Teil 7: Walter Benjamin (1892-1940)

Von 1915 bis 1940 Lebensfreund von Gershom Scholem

WalterBenjaminEine merkwürdige Art zu denken und zu sprechen hatte er, dazu eine „chinesische Höflichkeit“. Tief und melancholisch sei er gewesen. Seinen innigsten Wünschen sei er nicht nachgekommen; zum Beispiel denen, ein großes systemisches Werk zu schreiben und nach der Machtergreifung Hitlers 1933 noch Palästina auszureisen. Stattdessen habe er sich in Paris in Arbeit verstrickt, sich in die marxistische Theorie verrannt, mit Sprach- und Geschichtsphilosophie herumgeschlagen und darüber sein metaphysisches Talent vernachlässigt.

So äußert sich der jüdische Religionshistoriker Gershom Scholem 1941 in Gedenken an den jüngst verstorbenen Lebensfreund Walter Benjamin.

1923 war Scholem nach Palästina ausgewandert. Er wollte seine Geburtsstadt Berlin für immer hinter sich lassen, weil er als aktiver Zionist in Deutschland keine Zukunft mehr sah. Mit seiner Abreise kehrte Scholem auch der achtjährigen Freundschaft zu Walter Benjamin den Rücken zu. Die Intensität ihrer Auseinandersetzungen hatte ihn schon Jahre zuvor immer wieder in die Verzweiflung getrieben, er hatte Benjamin insgeheim einen unmenschlichen Irren und einen ungerechten Menschen genannt. Trotz Differenzen bestand zwischen Scholem und Benjamin bis zu dessen tragischem Tod 1940 ein reger Briefwechsel. Nach seinem Tod veröffentlichte Scholem mit Theodor Adorno Benjamins Werke. Er sammelte Lebensspuren, um seinen rätselhaften Freund vielleicht etwas besser verstehen zu können.

Walter Benjamin wurde in eine bürgerliche Familie assimilierter Juden geboren. Er wuchs um neunzehnhundert in der Delbrückstraße 23 in Berlin-Grunewald auf. Nach seiner Schulzeit in Thüringen, studierte Benjamin 1912 Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Berlin. 1915 lernte er den fünf Jahre jüngeren Mathematikstudenten Gershom Scholem kennen. Nachdem er am Vortag ein Referat Scholems über das „Wesen des Geschichtsprozesses“ gehört hatte, sprach Benjamin ihn in der Universitätsbibliothek auf dessen Inhalt an. In den folgenden Tagen trafen die Studenten sich zu Kaffee oder Schach, um über geistige Ahnen, Sozialismus, Judentum und Kant zu sprechen.

Benjamin entwickelte über die Jahre der Freundschaft eine eigene Geschichtsauffassung, die besonders in der „Berliner Chronik“ von 1932 zum Ausdruck kommt. Nach dem ersten Weltkrieg, nachdem seine Eltern im Zuge der Inflation ihr Vermögen verloren hatten, nachdem Benjamins Habilitation gescheitert war und er sich aus Geldmangel gedrängt fühlte, als Publizist zu arbeiten, fragte er sich nach der Notwendigkeit von Geschichtsereignissen. Inwieweit hatten sich Stillstand und Zerfall, von denen er sein Leben dominiert sah, bereits in seiner Kindheit angedeutet?

In der „Berliner Chronik“ prüfte der Schriftsteller Wert und Wesen seiner eigenen Kindheitserinnerungen, und versuchte seine Vergangenheit vor dem Zerfall zu bewahren, indem er Momente herausgriff und von allen Seiten betrachtete.

Benjamin hatte die Theorie, dass sich die Fragmente der Zukunft bereits in der Vergangenheit widerspiegelten wie in einem Kristall, und dass man mit seinem gegenwärtigen Geist die Splitter der Zukunft aus der Vergangenheit heraus exerzieren könne. Dieses künstliche Herausnehmen aus dem Geschichtsprozess bedeutete für Benjamin – unter Einfluss des historischen Materialismus Karl Marx‘ – die Rettung des Moments vor seiner Umdeutung und Instrumentalisierung als Ware und gleichzeitig einen Stillstand.

