Intentionalität des Bewusstseins beim Hören eines Musikstücks

Blaise Bachofen erklärt in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins die Husserl’sche Intentionalität des Bewusstseins am Beispiel des Hörgenusses eines Musikstücks. 

momentaufnahmeNach Husserl ist der Moment nur ein Übergang der Vergangenheit zur Zukunft. Die Gegenwart existiert niemals an Sich, sondern wird vom Bewusstsein als Gewesenes und Werdendes festgehalten und interpretiert. Belege finden sich in der Musik: Das Bewusstsein könnte eine Harmonie gar nicht genießen, würde es beim Empfangen eines Tones A den Ton B nicht vorwegnehmen und während der Wahrnehmung des Tones B dem Ton A sinnlich nachfühlen usw. Die moderne Lebensphilosophie des „Im Moment lebens“ ist insofern ad absurdum geführt, als dass der Moment nichts weiter ist, als ein monotoner Augenblick. Genüßlich wird das Leben für die Sinne, wenn wir wenigstens in der Zeitspanne einer Harmonie denken. Harmonisch wird das Musikhören nicht, wenn man bei Track 1 schon Track 2 erwartet oder sich nicht auf Track 1 einlassen kann, weil man den harten Arbeitstag noch im Kopf hat. Eventuell beeinflußt aber gerade diese Erwartung und diese Erfahrung unser momentanes Gefühl. Im puren Augenblick jedoch ist Sinnlichkeit nicht erfahrbar.

Sex kann gut sein, weil er einem Streit folgt oder einem Abschied vorangeht, und ein Musikstück B kann einem gerade deshalb gefallen, weil es Track A ergänzt oder der Strophe A ein besonders eingänglicher Refrain B folgt. Wer Musik intensiv wahrnimmt, lässt sich von ihr treiben und löst sich von Konventionen. Doch das Gefühl, das er spürt, steckte vorher schon in ihm und wenn er Glück hat, wird das vom Song geweckte Gefühl auch nach dem letzten Ton fortdauern.

Der Mensch ist nicht zum Leben im Moment gemacht, sofern der Moment als Augenblick interpretiert wird, sondern zum Festhalten des Moments und nur deshalb kann er sich überhaupt als sinnliches Wesen bezeichnen.

Sama Xarit, Don’t Cache-moi!

„Sama Xarit, Don’t Cache-moi!“ zeigt Impressionen meiner zwei monatigen Senegalreise im April 2012. Das Land ist kulturell vielschichtig, vielsprachig. Ambivalent auch die Reaktionen der Senegalesen auf die weiße (Toubab!) Kamerafrau: Sama Xarit ( Wolof: Mein Freund), don’t cache-moi (Englisch, Französisch: Versteck mich nicht!), soll diese Vielschichtigkeit ausdrücken. Einerseits sind wir alle Eins, Familie, Freunde, wir möchten uns zeigen, sind stolz auf unser Land, doch wir haben auch Angst gezeigt zu werden, in der Welt, die wir nur von Erzählungen kennen. Wolof, Französisch und Englisch sind drei Sprachen, denen man in Senegal begegnen kann, das als ehemalige französische Kolonie eine enge Bindung zu seinem ehemals von England besetztem Nachbarland Gambia hegt  und in dem Wolof die verbreitetste Sprache ist. Insgesamt spricht man in Senegal 36 afrikanische Sprachen. Ein Patchwork-Teppich von Impressionen in Bild und Ton.

Ein Dadadicht

Winter wehen Wolken
Weil‘ und Dauer
Frühlingsschauer.

Augen auf der Heide
Wollen Hirten beide
Sein und haben nicht.

Wenn der Krug zerbricht
Die Liebe auch.
Obwohl es zäh erscheint.

Ein Kind, das weint
Der Jäger auch?
Er hat gefühlt.

Was werden kann
Vielleicht schon ist
Die Maße in Scharen.

Und Rudeln auch
Wenn es sinnlos erscheint
Der Herr, hats gut gemeint.

Großstadtgeister, Berlin bei Nacht, Kiezkieken 2012

Der Spielzeugroboter Np5357 wird in einem verfallenen Kinderkrankenhaus in Berlin ausgesetzt. Auf der Suche nach neuen Bekanntschaften irrt er durch fast vergessene Orte Berlins und wird dabei auf eine Reise durch die Tiefen seiner Selbst geschickt.

