Bahn-Verdrossenheit (Aus der Bahn 11/12)

Rollei

Ich sitze in der U8 und beobachte zwei vermeintlich zivile Kontrolleure bei den letzten Vorbereitungen vor ihrem Jagdzug. Das wird jetzt die vierte Kontrolle in sieben Tagen.

Die BVG-Sheriffs sind leicht zu erkennen. Sie stehen meist an der Tür, Männer wie Schränke, und lassen ihren blasierten Blick durch den Wagon schweifen; Mienen wie sieben Tage schlechtes Wetter. Nur manchmal lachen sie, aber auf diese herablassende Art. Erst ein herablassendes Lachen und dann stecken sie tuschelnd ihre Köpfe zusammen. Ich denke: Sie schließen Wetten ab, welche der Reisenden sich ohne Fahrschein befördern lassen. So versüßen sie sich ihren Arbeitstag. Was sollte es bei dieser Arbeit sonst zu lachen geben? Warum sonst diese sadistische Freude, andere Menschen auflaufen zu lassen? Bestimmt wetten sie unter einander um Geld. So können sie sich zu ihrem mäßigen Gehalt noch ein paar Groschen mehr ergaunern. Schwarzgeld durch Schwarzfahrer.

Vor zehn Jahren war es ja noch so, dass ein BVG-Kontrolleur einen Arbeitstag frei und voll bezahlt bekam, wenn er sechzehn Schwarzfahrer an einem Tag überführt hat – und mit seiner Entlassung rechnen konnte, wenn er wiederholt weniger als zwölf zur Kasse bat. Wäre das auch heute noch der Fall, könnte man als Fahrschein-Besitzer ja glatt ein schlechtes Gewissen bekommen.

Ähnliche Abgründe lassen sich bei den U-Bahnfahrern vermuten. Schlechte Bezahlung? Dünne Luft? Zu wenig Pausen? Oder was veranlasst unsere Steuermänner dazu, all zu oft mit solch einer Miesepetrigkeit ihre Ansagen zu machen?

Neulich in der U2 musste der Fahrer bei jeder Station die Endhaltestelle selbst ins Mikro sprechen: „U2 nach Ruhleben – zurück bleiben, bitte!“. Bei jeder Station schien seine Laune weiter zu sinken, obwohl man schon bei der ersten Station dachte, tiefer geht es gar nicht. Am Ende klang es so, als wollte er uns alle fressen. Der böse Wolf am Steuer. 

Wenn die S-Bahn mit ihren ständigen Ausfällen dafür verantwortlich ist, dass Berlin als chaotische Stadt verrufen ist, dann gab das miesepetrige BVG-Personal wahrscheinlich Anlass dazu, das Märchen vom unfreundlichen Berliner in die Welt zu setzen. Stimmt ja auch. Das Chaos und die schlechte Laune innerhalb der öffentlichen Verkehrsbetriebe färbt sicher auf die Fahrgäste ab. Die Berliner Verkehrsmittel sind sozusagen Katalysatoren unserer Verdrossenheit.

Aber wie sich nun richtig verhalten? Auf lange Sicht ist dann wohl das Beste, gar nicht mehr Bahn zu fahren. Als Schreiber hieße das, sich einen anderen Ort für seine Sozialstudien zu suchen. Auf dem Fahrrad lässt sich schließlich auch gut über die Aggressionen von anderen Verkehrsteilnehmern philosophieren. Mit etwas Übung ließe sich vielleicht der potenzielle Aggressionsgrad an der Automarke, der Fahrradfarbe oder der Frisur abschätzen …

Endlich erklingt die warnende Melodie der U-Bahntüren. Für die BVG-Sheriffs ist es ein Schießsignal. Jetzt können sie ihren Colt ziehen. Wie viele Mitfahrer sind jetzt noch nicht auf sie aufmerksam geworden? Ich wette mit mir selbst. Der Tourist dort hinten, das Mädchen, das in ihre Musik vertieft ist, der schlafende Streuner … Meist sind die Kontrolleure dann schon mit ein oder zwei Schwarzfahrern zufrieden und der Rest geht ihnen durch die Lappen. Sollten sie mich mal einstellen! Aber ich bin ja kein miesepetriger Schrank …

