwischendeck. Wer lässt sich dort die Haare schneiden, neben Orion?

In dem Moment kommt mir eine Szene aus dem vorletzten Frühherbst in den Sinn. Auf dem Weg in ein nächtliches Abenteuer zeigte J. in den Himmel und rief: „Schau‘, da ist der Gürtel des Orion! – Und der ist nicht aus Leder!“ Wir feierten bis elf Uhr vormittags und verschliefen den dritten Oktober.

Die fleißigen Ameisen huschen an mir vorbei wie an einem Straßenpoller. In manche Augenblicke muss man sich hineinbeißen.

(Veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, März 2014)

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