Grund und Boden

Wir saßen in einem Spielplatzturm aus Holz.
Wir saßen feucht und sprachen nicht.
Wir dachten trocken. Wir wussten alles.

Unter uns raschelte es. Nicht der Rede wert.
Verschwörungstheorien.
Wir sprachen doch.

Wir rasselten uns ein.
Rasselten uns eine Kette aus Ereignissen herunter.
Alles stand und fiel mit dem Schatten des Baumes.
Einigung darüber.

Aber was der Mann da macht? Der da unten hockte,
stellten wir uns vor, und lauschte, was der wohl dachte,
wenn er überhaupt lauschte? Ob er uns folgte.
Verschwörungstheorien.

Wir sprachen doch. Wir fragten uns die Sprache her.
Hakten mit der Sprache, die uns blieb.
Fragen und nur eine Antwort.
Verschwörungstheorien.

Ob es denn hilfreich sei, das reden darüber: aber, Ja!
ob sie noch schmeckten die Zigaretten: aber, Nein!
Rasseln aber war unser Sound.
Rasselnd logen wir uns in Grund und Boden.

(veröffentlicht am 07.06.2016 auf fixpoetry)

strandkunde

die leine ist gelb, was wichtig ist
denn der hund ist klein und hört nix!
verkündet das geschirr, hör nix!
sieht nix, sagt nix, denk ich
ist aus porzellan

das fell ist grau und filzig
der buckel zählt schon 24 jahre
verkündet das herrchen, 24!
das rosa ausgeblichene halsband
hält ihn am leben fest, denk ich

dackelbeine verschwinden im sand
lassen das hundeverbotsschild hinter sich
vor sich den besitzer gestikulierend stehen
was guckt ihr so blöd?, fragt der hund
denk ich, jedem sein recht auf strand

(veröffentlicht Herbst 2015, Risse Rostock)

Teil 12: Byung-Chul Han (*1959)

„Die Freiheit wird eine Episode gewesen sein“

Byung-Chul-Han-foto

In der letzten Folge tauchten wir in das Leben des fast vergessenen DDR-Philosophen Georg Klaus ein. Der Kybernetiker hatte die Zukunftsvision von einem Informationszentrum, in dem weltweit verfügbares Wissen gespeichert wird. Die Kommerzialisierung des Internets erlebte Klaus nicht mehr, denn er starb bereits 1974. In Berlin-Schöneberg lebt heute ein Philosoph, der sich mit den negativen Folgen unserer Informationsgesellschaft auseinandersetzt: Byung-Chul Han. Er steht dem grenzenlosen Internet kritisch gegenüber. Byung-Chul Han sagt, die Fülle an Informationen macht uns müde und krank.

Byung-Chul Han ist in Seoul geboren. 1980 kam er nach Deutschland. Hier studierte er neben Philosophie auch Theologie und Literatur. Er promovierte zu Heidegger, obwohl er sich der Philosophie von Hegel näher fühlt. Seit 2012 ist Han Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der UDK Berlin. In den letzten vier Jahren ist er zum Vorzeigephilosophen der Stadt avanciert. Byung-Chul Han erscheint an erster Stelle, wenn man im Internet nach Berliner Philosophen sucht. Ob ihn das freut? Schließlich steht Han der Konsumgesellschaft sehr kritisch gegenüber.
In seinem Buch „Psychopolitik“ vertritt er die These, das neoliberalistische System unserer Zeit würde die Freiheit instrumentalisieren. Den Monopolen würden wir gegenüber stehen wie Leibeigene vor Feudalherren: Wir arbeiteten für sie und bekämen Land dafür. Die Feudalherren schlügen Profit aus unserer Arbeit und gäben uns das Gefühl, frei zu sein. Doch was als Freiheit empfunden würde, wäre in Wirklichkeit Zwang. Die Menschen täten sich so schwer, dagegen zu protestieren, weil sie das vermeintliche Freiheitsgefühl nicht als Zwang erkennen. Weil sie auf die Vorteile dieses Abhängigkeitsverhältnisses, auf billige Klamotten oder kostenlosen Zugang zu Social Media-Plattformen nicht verzichten wollen.
Byung-Chul Hans Zeitanalyse geht noch weiter. Seiner Meinung nach ist die digitale Gesellschaft eine Klassengesellschaft. Big Data-Firmen würden ihre Konsumenten nach Marktwert einteilen. Wer kreditunwürdig ist oder nicht fleißig konsumiert, ist in ihren Augen nichts wert. So hätten beispielsweise viele Hartz IV-Empfänger mit Angst und Scham zu kämpfen, da sie wie Müll behandelt würden. Das wiederum mache sie handlungsunfähig.
Auf die Psyche des Menschen habe die neoliberale Gesellschaft also fatale Folgen. Die Menschen würden liebesunfähig und müde, sie erkrankten an Burn-Out und Depressionen. Hans amerikanisiertes Geburtsland Süd-Korea weist heute die höchste Selbstmordrate weltweit auf. In Seoul gäbe es sogar Selbstmordseminare. Elektronische Trost-Botschaften, die an Brückengeländern befestigt sind, sollen die Einwohner vom Sprung in den Tod abhalten.
Was hat Byung-Chul Han dieser kranken Welt entgegenzusetzen?
Wo man mit ständiger Überforderung zu kämpfen hat, da gibt es dann vielleicht doch eine hilfreiche Methode aus Hans Geburtsland Süd-Korea: die buddhistische Meditation, die er in seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“ auch als „tiefe Langeweile“ bezeichnet. Sollen wir also üben, uns zu langweilen? Ist das die Lösung? Sollten wir nicht lieber auf die Straße gehen?
In einem Artikel in der SZ schreibt Han, warum er eine Revolution nicht für die Lösung hält. Er denkt nicht, dass der aktive Widerstand zu einer Besserung führt, weil der Feind heute unsichtbar sei. Ein Protest käme einer Demonstration gegen sich selbst gleich. Schließlich sei doch jeder nicht nur Opfer, sondern auch Täter des Systems. Stattdessen scheint das kritische Denken für ihn das beste Rezept zur Weltveränderung. Denn Denken kann nach Han sehr explosiv sein. In einem Interview sagt er, das Basteln an Gedanken wäre „vielleicht gefährlicher als die Atombombe“. Ruhig schlafen könne er trotzdem nicht. Und die Frage, ob er glücklich sei, stelle er sich gar nicht.