Zeichenzersetzer

generiertes du 
degeneriertes ich, du 
sollst mein halter sein, bitte 
rede nicht von töpfen 

und deckeln, wir 
brechen konventionen, leben 
in kontemplationen 

sowieso so henkelhalter du, ich 
gefäss mit bodenloser frechheit, in 
meiner losen zusammenstellung habe ich mich 

gefunden ich frecher hund, so 
ein zeichenzersetzer 
mein zeichensetzer 

ist verschwunden mit seinem 
verschwinden falle ich frei 
in zeichenlosigkeit in sehnsüchtige 

gedanken ohne ende punkt und komma, du 
sollst mein halter sein, ich 
dein frecher hund, wir 

sind zeichenlos 

Teil 3: Henriette Herz (1764-1847)

Von 1779 bis 1795 Salonière in der Spandauer Straße 53

Henriette_Herz_by_Anna_Dorothea_Lisiewska_1778Eines bemerkte Henriette Herz schon recht früh: Sie war von außerordentlicher Schönheit. Man drehte sich nach ihr um, überhäufte sie mit Komplimenten … Manchmal stand sie gar selbst vor dem Spiegel und wunderte sich über ihr makelloses Äußeres. Henriette wurde darüber jedoch nie eingebildet. Sie galt bei ihren Freunden und Verwandten als bescheiden und gutherzig.

Anders war es mit den geistigen Dingen. Da konnte sie sich ihres Erachtens ein wenig Eitelkeit leisten. Henriette interessierte sich seit der frühen Kindheit für Literatur und Physik und beherrschte neun verschiedene Sprachen. Immer wieder fiel ihr auf, mit was für einer begrenzten Sicht die sogenannten Gelehrten aus ihrem kleinbürgerlichen, jüdischen Umfeld durch die Welt gingen. Sogar ihr Mann Marcus Herz war hier und da ein wenig einfältig. Besonders, wenn es um Herzensdinge ging.

Bei ihrer Hochzeit war sie fünfzehn, er zweiunddreißig. Klar, sie war etwas naiv an die Eheschließung herangegangen. Sie hoffte in erster Linie auf feinere Kleider, schöne Frisuren und mehr Taschengeld. Auch wenn ihr Zukünftiger ein kleiner, hässlicher Mann war, so war er doch zumindest ein angesehener Arzt mit einem geistreichen Gesicht. Ihr Ja zur Hochzeit hatte sie nie bereut. Sie liebte ihren Mann.

Marcus und Henriette Herz waren um 1800 eines der bekanntesten Intellektuellenpaare Berlins. Er, Kant-Schüler und guter Freund Lessings, und Sie, die Empfindsame und hingebungsvolle Verehrerin Goethes. In ihrem Haus in der Spandauer Straße 53, unweit der Marienkirche, fanden regelmäßig angesagte Vorträge statt. Marcus Herz langweilte seine Freunde nicht nur mit Kant-Vorträgen, während Henriette im Nebenzimmer Kaffeekränzchen zur Goethe-Lektüre veranstaltete. Das Haus der Eheleute Herz wurde auch aufgesucht, um sich beratschlagen zu lassen; wie damals, als Christian Kunth – der Hofmeister Alexander und Wilhelm von Humboldts – einen Blitzableiter in Tegel anbringen wollte und nicht so recht wusste, wie gefährlich das sei. Oder um wissenschaftliche Experimente durchzuführen; wie das Phosphor-Experiment, dass Henriette Herz mit dem kleinen Prinzen Louis Ferdinand von Preußen durchgeführt hatte.