Partynachtgedicht

Rumdummen, Abzappeln
Rumhüpfen, Anfummeln
Anmachen, Auflegen
Rangehen, Abspacken

Vorglühen, Ausgehen
Wegstecken, Abführen
Volldröhnen, Anstöhnen
Aufmucken, Abspucken

Ohrfeigen, Nasenblasen
Mundlutschen, Augenrasen
Ohrfeigen, Nasenblasen
Mundlutschen, Augenrasen

FREI ABER FEIGE

FREI ABER FEIGE

Vom Luxusproblem, mit 27 sterben zu müssen

Wir sind umzingelt von einer Kompromisslosigkeit, die uns lähmt.
Ich habe das Gefühl, in unserer alltäglichen Kommunikation wurde das Wort „Aber“ zu Marketing-Zwecken wegrationalisiert. In jedem Rhetorik-Seminar wird das „Aber“ aus psychologischen Gründen als Unwort tituliert, denn von frühster Kindheit haben wir gelernt, dass mit diesem Wort Rechtfertigung oder Kritik auf eine destruktive Art zum Ausdruck kommt: „Dein Zimmer hast du gut aufgeräumt, aber deine Hausaufgaben hast du nicht gemacht.“,„Das Essen hat gut geschmeckt, aber die Kartoffeln waren zu weich.“ Durch den „Aber“-Nachsatz, wird das vorangegangene Lob zu Nichte gemacht. 
Deshalb haben wir gelernt, das Wort zu umgehen. Der Lernprozess erfolgt zum größten Teil unbewusst, nämlich, indem „Aber“ in unserer Umgebung einfach nicht mehr vorkommt. Diesen Trend halte ich für sehr gefährlich, weil paradox. Das „Aber“ ist Teil unseres Denkens in einer Welt voller Möglichkeiten. Aber wir dürfen es nicht artikulieren, da wir sonst Schwäche zeigen?

Ich gehe davon aus, dass dieser vorgelebte Größenwahn dafür zuständig ist, dass ein großer Teil meiner Generation der Mitzwanziger resignierend in einer Medienflut untergeht, da der Widerspruch von äußeren unbegrenzten Möglichkeiten und innerer begrenzter Handlungsfreiheit zu einem erdrückenden Zwang verlaufen sind. Wir sind umgeben vom Besten des Besten und wir können nur mitschwimmen, wenn wir aus der Fülle an Möglichkeiten die Beste wählen. Wir unterliegen einem ständigen Entscheidungszwang.
Unsere Freiheit ist uns zum Unglück geworden. Wir können so viel, aber wir schaffen gar nicht alles. Wir müssen sogar im Schnellimbiss zwischen fünf Brotsorten und 10 Soßen wählen, wir müssen ständig Entscheidungen treffen mit dem bedrückenden Gefühl, dass es immer eine bessere Wahl gibt. Und du kannst scheitern. Du scheiterst sogar am Brot! 
Hast „Sesam“ genommen, aber dein Freund hat „Honey Oat“. Seins schmeckt viel besser, aber du hattest Angst davor. Wusstest nicht was Oat ist. Hast Angst vor Oat? Das hat nichts mit dem OAT-Syndrom zu tun (Oligo-Astheno-Teratozoospermie-Syndrom). OAT ist Englisch für Hafer. Lass dir sagen: Asiago Ceasar ist auch viel besser als Senf. Weißt du, wie man das ausspricht? Nicht? Dann bleibts bei Sesam und Senf… 

Und das ist ein Problem! Ein Luxusproblem! Und das paradoxe ist, dass du dich aus diesem Paradox der Unfreiheit durch ein Übermaß an Freiheit nur befreist, wenn du es durch ein weiteres Paradox ausstichst: Zeige Größe, indem du versuchst, nicht groß zu sein. 

Ich habe für ein Jahr eine Wochenzeitung abonniert, sie hatte ihren Preis und ich wollte diese Invesition bestmöglich nutzen, indem ich die Zeitung genaustens studiere. Leider war es mir aus Zeitgründen nicht möglich, alles von Politik bis Feuilleton wöchentlich zu inhalieren, ich fühlte mich schlecht.

Warum bezahle ich einen Kosmos und bereise nur drei Planeten? Die Erde hat auch fast 200 Länder und ich könnte sie alle bereisen und es gibt rund 3000 Sprachen und ich könnte jede lernen. Aber ich kann nicht! Ist das nicht ungerecht? Schenkt uns das Leben diese Freiheit und diese Intelligenz, um nur einen Bruchteil dessen zu nutzen? Ja! Und wir haben die Qual der Wahl. Bevor wir wählen, müssen wir wissen, was wir wollen. Es ist ganz natürlich, dass eine Generation wie unsere, die nahezu alle Möglichkeiten hat, eine längere Zeit benötigt, um die richtige Entscheidung für sich zu finden. Nicht selten beobachte ich bei meinen Freunden und auch bei mir eine aus dem Übermaß an Freiheit resultierende Gelähmtheit: Wir schaffen es einfach nicht. Wir sind der Klub 27: Wir sind Jimmy Hendrix, Kurt Cobain, Janis Joplin, Jim Morrison, Heath Ledger und Amy Winehouse. Wir gleiten in einem goldenen Drogenmobil zehn Zentimeter über dem Regenbogen-Highway direkt in den frühen Tod. Jetzt müssen wir sogar schon mit 27 sterben, um groß zu sein. Aber warum geht niemals irgendetwas dazwischen?