Aktuelles zu Byung-Chul Han:
Isabella Gressers Film „Müdigkeitsgesellschaft“ bei dem Prenzlberger Verlag Matthes&Seitz erhältlich. Die Videokünstlerin Isabella Gresser begleitete in Ihrem Film den Philosophen Byung-Chul Han in Berlin und Seoul. Bei dem „Achtung Berlin“-Festival 2015 in Berlin erhielt der Film den ökumenischen Jury-Award.

(veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, Mai 2016)

Teil 11: Georg Klaus (1912-1974)

Ein Querdenker in der DDR

klaus_georgIn der letzten Folge begleiteten wir den Psychoanalytiker Wilhelm Reich auf seinem steinigen Weg in das amerikanische Exil. Ebenso wie Reich, war auch der Kybernetiker Georg Klaus zeitgleich aktives Mitglied der KPD. Doch im Gegensatz zu Reich, entging er der politischen Verfolgung nicht durch Exil, sondern saß seine Gefängnisstrafe im Konzentrationslager Dachau ab. Danach begann er eine scheinbar vorbildliche Karriere als DDR-Wissenschaftler – bis ihm auch die kommunistische Diktatur zum Verhängnis wurde …

Nach Kriegsende setzt Georg Klaus seine politische Karriere bei der SED fort und nimmt ein Studium in Jena auf. Zu seinem Lehrer gehört der Logiker Max Bense, der ihn mit der Kybernetik bekannt macht. Die Kybernetik ist zu dieser Zeit eine sehr junge Wissenschaftstheorie, als dessen Begründer der amerikanische Mathematiker Norbert Wiener gilt. Als Wissenschaft der Steuerung und Regelung von Maschinen ist die Kybernetik ein Vorbereiter der Informatik. Forschungsschwerpunkt der Kybernetik ist jedoch nicht nur die künstliche Intelligenz, sondern auch die Steuerung sozialer Prozesse. Klaus‘ wird von nun an bemüht sein, die neuartigen Ansätze der Kybernetik für die Ost-Politik zweckdienlich zu machen.
Vorerst dient ihm zur Verbreitung seiner systemtheoretischen Theorie eine Professur für historischen Materialismus an der Berliner Humboldt Universität. Ab 1953 ist ihm der Lehrstuhl für Logik und Erkenntnistheorie inne. Zu dieser Zeit ist der Philosoph 
Heinz Liebscher Student bei Klaus. Nach seinen Aussagen, sei Georg Klaus zu jeder Zeit bewusst gewesen, mit wie viel parteitreuen Formulierungen man eine Forschungsarbeit füttern müsse, um dem Geschmack der obersten Instanz gerecht zu werden. Seine erste Schrift zur Kybernetik erscheint 1961: „Kybernetik in philosophischer Sicht“ erreicht bis 1964 vier Auflagen. Diese und weitere Veröffentlichungen zur Kybernetik stellen in den Augen des DDR-Regimes eine verkappte Annäherung an den amerikanischen Geist dar. Nicht nur wendet sich Klaus gegen die Verschleierung politischer und philosophischer Wahrheiten durch die Partei. Auch ist die von Klaus angestrebte „Soziokybernetik“ zeitgleich in den USA durch Rudolf Carnap en vogue, und wird einige Jahre später mit dem westdeutschen Soziologen Niklas Luhmann populär werden.
Klaus sieht trotz seiner aufrichtigen marxistisch-leninistischen Einstellung keinen Grund, der Wissenschaft Grenzen aufzuerlegen. Als Wissenschaftler hat er die Vision, jedem Menschen einen freien und unbegrenzten Zugang zu Wissen zu ermöglichen.
Unter 