In erster Linie war der Salon der Henriette Herz aber ein toller Ort der Begegnungen. Der Bildhauer Johann Gottfried Schadow lernte hier seine zukünftige Frau Marianne Devidels kennen. Und der achtzehnjährige Wilhelm von Humboldt war sehr verliebt in Henriette von Herz. Die beiden wurden gute Freunde und gründeten einen Tugendbund. Liebe ging hier durch den Kopf; oder das Denken schlug aufs Herz.

Was kurz danach geschah:

1795: Der Salon zieht in die Neue Friedrichstraße 22

1803: Tod von Marcus Herz

Mehr über Henriette Herz, ihre Zeit und ihre Bekanntschaften lässt sich nachlesen in: „Henriette Herz in Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen“, Die Andere Bibliothek 2013. Neu editiert von Rainer Schmitz.

Im Dezember erwacht zum Leben: Arthur Schopenhauer – studierte bei Johann Gottlieb Fichte in Berlin, hatte für viele Menschen nur Verachtung übrig, aber liebte seine Pudel.

S-Bahnfahrt in Richtung Süden (Aus der Bahn 10/12)

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Montag, 8:30 Uhr, Bornholmer Straße. 

Heute ist ein ausnehmend lauer Oktobertag. Der Himmel bläut schon zur Morgenstunde. Graue Geister gehen den Bahnsteig auf und ab, unwillig an diesem schönen Tag am Hebel zu ziehen und die Papierstapel zu heben – ungeduldig, ratlos oder einfach subtil zufrieden.

Das Bild scheint vollständig. Erst die aufmerksame Fehlersuche macht das störende Element sichtbar: Ein Rucksacktourist lässt sein Pappschild mit der Aufschrift „Richtung Süden“ hängen.

Vielleicht ist das der letzte warme Tag, vielleicht die letzte Gelegenheit, mit den Vögeln Richtung Süden zu fliegen. Ob ich dem Tramper sein Schild abschwatzen könnte? Oder ihn gar begleiten?

Mittlerweile stehen wir in der S-Bahn „Richtung Süden“. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Die schönen Empfindungen der Wärme, mit der die Morgensonne am Bahnsteig meinen krummen Rücken lockerte und des Sonnenlichts, das meine Stirn zur Abwechslung mal nicht aus Verzweiflung in Falten warf, sind rasch vergessen. Das schöne Bild der besonnen Wartenden hat sich in der Bahn zerstreut, eine zwanghafte Atmosphäre bauscht sich auf. Niemand möchte heute zur Arbeit fahren, auch ich nicht.

Ich habe das Gefühl, ich fahre in ein Gefängnis. Es ist kein Wächter in Sicht, aber die Zeitungen haben Augen. Ich suche vergebens nach einem wachen Blick, doch die Mitfahrenden verstecken sich hinter ihren Zeitungen. Ein Titel lautet: „Schwerelose Schwerstarbeit: Ist Sex im All möglich?“

Während ich in Gedanken durch das All geschwebt bin, muss der Tramper ausgestiegen sein. Die Aussicht auf ein gemeinsames Abenteuer „Richtung Süden“ ist verflogen. Ich glotze sinnierend an die Bahndecke und lese: „Türnotöffnung. Klapse öffnen. Gashahn betätigen. Tür von Hand betätigen“. Ein freud’scher Verleser, der mich nur kurz belustigt und dann einen unerträglichen Druck auf meiner Brust hinterlässt.

Mein stiller Schrei eilt immer noch dem Rucksacktouristen hinterher, während mein Körper paralysiert im Zug „Richtung Arbeitslager“ verharrt. Der lose Verdacht, dass dies der letzte schöne Tag des Jahres ist, legt sich wie eine Kette um meinen Fuß. Jetzt bleibt nur noch die Hoffnung, dass irgendwann wieder der Frühling kommt und die Gefängniszelle öffnet.

 

Kachelofen

Jetzt wieder: Zeit für zwei Decken.
Zeit für einen zweiten Menschen unter den Decken.
Zeit genommen, der Erinnerung der Decken zuzuhören.