Benjamin ließ sich zu Beginn des zweiten Weltkriegs nach Frankreich ins Exil treiben, in Paris schrieb er jahrelang an seinem „Passagen“-Werk und verlief sich in den Spuren, die er verfolgte. Sein eigenes Leben, seine Kindheit aber auch seine jüdische Herkunft, behandelte Benjamin als Materialsammlung.

Vielleicht stieß er bei seiner Rückschau auf keine Rechtfertigungen für eine Utopie. Vielleicht war sein Selbstmord die logische Konsequenz seines Skeptizismus. Sicher wurde Benjamin aber auch von den Umständen in den Tod getrieben. Von Südfrankreich aus wollte er die spanische Grenze passieren, doch die Grenztruppen hielten ihn tagelang hin. Es gibt aber auch Berichte von Freunden, die bestätigen, dass der Schriftsteller zuvor bereits des öfteren Suizidgedanken geäußert habe. Unzweifelhaft bleibt: Walter Benjamin starb am 26.09.1940 durch eine Überdosis Morphintabletten in Portbou und verweigerte sich der Lebensrettung.

Mehr zu Walter Benjamin gibt es nachzulesen in: „Begegnungen mit Benjamin“ (Erdmut Wizisla, Lehmstedt Verlag, 2015).

Was danach geschah:

1969: Hannah Arendt gibt in den USA den Sammelband „Illuminations. Walter Benjamin: Essays and Reflections“ heraus und macht Benjamin posthum international bekannt.

1970-1989: Adorno und Scholem geben die gesammelten Werke von Walter Benjamin heraus und bewirken in Westdeutschland einen regelrechten Benjamin-Kult.

Ein unvergesslicher Satz: „Es gibt für die Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod.“

(erschienen in den Prenzlberger Ansichten, Juli 2015)


Mein Plan für heute

Heute will ich schöne Lieder hören
über Liebe und Verkehr
Monotonen Rhythmen lauschen,
aus Peru und Papua Neuguinea

Heute will ich Sprachen hören,
deren Laute sich verlaufen (in der Ohrmuschel)
weil ich die Worte nicht versteh
und einfach mit dem Flow geh
einfach auf Bedeutung tanze,

einfach abschranze und das ganze
abgefranzte Dasein vergess (ohne Stress)
einfach atme und vernehme
wie sich alles zerstreut

– das ist mein Plan für heut.

Teil 6: Lou Andreas Salomé (1861-1937)

Von 1882 bis 1887 Friedrich Nietzsches Denkschwester


louEin 37-jähriger, kränklicher Philosoph – nach eigenen Angaben zu 4/5 blind – steht im Sommer 1882 am Anhalter Bahnhof und hält Ausschau nach einer großen, schlanken, blonden Frau in einem langen schwarzen Kleid. Bei dem Wartenden handelt es sich um Friedrich Nietzsche, bei der Erwarteten um Lou Salomé. Die 21-Jährige hat ihrem liebeskranken Verehrer vor wenigen Tagen in einem Brief mitgeteilt, dass sie heute von Hamburg nach Stibbe reisen wird, in das Elternhaus ihres gemeinsamen Freundes Paul Rée. Nietzsche schlug daraufhin vor, sich in Berlin zu treffen, das läge schließlich auf dem Weg. Obwohl Lou von diesem Vorschlag nicht angetan war, ist Nietzsche trotzdem nach Berlin gereist. Ihre Ankunftszeit schätzte er auf 11 Uhr, seit 10.30 Uhr ist er am Bahnhof. Die Chancen einer Zusammenkunft stehen also gut; denkt er.

