Knopf im Auge (Aus der Bahn 6|12)

RolleiIn der U8 sitzt mir schräg gegenüber ein türkischer Mann mit Schnauzbart und liest Zeitung.

An seine rechte Schulter schmiegt sich eine Wilmersdorfer Witwe. Sie spielt nervös an dem Tragegurt ihrer blauen Handtasche. Die obszöne Kuhle der Sitzbank scheint ihr zu missfallen. Wenn es ihre Knie hergäben, würde sie ja stehen. Seit drei Stationen wägt sie ab, was schlimmer ist: Wasser in den Knien oder der Türke zu ihrer Linken? Noch zwei Stationen. Die Atmung wird flacher. Hoffentlich kommt sie hier lebend heraus.

An die linke Schulter des Türken kuschelt sich ein geistig Behinderter, der fröhlich auf den Tasten seines Discmans herumdrückt. Ab und zu bohrt er seinen Ellenbogen in seine Seite und fuchtelt ihm mit den Händen vorm Gesicht herum. Der Türke wird hinter seiner Zeitung immer schmaler. Er hat Angst, erwischt zu werden. Tatsächlich ist in der U8 nämlich nur transportberechtigt, wer eine ordentliche Macke besitzt. Und was geschieht dann?

Es ertönt ein heller Laut. Vor den Füßen des türkischen Mannes dreht sich ein runder Gegenstand. Als erstes wird die fahrige Frau von gegenüber auf das unbekannte Objekt aufmerksam. Sie verkrampft ihren Körper, dann hebt sie langsam den linken Arm. Der Mund öffnet sich, doch es dauert einen Moment, bis sie ihre Stimme findet. In ihrer Kehle knackt es kurz wie man es von alten Lautsprechern kennt, dann: „Äh … Ähhh … Halloooo?“. Der Mann schaut auf. „Hallooo, äh, Sie haben da etwas verloren!“. Sie zeigt auf den Gegenstand vor seinen Füßen.

Der Mann macht eine halbe Verbeugung, nähert sich grazil dem Gegenstand, betrachtet ihn kurz, dann hebt er ihn auf: Es ist ein Knopf.

Sein Blick fährt Jacke und Hemd ab, dann schüttelt er verlegen den Kopf. Wortlos wendet er sich an die Witwe, die die ganze Zeit nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, entrüstet aufzuspringen. Ihr irrer Blick fixiert den Knopf in seiner zitternden Hand. In der ganzen U-Bahn setzt kurz der Atem aus. Ob sie ihn mit ihrer Handtasche verprügeln wird?

Doch wider Erwarten entzerren sich ihre Gesichtszüge. Leichtfüßig tänzelt sie vor dem Knopf herum, als wäre das Wasser in ihren Gelenken plötzlich verdunstet. Und dann nimmt sie ihn sogar an sich. Fast bedauernd winkt sie ab; ihrer ist es nicht.

Der liebe Türke bekommt den Knopf zurück und gibt ihn im fliegenden Wechsel dem behinderten Jungen zu seiner Linken, der sich eh vor Vorfreude kaum mehr auf seinem Sitz halten kann. Er hüpft auf der Bank herum, jauchzt und stöhnt einen Moment – wer jetzt noch nicht von diesem Theaterstück in seinen Bann gerissen wurde, muss wirklich blind sein – mit einer Ernsthaftigkeit inspiziert er sich dann selbst und vergleicht jeden einzelnen Knopf an seiner Kleidung mit dem in seiner Hand. Nichts lässt er aus, auch nicht den Hosenknopf. Und huch: Sein Hosenstall ist ja offen. Na ja, das Bahnpublikum lässt sich zu einem verlegenen Lachen überreden. Dem Jungen imponiert das gar nicht. Kurz überlegt er, den Knopf zu behalten. Er streicht sanft über seine glatte Oberfläche, aber der Türke, der sich zuvor gewünscht hatte, es hätte diesen Knopf nie gegeben, will ihn nun doch ganz gern zurückhaben. Was hat der denn jetzt vor? Ach so, weil sich die Zuschauer bereits zu großen Teilen gelangweilt abgewandt haben, nutzt er die Gelegenheit und checkt auch noch mal seinen Hosenknopf: Nee, auch nicht!

Komisch!

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