Zeit für die Schatten der Zeiger,
der Uhr der Jahreszeiten.
Zeit die Stimmen zu hören, die sagen:
Es ist Zeit für den ersten Tee des Tages.

Hast du den Ofen angefeuert?
Aber wieso? Unsere Liebe ist so kalt, so kalt.
Wir müssen frieren.
Wir müssen hier liegen und erfrieren.
Es ist Zeit.

Die Katze schläft in Ofennähe, sie schnurrt.
Meine Decke ist von Innen heiß
Und außen ganz kalt.

Der Aschestaub deckt mich zu,
bis ich unter ihm verschwinde.
Zeit, die Möbel abzuwischen,
Zeit, neue Kohlen zu bestellen.

Wer hat die Kohlen bestellt?
Schon wieder teurer geworden als letztes Jahr.
Der Kohleschlepper hat raue Wangen
Und eine tiefe Staubstimme.
Du bist nicht da gewesen,
deshalb erzähle ich es dir.
Es ist Zeit.

Heute wieder Kohlen geschleppt.
Und wieder Kohlen geschleppt.
Und wieder Kohlen geschleppt.
Manchmal kommt Karl und hilft
Kohlen schleppen.
Du kommst nicht mehr Kohlen schleppen.
Und das tut mir leid.

Berliner Herbst verfallen (Aus der Bahn 9 / 12)

2014-09-02 19.27.12Berlin hängt mir heute Abend an den Fersen wie zähes Kaugummi. Bei jedem Schritt habe ich das Gefühl, ich ziehe etwas hinter mir her oder etwas zieht mich zurück.

Es ist einer dieser Tage, an dem man aus der Ringbahn gar nicht mehr aussteigen möchte, weil man, einmal den vorbestimmten Kreis der Schienen verlassen, zwangsläufig feststellen muss, wie sehr das eigene Leben aus der Bahn geraten ist. Man stolpert, läuft im Zickzack, vor und zurück, bleibt stehen, starrt in ein Schaufenster und denkt gar nichts dabei.

Die Schönen tänzeln rechts und links an mir vorbei wie Kinderseelen, die nichts Böses ahnen, irgendeinem Ziel entgegen, welches sich mir nicht erschließt. Ich klappe meinen Mantelkragen hoch. Der Wind beißt sich in jeden Winkel. Auf der Dänenstraße kommen mir die ersten Verwirrten im Schlängellauf entgegen. Ich überlege, ob es der Wind ist, der sie hin und her wirft, oder doch der Alkohol. Man schafft es immer irgendwie auszuweichen …

Mich von der Straßendisko auf der Schönhauser Allee immer weiter entfernend, erreiche ich schließlich die Behmbrücke. Im Wedding verändert sich sofort das Licht. In Prenzlauer Berg floh ich vor dem grellen Licht. Hier überkommt mich die Angst, von einem Häuserschatten verschluckt zu werden. Prenzlauer Berg ist monochrom, der Wedding verstört mit seinen Kontrasten.

Ich stelle mich vor die bunten Medienplakate in der Jülicherstraße und versuche mir zu merken, welchen Film ich heute, welches Konzert ich morgen und welches Theaterstück ich übermorgen verpassen werde. Doch mein Blick heftet sich an die dreckigen Sozialwohnungen hinter der Plakatwand, die von der untergehenden Sonne in rötliches Licht getaucht werden. Ich schaue über die Plakate und rudere hin und her zwischen romantischem Verfall und verfallener Romantik.

Die Kastanien fallen von den Bäumen, vor meine Füße. Sie wissen, warum ich so traurig bin. Ich schieße eine vor mich her und lass sie meinen Weg bestimmen. Wenig später in einer kuschelige Eckkneipe angelangt, massieren The Cure mein Gehirn. Nach dem ersten Schluck Bier beruhigt sich der Nystagmus meiner Augen. Aufgeregte Diskussionen stranden am Tresen, angespült als unverständliches Gemurmel. Mein Herz schlägt wieder die gesunden 120 BPM. Gerade wollen mir die Augen zufallen, als sich mit einem lauten Knall die Kneipentür öffnet und Herbstlaub über den Tresen fegt. Ich schauere. Bis zum Frühling will ich in dieser Kneipe verharren. Mit ein paar Büchern von Hermann Hesse und Kurt Tucholsky.