Was er nicht weiß: Lou hat vor Stunden den Nachtzug aus Hamburg genommen. Sie dürfte bereits in Stettin eingetroffen sein, als Nietzsche noch voller Hoffnung ist, seine Geliebte Russin in Berlin wiederzusehen, ja, sie vielleicht sogar davon zu überzeugen, in sein Elternhaus nach Naumburg zu kommen.

Zwischen ihm und seinem Freund Rée ist in den letzten drei Monaten ein regelrechter Wettstreit ausgebrochen. Im Februar hatte Paul Rée ihm schriftlich von „der Russin“ derart vorgeschwärmt, dass Nietzsche beschloss, sie ungesehen zu heiraten; aber nur für zwei Jahre. Rées Begeisterung hinsichtlich dieser vermessenen Ankündigung hielt sich in Grenzen. Er hatte im Gegensatz zu Nietzsche bereits das Vergnügen, Lou während nächtlicher Spaziergänge durch Rom näher kennen zu lernen; er wusste also zu diesem Zeitpunkt nicht nur schon um ihren bestechenden Intellekt und ihre Schönheit, sondern auch um ihren Eigenwillen und ihre Kompromisslosigkeit. Letztere Charakterzüge bekam Rée zu spüren, als er bei Lou’s Mutter um ihre Hand anhielt. In Lou’s Augen war der Antrag ein Verrat ihrer Freundschaft. Nach all‘ dem, was sie sich anvertraut hatten? Rée wiederum war von der Abweisung zu tiefst gekränkt. Seit wann freuen sich Frauen nicht mehr, wenn ein vermögender, gebildeter Mann um ihre Hand anhält, noch dazu ein so enger Vertrauter? Nach all den Tortouren, die dieser aufopfernde Mann für die zähe Lou schon auf sich genommen hat, gäbe er sie, einmal für sich gewonnen, sicher nicht bereits nach zwei Jahren wieder frei. Aber sein verwegener Freund Nietzsche wird schon noch seine eigenen Erfahrungen machen …

Wie erwartet stolperte der gute Freund Nietzsche bereits beim ersten Kennenlernen ins Fettnäpfchen der femme fatale. Seine lange zuvor ausgedachten ersten Worte: „Von welchen Sternen sind wir hier einander zugefallen?“, kamen bei Lou überhaupt nicht gut an. Lou sah über seine unpassende Begrüßung großzügig hinweg, denn sie freute sich zu sehr darauf, den geheimnisvollen Philosophen endlich einmal persönlich kennenzulernen.

Sowohl Nietzsche als auch Lou merkten schnell, wie sehr sich ihre philosophischen Ansichten und Interessen überschnitten. Lou wird bald von einer „tiefverwandten Natur“ berichten, Nietzsche wird Lou sein „Geschwistergehirn“ nennen. Aber deswegen gleich heiraten? Nietzsche hielt einen Antrag für die einzig mögliche Konsequenz, doch Lou ließ ihn wissen, wie sie im Allgemeinen zu einer Eheschließung steht. Sie schreibt an Nietzsche: „Verlobte sind einander eine rosige Vermuthung u. Ehegatten eine bittere Erkenntnis.“ Nietzsche gefiel diese Einstellung. Sie hatte ja ganz recht: viel wertvoller als eine Ehe ist die Freundschaft. Beide sind sich einig: „Die Freundschaft zwischen verschiedenen Geschlechtern ist eine adlige Neigung.“ Doch ebenso befinden sowohl Lou, als auch Nietzsche: „Der Einklang im Gefühle zweier Personen kann die Ursache der Liebe oder auch die Folge der Liebe sein.“

Hochzeit hin oder her, in den kommenden Wochen galt es herauszufinden, ob es sich bei der Zuneigung, die sie zueinander verspürten, um Liebe handelte. Lou schlug erst einmal vor, mit Nietzsche und Rée in eine schöne Wohnung in Wien oder Paris zu ziehen; mit getrennten Schlafzimmern und Blumen auf dem Tisch. Dass es zu Rivalitäten zwischen Rée und Nietzsche kam, ist zu erahnen. Rée ist Lou während der vielen Gespräche und Reisen ein sehr guter Freund geworden. Sie nennt ihn ihre Heimat, ihr Haus, sie ist sein „Schneckle“. Bei Nietzsche hingegen handelt es sich nicht um eine derart ruhige, treue Seele. Ein guter Freund ist er nicht. Aber taugt er vielleicht zum Liebhaber?