Walter Ulbricht wird die Kybernetik Ende der sechziger Jahre kurzerhand in „marxistisch-leninistische Organistationswissenschaft“ umbenannt. Ulbricht versucht auf diesem Wege, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit sozialen Steuerungssystemen für sich zu nutzen. Die transformierte DDR-Kybernetik ist jedoch nicht mehr im Sinne Klaus‘. Er arbeitet in den Siebzigerjahren an einem demokratischen System, welches ein unverfälschtes Wahlergebnis garantieren soll. Ihm schwebt ein Abstimmungsapparat vor, der in jedem DDR-Haushalt installiert wird, um die politische Mitsprache der Bürger zu fördern. Während der Informationsübermittlung soll die Richtigkeit der Abstimmung geprüft werden. Mit der Vorarbeit für diesen Wahl-Computer fordert Klaus das demokratische Selbstverständnis der DDR heraus – und geht im Kampf um einen „besseren“ Sozialismus als Verlierer hervor. 1971 beginnt Georg Klaus‘ – von Staatswegen beschlossene – Abwendung von der Kybernetik. Im Land wird er nunmehr bestenfalls geduldet; an der Universität, mehr als zuvor, seiner wissenschaftlichen Freiheit beraubt.
Wer nun vorschnell meinen mag, Klaus‘ könne aufgrund der ideologischen Färbung seiner Schriften, die wissenschaftliche Integrität abgesprochen werden, unterschätzt womöglich sein demokratisches Engagement. Nach seinem Verständnis zeichne sich ein ideale Sozialismus nicht nur durch Interdisziplinarität, sondern auch durch freien Wissens-Zugriff aus. 1974 erscheint sein Aufsatz „Zukunftsperspektiven“, in dem er unter anderem die Vision von „Informationszentren, in denen im Prinzip das ganze gegenwärtige Wissen der Menschheit vorhanden ist“, formuliert. Auch seine weitere Weissagung ist heute bereits erschreckend wirklich geworden: „
In Zukunft wird man nicht mehr Zeitung lesen. Unsere hypothetische Informationszentrale wird eine Riesenzeitung für die ganze Welt herausgeben, die jedem das gibt, was er benötigt.“
Seine letzten Lebensjahre verbringt Georg Klaus in Berlin-Wilhelmshagen. Er stirbt 1974 im Alter von 61 Jahren an einer Gelbfieberinfektion.
(Mehr zur Kybernetik in der DDR gibt es nachzulesen in dem Sammelband: „Kybernetik steckt den Osten an“, Trafoverlag, Berlin, 2007.)

Was danach geschah:
– bis 1987: in vierzehn Auflagen erscheint das „Philosophische Wörterbuch“, das von Georg Klaus und Manfred Buhr herausgegeben wird.
– 2011: der Schriftsteller 
Marc Schweska verarbeitet Klaus als Figur in seinem Roman „Zur letzten Instanz“.

(erschienen in den Prenzlberger Ansichten, März 2016)

Denkste!

Ich so: „Haste ’n Master of Arts, biste ’n Meister der Kunst.“
Du so: „Und kommste vom Wedding, trägste ’n Ehering.“
Ich so:  „Inhalierste Grass, brennt die Kuhweide.“
Du so: „Und haste ’n Apple, musste reinbeißen.“

Ich so: „Biste faul, kommste in‘ Biomüll.“
Du so: „Und die Queen bekämpft Drohnen mit Sex.“
Ich so: „Passierte Tomaten gehörn in Geschichtsbücher.“
Du so: „Und gegen Kater vom Pils hilft Risotto mit Whiskas.“

Angst vor Namen

Angst, den Dingen einen Namen zu geben
Angst, jemanden das erste Mal beim Namen zu nennen
Angst, jemandem das Du anzubieten

Erleichterung, selbst beim Namen genannt zu werden
Erleichterung, jemandes Namen zu kennen
Erleichterung, jemand jemanden beim Namen nennen zu hören
– erleichterte Angst.