Teil 2: Johann Gottlieb Fichte (1762-1814)

Von 1810-1811 erster gewählter Rektor an der Berliner Universität

Fichte

Es ist ein regnerischer Apriltag im Jahr 1811, als Professor Johann Gottlieb Fichte sein Rektorenzimmer räumt. „So eine Ungerechtigkeit! In Jena beschuldigten sie mich des Atheismus, weil ich mich gegen die Abgötterei und den Götzendienst ausspreche. In Berlin werde ich des engstirnigen Nationalismus beschuldigt, weil ich an den Patriotismus der Deutschen appelliere und dazu aufrufe, vor Napoleon nicht in die Knie zu gehen. Und jetzt zwingen sie mich auch noch, meine Rektorenstelle an der Berliner Universität niederzulegen, weil ich mich parteiisch auf die Seite eines Juden gestellt haben soll. Das ehemalige Land der Freiheit tritt unsere Grenzen in Grund und Boden, die preussische Regierung verbietet uns das Wort und, ja, selbst die Kollegen verschwören sich gegen uns.“

Fichte ist dermaßen brüskiert, weil er jüngst die Nachricht bekam, dass er seiner Stelle als Rektor vom heutigen Tage an entledigt ist. Dabei hatte er selbst um seine Entlassung gebeten.

Anlass zu seiner Bitte um Niederlegung des Amtes gab ihm die sogenannte Brogi-Klaatsch-Affäre. Der jüdische Medizinstudent Joseph Leyser Brogi hatte vor einigen Wochen den Rektor aufgesucht, nachdem er von zwei anderen Studenten gedemütigt wurde. Fichte erkannte die Ungerechtigkeit und sprach sich deutlich dagegen aus, Brogi ebenso wie seinen Widersacher Klaatsch mit vierzehn Tagen Karzer zu bestrafen, weil er angeblich, wie es sein Kollege Friedrich Schleiermacher formulierte, feige und provokant gehandelt habe.

In Fichtes Augen hatte der Junge sich genau richtig verhalten! Die Universität ist kein Ort primitiver Duellkämpfe. Statt auf die Provokationen der beiden Studenten einzugehen, war Brogi zum Rektor gegangen, um sein Recht einzufordern. Doch im Senat wurde dafür gestimmt, den Jungen ebenfalls zu bestrafen. Nicht, weil er Unrecht begangen hatte, sondern weil er ein mittelloser Jude war – dem war sich Fichte gewiss.

Ihn wühlte der Fall Brogi so sehr auf, weil er sich an seine eigenen Schwierigkeiten während der Schulzeit erinnert fühlte, den Diskriminierungen, denen er sich aufgrund seiner ärmlichen Herkunft ausgesetzt sah. Hätte nicht der Gutsherr Haubold von Miltitz sein großes Talent erkannt, hätte er niemals selbst anständige Bildung genießen können. Und weil nicht jedem der Zufall so hold sein kann wie ihm selbst, setzte er sich zeitlebens dafür ein, Bildung für jedermann zugänglich zu machen. Fichte sehnte eine „Epoche der Vernunftkunst“ herbei, in der Bildung keine Frage der Religion, des Standes oder des Geschlechtes mehr ist. Denn Fichte glaubt fest daran, dass der freie Zugang zu Wissen die Vernunft der Menschen schulen und den Charakter so ausbilden kann, dass sie fähig sind, ihren inneren Überzeugungen gemäß zu handeln, ohne sich von Autoritäten und Ideologien beeinflussen zu lassen. Als Hauslehrer, als Professor und zuletzt auch als Rektor hatte er immer versucht, seine Ansichten zu verbreiten – und war dabei stets auf Widerstand gestoßen. „Vielleicht war das ein wenig idealistisch von mir …“, denkt Fichte jetzt, „angesichts der hochgradigen Verfehlungen meiner gelehrten Kollegen und der politischen Situation …“ Johann Gottlieb Fichtes Zweifel kommen einer Resignation nahe. War er am Ende an seinem Anspruch gescheitert, ein vorbildlicher Gelehrter zu sein, der seinen Mitmenschen die Augen öffnet?