Als Nietzsche von Naumburg nach Berlin reiste, um seine Lou am Anhalter Bahnhof abzufangen, muss er fest entschlossen gewesen sein, ihr seine Qualitäten als unentbehrlicher Weggefährte zu beweisen. Doch wieder einmal meinte es das Schicksal nicht gut mit ihm und sie verpassten sich.

Jetzt spaziert er allein durch den Grunewald und bemitleidet sich selbst. Womöglich fühlt er zum ersten Mal deutlich, dass diese Frau seinen Untergang bedeuten könnte. Im zweiten Teil von „Also sprach Zaratustra“ schließt er: „Lieben und Untergehn: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe: das ist, willig auch sein zum Tode.“

Was kurz danach geschah:

1882: Lou wird im August mit Paul Rée nach Berlin in eine Zweier-WG ziehen, während Nietzsche, von Wut zerfressen, einsam durch Italien irrt.

1885: Den Schmerz über den Verlust seiner Denkschwester wird Nietzsche in sein Hauptwerk „Also sprach Zaratustra“ einfließen lassen. Zeitgleich zur Veröffentlichung des letzten Teils wird Lou Salomé unter dem Namen Henri Lou „Im Kampf um Gott“ veröffentlichen und weitaus mehr Erfolg haben.

1887: Lou wird den Orientalisten Carl Friedrich Andreas heiraten, nachdem dieser sich einen Tag vor der Verlobung während einer Auseinandersetzung mit seiner Zukünftigen ein Taschenmesser ins Herz gerammt und knapp überlebt hat. Andreas wird in den folgenden Jahren noch über so manche Liebelei seiner Frau hinwegsehen müssen. Einen Geliebten, den 15 Jahre jüngeren Rainer Maria Rilke, muss er gar als Mitbewohner akzeptieren. Zudem wird es auf Wunsch Lou’s niemals zu ehelichem Sex kommen.

Mehr zu Lou Andreas-Salomé gibt es nachzulesen in: „Der bittere Funke Ich“ (Kerstin Decker, Ullstein, 2010).

Im Juli erwacht zum Leben: Walter Benjamin. Der 1892 in Charlottenburg geborene Philosoph und Literaturkritiker, hielt seine Kindheitserinnerungen in der Chronik „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ fest.

(erschienen in den Prenzlberger Ansichten, Mai 2015)

Teil 5: Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)

Von 1818-1831 Lehrtätigkeit an der Berliner Universität

1831_Schlesinger_Philosoph_Georg_Friedrich_Wilhelm_Hegel_anagoriaEin guter Redner soll Hegel nicht gewesen sein. Als „grämlich“, „mit niedergebücktem Kopf“ und einer „Naivität des überwältigendsten Ernstes“ wurde er von einem seiner Schüler beschrieben. Trotz Missbehaglichkeit teilte jener Schüler jedoch mit vielen anderen eine große Bewunderung für diesen kauzigen Professor mit dem schwäbischen Akzent.

Hegel beabsichtigte, seinen Zuhörern nichts geringeres näher bringen, als den absoluten Geist in der Natur, die Weltseele, und damit ein philosophisches System, das Religion, Geschichte, Politik und Sittenlehre gleichermaßen mit einbezieht. Aufbauend auf Kants Metaphysik, diese selbstsagend verbessernd und vollendend, zieht das Hegelsche System seine Erkenntnisse aus der Lebenswirklichkeit und nicht, wie bei Kant, dem abstrakten Denken; bezieht sich nicht auf das Ding-an-Sich, sondern dem Wesen der Dinge, denn dieses sei Manifestation des Absoluten.

