Brasilianer in Berlin (Aus der Bahn 8 / 12)

2014-07-16 11.02.10In der U8 mir gegenüber sitzt ein dunkelhäutiger Mann mit kleinen, geflochtenen Zöpfen. Neben ihm blättert ein blondes Mädchen in der „Brigitte“.

Brasilien!“, ruft der Mann freudig und zeigt in ihre Zeitschrift. Ich frage mich, ob die beiden sich kennen. „Ja, das ist die brasilianische Flagge. Da ist ja grad die Fußball-WM.“, antwortet sie und lächelt. Sie kennen sich nicht.

Mein Land!“, sagt er und während er auf ein Foto zeigt: „Rio de Janeiro! Da bin ich geboren!“.„Aber viele nackte Frauen!“, setzt er hinterher und zieht dabei eine Augenbraue hoch. In der Zeitschrift posieren vier brasilianische Bikinischönheiten – Gesicht und Hintern in die Kamera gedreht. „Ja“, sagt das blonde Mädchen, „In dem Artikel geht es um Beautywahn in Brasilien.“ Sie kräuselt dabei ihren Mund und zupft mit schwitzigen Fingern an den glänzenden Heft-Seiten als sei es ihr peinlich, dass ihr Frauenmagazin jetzt so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch dem Brasilianer scheint aufgefallen zu sein, dass er das Mädchen in Verlegenheit gebracht hat.

Uh, die Wetter heute … schwer, oder?“, lenkt er ab, zupft dabei sein T-Shirt als wolle er sich lüften, schüttelt den Kopf und schaut mich erwartungsvoll an. „Ja, ist schwül heute. Man kriegt schwer Luft.“, bestätige ich. Weil ich meine, das Gesagte ebenfalls gestisch unterstreichen zu müssen, rümpfe ich dabei die Nase und nicke energisch. Der Mann nickt freudig mit. „Eigentlich ich nicht U-Bahn, weil is immer so swüle Luft, nä? Aber heute: Is weiss auch nis. Aber wieder so swüle Luft!“, sagt er und geht dabei mit der Stimme hoch. Ich nicke und freue mich. Es erfrischt mich, in der U8 einen normalen Menschen getroffen zu haben. Einen, der eigentlich nicht U-Bahn fährt. Der über Brasilien redet, ohne über die Fußball-WM sprechen zu wollen oder gar über freizügige Bikinischönheiten.

Als ich an der Bernauer Straße aussteige, winken wir uns noch zu. Durch die Scheibe beobachte ich wie sich ein Neukölln-Hipster auf meinen Platz setzt. Auch er wird ohne Umwege von dem Brasilianer angesprochen. Beide verschwinden mit einem Lächeln im Gesicht im U-Bahntunnel.

So einen Brasilianer in der Berliner U-Bahn zu treffen, denke ich, ist gar nicht so wahrscheinlich. Schätzungsweise 15-20.000 Brasilianer leben in Berlin. Wer mal einen getroffen hat, weiß wenig Negatives zu berichten, außer vielleicht, dass der fröhliche Südamerikaner ihm seine eigene Jammer-Mentalität vor Augen geführt hat. Aber in der Regel mag und respektiert man sich. Vor allem, wenn es um Fußball geht.

Zur Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland vor acht Jahren wurden in Berlin Brasilianische Fußballspieler an die Wand gemalt. Am Schlesischen Tor prangte Ronaldinho, an der Friedrichstraße Ronaldo und auch hier in der Bernauer Straße wurde eine Fassade verziert. Vom Mauerpark aus war er lange gut sichtbar, der Fußballer Roberto Carlos. Über dem Bild stand: „Welcome to Berlin. Brazilian Team.“

Ist es noch da? Entgegen meinen Erwartungen existiert es noch. Nur sieht man es nicht mehr. Vor dem Haus steht ein Neubau. Unter den Eigentumswohnungen, im Café des Biomarktes sitzen zwei aalglatte Geschäftstypen in der Sonne und tun so, als ob Geldverdienen und Urlaubmachen ein und dasselbe wären. Die Immobilienfirma, die den Klotz bauen ließ, wirbt mit „best of both worlds“, dem „berühmten Mauerpark“ und dem „unglaublichen Sonntagsflomarkt“. Ist denen eigentlich klar, dass es den Flomarkt bald nicht mehr geben wird? Vielleicht wissen es ja wenigstens die Kaufinteressenten … Einige Wohnungen sind nämlich immer noch zu haben.

Ich schlage vor, den Klotz bei eventuellen Verkaufsproblemen kostengünstig Berliner Brasilianern zu überlassen. Als Entschädigung für die freche Entstellung des Wandgemäldes, die schwüle Berliner U-Bahnluft und natürlich für das 1:7 gegen Deutschland.

Großstadt-Chronisten // Ein Chaos-Gedicht

Es bohrt sich in meine Hirnwindungen: Das Flugzeug aus Tegel.
Übrig bleiben: Immer länger werdende Kondensstreifen.

Es bohrt sich in meine Hirnwindungen: Ein Flaschenzug.
Übrig bleiben: Aufgeräumtes Chaos und große Leere.

Es bohrt sich in meine Hirnwindungen: Eine aufgeregte Schwalbe.
Übrig bleiben: Drei von sechs Jungen.

Weil nichts bestand hat, weil alles vorbei rauscht,
Weil Alt mit Jung tauscht und Leere sich aufbauscht.
Und ich angle nach einem klaren Gedanken, der für immer bleibt,
der Dir die Augen ausreibt und sich selber schreibt.

Aussichtslos.

Das Rauschen der Straße heftet sich an mein Gedicht
Statt Kerzen gibt es elektrisches Licht
Die Schwalbe fällt vor Schreck aus dem Nest,
Der Käfer hält sich am Kanapee fest.

Der Stillstand rast haltlos ins Leere.
Die Monotonie quietscht ohrenbetäubend.
Aufgeregtes Auf-Der-Stelle-Treten.
Hysterisches  Sich-in-die-Enge-Treiben.

Die Großstadt-Chronisten auf ihren Dynamitkisten
Drehen leise ihre Kreise,
Schreiben Chaostheorien über Berlin
Während die Schwalben Richtung Süden zieh’n.

Die Großstadt-Chronisten sind immer auf der Flucht,
Springen von Insel zu Insel –
Atemstillstand vorprogrammiert;
Bis man sich im Chaos verliert

Bis man sich im Chaos verliert
Bis man sich im Chaos verliert ..

– und wieder auftaucht.

Da japsen sie nach Luft.
Die Lust hat sie wiederbelebt.
Das Chaos aufzudröseln
Das Leben einzudöseln.

Bis man sich im Chaos verliert
Bis man sich im Chaos verliert
Bis man sich im Chaos verliert …