Doch Fichtes Einsatz für den Studenten Brogi verfehlt seine Wirkung nicht. Sein Nachfolger Friedrich Carl von Savigny, der auch während der Brogi-Klaatsch-Affäre eher auf Fichtes Seite gestanden hatte, wird ihm recht geben, seine Anerkennung aussprechen und Brogis Strafe von 8 auf 3 Tage Karzer kürzen. Auch Fichtes Kritik an Napoleon, an die strenge Zensur und die Willkür der absolutistischen Staaten wird die Grundsätze der Universität verändern.

Was kurz danach geschah:

1814: Fichte stirbt im Alter von 52 Jahren überraschend am Lazarettfieber. Er wird auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof zu Berlin begraben. Im selben Jahr wird Napoleon als Kaiser abgesetzt.

Ein unsterblicher Satz:

Es ist eine abgeschmackte Verleumdung der menschlichen Natur, daß der Mensch als Sünder geboren werde.“

Im November erwacht zum Leben: Henriette Herz, die einen der führenden literarischen Salons der Frühromantik in Berlin betrieb.

Brasilianer in Berlin (Aus der Bahn 8 / 12)

2014-07-16 11.02.10In der U8 mir gegenüber sitzt ein dunkelhäutiger Mann mit kleinen, geflochtenen Zöpfen. Neben ihm blättert ein blondes Mädchen in der „Brigitte“.

Brasilien!“, ruft der Mann freudig und zeigt in ihre Zeitschrift. Ich frage mich, ob die beiden sich kennen. „Ja, das ist die brasilianische Flagge. Da ist ja grad die Fußball-WM.“, antwortet sie und lächelt. Sie kennen sich nicht.

Mein Land!“, sagt er und während er auf ein Foto zeigt: „Rio de Janeiro! Da bin ich geboren!“.„Aber viele nackte Frauen!“, setzt er hinterher und zieht dabei eine Augenbraue hoch. In der Zeitschrift posieren vier brasilianische Bikinischönheiten – Gesicht und Hintern in die Kamera gedreht. „Ja“, sagt das blonde Mädchen, „In dem Artikel geht es um Beautywahn in Brasilien.“ Sie kräuselt dabei ihren Mund und zupft mit schwitzigen Fingern an den glänzenden Heft-Seiten als sei es ihr peinlich, dass ihr Frauenmagazin jetzt so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch dem Brasilianer scheint aufgefallen zu sein, dass er das Mädchen in Verlegenheit gebracht hat.

Uh, die Wetter heute … schwer, oder?“, lenkt er ab, zupft dabei sein T-Shirt als wolle er sich lüften, schüttelt den Kopf und schaut mich erwartungsvoll an. „Ja, ist schwül heute. Man kriegt schwer Luft.“, bestätige ich. Weil ich meine, das Gesagte ebenfalls gestisch unterstreichen zu müssen, rümpfe ich dabei die Nase und nicke energisch. Der Mann nickt freudig mit. „Eigentlich ich nicht U-Bahn, weil is immer so swüle Luft, nä? Aber heute: Is weiss auch nis. Aber wieder so swüle Luft!“, sagt er und geht dabei mit der Stimme hoch. Ich nicke und freue mich. Es erfrischt mich, in der U8 einen normalen Menschen getroffen zu haben. Einen, der eigentlich nicht U-Bahn fährt. Der über Brasilien redet, ohne über die Fußball-WM sprechen zu wollen oder gar über freizügige Bikinischönheiten.