Das Wesen der Dinge sei nach Hegel dialektisch. Als Beispiel nannte der Philosoph die Liebe, die ein Moment der Entfremdung und des Selbstbewusstseins, der Entfernung und Annäherung gleichermaßen enthielte. Ebenso sei auch das Absolute dialektisch und im ständigen Fluss.

Was Hegels Zuhörer zu lernen hofften, war also nichts Geringeres als das Leben und einen adäquaten Umgang mit der Wirklichkeit. In Zeiten des politischen Umbruchs sehnten sie sich nach neuen Werten. Nach siebenjähriger Besetzung Preußens durch Napoleons Truppen, war es 1819 zu den Karlsbader Beschlüssen gekommen. In deren Folge wurden im Zuge einer sogenannten Demagogenverfolgung zahlreiche Intellektuelle Opfer von Zensur und Inhaftierung. Hegel vermochte den Eindruck zu vermitteln, in dieser zerrütteten Zeit ein zukunftsweisendes philosophisches Konzept aufzubringen.

Hegel soll ein leidenschaftlicher Gesellschaftsmensch gewesen sein, der öffentlich Religionskritik übte, sich stets zu politischen Ereignissen äußerte, und weder die Auseinandersetzung mit seinen Kollegen, noch Weinlokale und Frauen scheute. Es kursierte gar das Gerücht von einem Streit zwischen Hegel und Schleiermacher, der in einer Messerattacke mündete. Die beiden Philosophen sollen noch am gleichen Tag versucht haben, den Redereien der Leute über den unangenehmen Vorfall mit einem gemeinsamen Besuch im Vergnügungspark entgegenzuwirken.

Hegels Leidenschaft mag ihm zu großen Teilen zu seinem Erfolg verholfen haben. Dass Hegel jedoch überhaupt die Möglichkeit erhielt, 1818 den äußerst gut bezahlten Lehrstuhl in Berlin zu erhalten, war seiner positiven Einstellung zur konstitutionellen Monarchie zu verdanken, die er in einem Aufsatz über die Landesstände des Königreichs Württemberg zum Ausdruck brachte. Im Einvernehmen des Kulturministers und Friedrich Wilhelm III., sollte Hegel zum preußischen Staatsphilosophen avancieren. Hegels unsteter Geist mag dafür verantwortlich gewesen sein, dass er der ihm zugeteilten Aufgabe nicht vollends genügte. So wurde der Philosoph selbst Opfer der Zensur, in politischen Affären wurde ihm widersprüchliches Verhalten nachgesagt.

Eine andere Anekdote möchte zeigen, dass Hegel in letzter Konsequenz sogar von seiner Leidenschaft in den Tod getrieben wurde. Uneinig sind sich Biografen nämlich darüber, ob Hegel an der asiatischen Cholera oder einem Magenleiden starb. Der Biograph Althaus mutmaßte, dass eine Aktion des Hegelianers Eduard Gans Hegel dermaßen in Wallungen gebracht haben muss, dass er zwei Tage später verstarb. Der ehemalige Schüler hielt eine Vorlesung über Hegels Philosophie, versprach, diese in einfacheren Worten zu erklären, fertigte jedoch für seine Hörerschaft einen Aushang an, in dem er dazu aufrief, Hegels Vorlesung trotzdem zu besuchen (auch, wenn sie so unverständlich ist). Hegel soll diesen Aushang gesehen und sich von ihm dermaßen gekränkt gefühlt haben, dass er das Ende seiner akademischen Laufbahn nur noch mit seinem Ableben besiegeln konnte.

Ein unsterblicher Satz:

Alle großen weltgeschichtlichen Vorgänge ereignen sich zweimal: Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce!

Im März erwacht zum Leben: Lou Andreas-Salomé – russisch-deutsche Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, die enge Kontakte zu Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud hegte.

(Veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, März 2015)

Teil 4: Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Von 1820-1821 erste Lehrtätigkeit an der Berliner Universität

Porträt des Philosphen Arthur Schopenhauer, 1852Arthur Schopenhauer kam von seiner ersten Vorlesung nach Hause. Dort wartete sein geliebter Pudel auf ihn, den er Atma (altindisch: Einzelseele) nannte. Schon beim Eintreten war der Philosoph in Rage, feuerte seine Tasche auf einen Stuhl und fluchte vor sich hin:

Und wieder einmal gilt mir dieser Reinfall als der beste Beweis für die Dummheit der Menschen. Diese armen, verängstigten Kreaturen; diese Banausen. Lassen sich von diesem Unsinnschmierer Hegel Afterweisheiten aufbinden und haben keinerlei Sinn für die wahrhaft großen Denker.“

Atma blickte aufmerksam zu seinem Besitzer, als verstünde er genau, wovon er sprach. Schopenhauer beugte sich zu seinem Pudel und tätschelte ihm sanft den Kopf: „Ach, Atma, mein mysteriöser Gefährte. Dein ehrliches Gesicht lässt mich die Falschheit der Menschen einen Augenblick vergessen.“

Schopenhauer rüstete seinen Hund für einen längeren Spaziergang. Nach diesem enttäuschenden Tag brauchte er das. Es verärgerte ihn, dass bei seiner ersten Veranstaltung gerade einmal fünf Studenten anwesend waren. War er zu übermütig gewesen? Schließlich hatte er seine Vorlesung absichtlich parallel zu der von Friedrich Hegel gelegt. Dieser war in den letzten Jahren zum Popstar des Deutschen Idealismus avanciert und scharrte beizeiten an die zweihundert Zuhörer um sich. Schopenhauer hingegen war ein unbekannter Privatdozent, sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ war zwar bereits im Vorjahr erschienen, hatte jedoch bis dato kaum Aufmerksamkeit erregt. Etwas übermütig auch der Titel seiner Vorlesung: „Gesammte Philosophie, d.i. die Lehre vom Wesen der Welt und dem menschlichen Geiste“.

Nachdem sich im weiteren Verlauf der Vorlesung seine Anhängerschaft nicht vermehrt haben würde, verließ Schopenhauer im kommenden Jahr Berlin, um sich auf eine längere Reise nach Italien zu begeben. Der Verlust seiner Dozentenstelle und eine längere Schreibpause, bereiteten Schopenhauer einige Geldsorgen. 1819 war das Handelshaus in Danzig zusammengebrochen, in dem er einen Teil seines Vermögens deponiert hatte. Außerdem bezahlte er einen seiner Wutausbrüche gegenüber der Näherin Caroline Louise Marqet mit jahrelangen Rentenzahlungen. Der Philosoph hatte die 47-Jährige – von ihrem Frauengeschwätz derart in Rage gebracht – so unsanft aus der Wohnung geworfen, dass sie stürzte und bis an ihr Lebensende Schäden davontrug. Auch mit seinem Verleger F.A.Brockhaus hatte er sich überworfen. In einem Brief schrieb er diesem, er habe mit den „Konversationslexikons-Autoren und ähnlich schlechten Skriblern“ nichts gemein und wolle dementsprechend anders behandelt werden, sah er sich doch nicht nur als Philosoph, sondern als Schriftsteller und Bewahrer der deutschen Sprache. Seine schriftstellerische Herangehensweise an philosophische Probleme wurde zu Lebzeiten ebenso wenig geschätzt, wie seine wegweisende anthropologisch fundierte Metaphysik.

Schopenhauer war einer der ersten Philosophen, der nach dem Idealismus nicht mehr einen Schwerpunkt auf den Geist und das Denken, sondern auf die Leiblichkeit legte. Seine Reflexionen über die natürlichen Triebe und die Sexualität setzten einen Grundstein für die Psychoanalyse des 20.Jahrhundert. Außerdem thematisierte er das Tier als gleichgestelltes Wesen. Besonders Hunde waren für Schopenhauer ein Mysterium und die Urkraft des Lebendigen. Das Mitleid zu Mensch und Tier postulierte Schopenhauer als eines von drei Möglichkeiten, sich vom ewigen, destruktiven Kreislauf der Welt zu entlasten.