Als ich an der Bernauer Straße aussteige, winken wir uns noch zu. Durch die Scheibe beobachte ich wie sich ein Neukölln-Hipster auf meinen Platz setzt. Auch er wird ohne Umwege von dem Brasilianer angesprochen. Beide verschwinden mit einem Lächeln im Gesicht im U-Bahntunnel.

So einen Brasilianer in der Berliner U-Bahn zu treffen, denke ich, ist gar nicht so wahrscheinlich. Schätzungsweise 15-20.000 Brasilianer leben in Berlin. Wer mal einen getroffen hat, weiß wenig Negatives zu berichten, außer vielleicht, dass der fröhliche Südamerikaner ihm seine eigene Jammer-Mentalität vor Augen geführt hat. Aber in der Regel mag und respektiert man sich. Vor allem, wenn es um Fußball geht.

Zur Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland vor acht Jahren wurden in Berlin Brasilianische Fußballspieler an die Wand gemalt. Am Schlesischen Tor prangte Ronaldinho, an der Friedrichstraße Ronaldo und auch hier in der Bernauer Straße wurde eine Fassade verziert. Vom Mauerpark aus war er lange gut sichtbar, der Fußballer Roberto Carlos. Über dem Bild stand: „Welcome to Berlin. Brazilian Team.“

Ist es noch da? Entgegen meinen Erwartungen existiert es noch. Nur sieht man es nicht mehr. Vor dem Haus steht ein Neubau. Unter den Eigentumswohnungen, im Café des Biomarktes sitzen zwei aalglatte Geschäftstypen in der Sonne und tun so, als ob Geldverdienen und Urlaubmachen ein und dasselbe wären. Die Immobilienfirma, die den Klotz bauen ließ, wirbt mit „best of both worlds“, dem „berühmten Mauerpark“ und dem „unglaublichen Sonntagsflomarkt“. Ist denen eigentlich klar, dass es den Flomarkt bald nicht mehr geben wird? Vielleicht wissen es ja wenigstens die Kaufinteressenten … Einige Wohnungen sind nämlich immer noch zu haben.

Ich schlage vor, den Klotz bei eventuellen Verkaufsproblemen kostengünstig Berliner Brasilianern zu überlassen. Als Entschädigung für die freche Entstellung des Wandgemäldes, die schwüle Berliner U-Bahnluft und natürlich für das 1:7 gegen Deutschland.

Teil 1: Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951)

Von 1906 – 1908 Maschinenbau-Student an der Königlich Technischen Universität zu Berlin

Wittgenstein+in+1905+$28aged+16$29Es war irgendein Montag in irgendeinem Monat im Jahr 1907, als der 18-jährige Ludwig einen folgenschweren Entschluss fällte. Entscheidungen hatten bis dato immer andere für ihn übernommen. Sein Vater Karl, der Stahlmagnat, war einer der reichsten Männer in Österreich-Ungarn. „Geh nach Berlin! Mach deinen Doktor!“, hatte der gesagt. „Werd Unternehmer! Wie dein Vater!“, setzte er nach.

Der Vater war kein Mann der vielen Worte, er ließ Taten sprechen. Und Musik. Richard Strauss, Gustav Mahler und Johannes Brahms gingen bei den Wittgensteins in Wien ein und aus und Paul, Ludwigs exzentrischer Bruder, war ein Virtuose am Piano. „Ein Künstler und zwei Freitote in der Familie genügen!“, hatte der Vater gesagt.

Ohnmächtig war Ludwig dem Wunsch des Vaters gefolgt. Auch wenn er tief im Inneren spürte, dass ihn ganz andere Geister umgaben. Es war gerade mal drei Jahre her, dass sein ältester Bruder Rudolf sich hier in Berlin das Leben genommen hatte. Ein lebensmüder, homosexueller Lebemensch und der beste Bruder der Welt – verlebt. Viel zu schnell.

Ludwig fand in sich die ernüchternde Erkenntnis, dass alles, was ist, viel zu schnell verfliegt, wie ein betörender Geruch oder ein schöner Augenblick.

Wie lässt sich das Gewesene konservieren? Und was ist beständig?

Wenn wirklich gar nichts bliebe, würde Ludwig nicht länger zögern und es seinem Bruder gleich tun!

Ludwig fuhr hoch. Vom eigenen Gedanken erschrocken. Der hochverehrte Professor Georg Schlesinger stand am Pult und erzählte etwas über DIN 8580 ff. Oder DIN 69651? Genau genommen interessierte es Ludwig nicht. Es war auch gar nicht sein Gebiet, hatte er sich doch auf flugtechnische Fragen spezialisiert. Er wollte bald einen Flugzeugmotor bauen. „Wenn alles verfliegt“, dachte er, „dann will ich wenigstens mit!“.

Ein durchaus konsequenter Entschluss, doch seine Gefühle und Gedanken flogen chaotisch durcheinander.

Spielt es eigentlich so eine große Rolle, was man sagt, wenn man weiß, wer man ist?“, dachte er. „Erklären wir uns mit unserem Gefasel nicht vielmehr ununterbrochen selbst, dass wir keine Antworten auf irgendetwas haben, und uns unsere Ungewissheiten und Zweifel nur tot zu reden versuchen.“ – Ludwig dachte zu viel nach. Doch im Nachdenken fand er am ehesten den Ruheort, den ihm weder Familie noch Studium geben konnten. „Die Abstraktion des Unaussprechlichen“, dachte er jetzt, „ist in seiner Irrelevanz das eigentlich Ehrliche.“, und strich dabei sanft über den Rücken eines Buches. „The Principles of Mathemathics“, sagte er.

Wie meinen?“, wollte Professor Schlesinger wissen. Ludwig erschrak. Er hatte nicht bemerkt, dass der Dozent neben ihm stand und ihn herausfordernd beäugte. Ludwig erhob sich von seinem Sitzplatz. „The Principles of Mathemathics“, wiederholte er, während er das Buch in die Höhe hielt, „von Bertrand Russell.“

So, So …“, sagte der Professor, „Nun setzten Sie sich mal wieder hin, ja?“

Einige Kommilitonen lachten. Ludwig musterte sie mit einem so durchdringenden Blick, dass sie augenblicklich wieder verstummten. Er wollte diesem Professor Schlesinger ja gern besser zuhören. Aber er wollte auch gern diesen Bertrand Russell kennenlernen. Alles wäre so viel einfacher, wenn er einfach diesen verflixten Flugzeugmotor bauen würde. Wenn die düsteren Gespenster hinter seiner Stirn endlich Ruhe geben würden, dann würde es ihm vielleicht als einzigen Wittgenstein-Bruder mal gelingen, ein ganz normales Leben zu führen. Ohne Exzesse, Freitod und Manien. Aber es half nichts. Er war ein Wittgenstein. Ludwig Wittgenstein. Und er wird seinen Weg gehen …

Was kurz danach geschah:

1908: Diplom Maschinenbau

1911: Studium bei Bertrand Russell, Cambridge (UK)

1922: Veröffentlichung des „Tractatus Logico-Philosophicus

Ein unsterblicher Satz:

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Im September erwacht zum Leben:

Johann Gottlieb Fichte – Kant-Verehrer, Wissenschaftstheoretiker, Freimaurer, Napoleon-Gegner und erster Rektor der Berliner Universität zu Berlin

 

Offener Himmel, offenes Meer

Ich war Schwemmholz im Atlantik,
Überreste eines gesunkenen Schiffes
nach einem Sturm auf hoher See.
Meine Einzelteile zerstreuten sich
über den Ozean.

Ich traf auf einen Strand,
Eine Bucht, die das Meer umarmt,
Mit warmem, weichem Sand.

Du nahmst mich auf,
Fügtest mich zusammen,
Bautest eine Hütte aus mir.

Legtest dich hinein,
Richtetest mich ein,
Schriebst Gedichte in mir.

Jetzt, endlich im Trockenen,
Träumst du vom offenen Himmel
und ich träum‘ vom offenen Meer.