Für Schopenhauer war der Wille das Urprinzip der Welt, Ursache für Leid und Lust und Anstoß für das ewige Pendel zwischen Hoffnung und Langeweile. Um an seinen Sehnsüchten nicht einzugehen, müsse der Mensch laut Schopenhauer eine asketische Einstellung zum Leben entwickeln, die er entweder durch Mitleid, durch Kunst oder durch Resignation erreichen könne. Die Freiheit der Menschen sah er nicht im Fortschritt und in der Produktivität, sondern in der Fähigkeit zur Entsagung und Verneinung.

Schopenhauer selbst gelang es zu Lebzeiten nicht, seine Gedanken praktisch umzusetzen. All zu oft gab er sich seinen Affekten hin, und wandte sich mit verbaler und physischer Gewalt gegen Frauen, Akademiker und Schriftsteller. Seine seligen Pudel schienen ihm eine der wenigen Harmoniequellen.

Was kurz danach geschah:

1825: Schopenhauer kehrte für Lehrtätigkeiten erneut nach Berlin zurück. Seine Vorlesungen blieben weiterhin schlecht besucht.

1831: Schopenhauer gab seine Wohnung in der Dorotheenstraße endgültig auf, als in Berlin eine Choleraepidemie ausbrach. Bis zu seinem Tod 1860 wohnte Schopenhauer in Frankfurt am Main.

Ein unsterblicher Satz:

Jede Lebensgeschichte ist eine Leidensgeschichte.“

Im März erwacht zum Leben: Georg Wilhelm Friedrich Hegel – deutscher Idealist, zeitweiliger Zimmergenosse von Hölderlin und Schelling und Anhänger der konstitutionellen Monarchie Preußens.

 

Ich rauche dich Kette

Ich rauche dich Kette,
Atme Perlen aus deiner Brust
Und schmücke mich festlich aus, damit.

Ich trinke dich in einem Zug,
Gehe auf Reisen
Und finde Freunde, damit.

Ich esse deine Haare,
Forme sie zu einem Wollknäuel
Und stricke mir einen Pullover, damit.

Damit ich schön bin,
Damit ich in Gesellschaft bin,
Damit ich nicht mehr friere.

Ich tauche in deinem Augensee,
Entdecke eine unbekannte Spezies
Und werde berühmt, damit.

Ich fahre in deine Mundhöhle,
Decke mich mit deiner Zunge zu
Und finde ein Bett, damit.

Ich laufe durch deine Ohrmuschel,
Spiele auf deinem Trommelfell
Und finde meine Sprache, damit.

Damit ich reich bin,
Damit ich zu Hause bin,
Damit ich nicht mehr schweige.

Von diesen sogenannten Menschen

Mit der Gehhilfe anstehen, vor Fahrstühlen,
Mit dem Hackenporsche am Pfandautomaten:
Jedem sein Gefährt, seinen Automaten,
Jedem seinen Grund, zu warten –

Ein Buggy vor der Softeismaschine,
Ein Ford in der Waschstraße,
Dazu die passenden Geräusche:
Es klimpert und brummt,

Wo Strom fließt,
Wo Werkstoff Wirkstoff wird,
Wo Atem eingeht
Und Beine und Arme

Und alles lahm wird,
Wo der Automat sie einfach abmontiert
Und in die Biotonne wirft
Und nichts mehr verwerten kann

Von diesen sogenannten Menschen.

Diogenes in der U2 (Aus der Bahn 12/12)

RolleiEs ist kurz vor Weihnachten. Irgendjemand hat vor zwei Wochen die Sonne abgeschaltet und vergessen sie wieder anzuschalten; Sparlampensaison. Durch das fehlende Vitamin D verliert der eine oder andere schon Zähne und Knochen, Herzen rattern wie zerkratzte Kiss-CDs, stockende Filmstreams oder Skype-Calls zwischen Berlin und New York. Die Grippe schleicht sich von hinten an und fährt mit ihren schlierigen Fingern über fröstelnde Rücken.

Ich steige in die U2 und beobachte, wie eine elegant gekleidete Gazelle auf High Heels der trötenden U-Bahn-Tür entgegen strakselt. Ein Mann mit Gehhilfe überholt sie und hält ihr die Tür auf. Das hätte ein wunderbarer Werbefilm für mehr Toleranz gegenüber Menschen mit Behinderung sein können, denke ich. „Wer ist hier behindert?“, hätte der Film geheißen.

Nächste Mal noch länger die Tür blockieren, dann komm‘ wa wenigstens alle zu spät!“, motzt der Bahnfahrer durch die Lautsprecher. Dann fahren wir los.

Als ich gerade sitze, falle ich auch schon in die nächste Szenerie. Mir gegenüber sitzt eine abgewetzte Gestalt mit Vollbart und drei vollgepackten Nettotüten. Sie trinkt Maternusbier. „Man, man man!“, sagt der Mann kopfschüttend und setzt zur Rede an. „Mal in den Spiegel gucken, statt immer nur aufs Handy und smsen.“ Ich schaue durch die Bahn. Außer mir scheint sich niemand angesprochen zu fühlen. „Scheiß Frisur, fettige Haare, dicke Wangen vom Pommesfressen, zu trockene Haut!“, sagt er zu mir. Durch seine Zahnlücken haucht er: „Frohes Fest!“. Zwei Sitzplätze von mir entfernt regt sich ein Mitreisender über die Äußerungen des Nettotüten-Cowboys auf: „Fass‘ dir mal an deine eigene Säufernase!“ Der Adressat murmelt sich in seinen grauen Vollbart, als wäre er wirklich getroffen und suche nun in seinem Gesichtshaar einen Rückzugsort.

Doch die vermeintliche Reue ist anscheinend nur von kurzer Dauer. Bei der nächsten Station zieht er neue Aufmerksamkeit auf sich, als er eine lesende Frau anspricht: „Wat lesen sie denn da Schönet?“ Ich vermute in seiner unschuldigen Frage das Präludium für ein bevorstehendes Paukengewitter, doch diesmal regnet es keine Beleidigungen. Stattdessen vertieft er sich mit der Frau in ein Gespräch über Literatur. Als an der nächsten Station ein Musiker einsteigt, wirft der Stadtstreicher ihm einige Geldstücke in den Spendenhut. Kritisch betrachte ich mein Spiegelbild im Fenster: Dicke Wangen vom Pommesfressen? Vorsatz für 2015: Weniger Pommes „fressen“ und SMS‘ in der U-Bahnschreiben; noch mehr gute Bücher lesen.

Zuckermann

Erinnerst du dich noch an die Nacht im letzten August
Als wir in den Dünen lagen?
Wir drehten Finger in den Zuckersand
Und ich küsste deine Zuckerhand.

In deinem Arm bin ich drei kleine Tode gestorben.
Der Mond war unser Zeuge.
Wir ertränkten ihn im nassen Salz,
Wasser perlte dir vom Zuckerhals.

Oh Zucker, Zucker Baby,
keiner durft erfahrn von dieser Nacht,
Auch nicht die Sterne.
Ich schoss sie ab mit einem Schilfrohr
Und ich hauchte in dein Zuckerohr:

Oh Zucker, Zucker Baby
Ich grab ein Loch für morgen,
Wenn all die andern fragen.
Frag auch du nie nach dem wahren Grund,
Halt für immer deinen Zuckermund.

Oh Zucker, Zucker Baby,
ich vermisch dich mit dem Zuckersand<
Und vergrab dich in den Dünen.
Dann kommt kein anderer jemals ran,
An meinen Zuckermann.