Der Umstand der Erleichterung,
die Angst beim Namen genannt zu haben.

Teil 10: Wilhelm Reich (1897-1957)

… ein planetarer Arzt“

wilhelm ReichIn der letzten Folge blickten wir zurück auf die Begegnung zwischen Edmund Husserl und Wilhelm Dilthey in Berlin. Beide Philosophen kritisierten die Verdinglichung des Menschen durch die Naturwissenschaften. Mit der Phänomenologie wurde der Mensch in der Philosophie nicht mehr als objektiver Körper behandelt, den man zerlegen und erklären kann, sondern als fühlendes, denkendes, wollendes Wesen mit leiblichen Erfahrungen. Keine logischen Operationen, sondern praktische Beobachtungen sollten Erkenntnisse darüber liefern, was der Mensch eigentlich ist. Die Psychoanalyse nach Sigmund Freud leistete hierzu einen wichtigen Beitrag. Er teilte die Psyche in Ich, Es und Über-Ich und zeigte damit, dass nicht nur Intellekt, sondern auch Trieb und Erziehung einen Einfluss auf die Seele des Menschen üben.

Wilhelm Reich war ein Schüler Freuds. Er radikalisierte Freuds Libidotheorie; machte aus ihr eine Orgasmustheorie. Die Unterdrückung sexueller Bedürfnisse führten nach Reich dazu, dass 90% der Frauen und 60% der Männer Orgasmusstörungen hätten. Dies begünstige Neurosen, welche nicht nur persönliches, sondern vor allem gesellschaftliches Leid erzeugten. Eine Folge dieser kollektiven Sexualstörung sei der Faschismus. In der Konsequenz gab Wilhelm Reich 1930 seine ärztliche Privatpraxis in Wien auf, um in Berlin aktiv gegen den Faschismus zu kämpfen.
Ist Faschismus eine Krankheit?
– 1929 äußert Wilhelm Reich diese Vermutung vor dem „inneren Kreis“ seiner Kollegen. Das Treffen findet in Sigmund Freuds Privathaus statt. Der psychoanalytischen Vereinigung käme die Aufgabe zu, wirtschaftliche und sexuelle Veränderungen des Lebens einzuleiten, sagt er; der „epidemischen Verbreitung der Neurosen“ müsse man entgegensteuern. Dies sei nur durch politische Aktivitäten außerhalb der Privatpraxis umsetzbar. Damit fordert er von seinen Kollegen, die ganze Gesellschaft als Patienten wahrzunehmen und sich dem entsprechend zu engagieren.
Die Freudianer reagieren mit Zwischenrufen. Doch Wilhelm Reich lässt sich dadurch nicht beirren; bringt stattdessen einen weiteren kritischen Punkt auf die Tagesordnung. Der ein oder andere ahnt schon, worauf es hinauslaufen wird. Wieder einmal betont er, wie wichtig die Aufklärung der Arbeiterschicht sei. Man müsse aus seinem geschlossenen Kreis ausbrechen. Er selbst ist ja schon mit gutem Beispiel voran gegangen, hat in Wien acht Jahre lang im „Psychoanalytischen Ambulatorium für Mittellose“ gearbeitet. Doch Freud und seinen Anhängern missfällt diese Form politischen Aktivismus. Sie protestieren erneut. Wilhelm Reich versucht sie zu beruhigen. Er ist selbstsicher. Später wird man ihn auch als stur und exzentrisch bezeichnen.
Nach diesem Treffen kommt es zum endgültigen Zerwürfnis zwischen ihm und Freud. Reich wird sich davon noch schwer gekränkt zeigen. Doch vorerst führt er das Missverständnis auf die reaktionäre Gesinnung seiner Kollegen zurück. Warum sollten Ärzte keine Politik machen? Warum keine sexuelle Revolution initiieren? Wenn er im vornehmen Wien keine Verbündeten für seine Vorhaben finden kann, dann wird er es eben in Berlin versuchen. Dort sind die Menschen doch sowieso viel offener. Und weil Großstadtbewohner bekanntlich besonders stark unter stressbedingten sexuellen Stauungen leiden, wird er sicher auch genügend Patienten für sich gewinnen können.

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Künstler: William Steig

1930 zieht Wilhelm Reich nach Berlin. Er tritt dem Verein „sozialistischer Ärzte“ bei. Im Januar 1931 ruft er die Ärzte des Vereins in einer Rede dazu auf, sich für die sexuelle Befreiung der Bevölkerung einzusetzen. Mittlerweile ist Wilhelm Reich auch Mitglied der KPD und hat die Massenorganisation „Sexpol“ („Reichsverband für proletarische Sexualpolitik“) gegründet.
Zeitgleich arbeitet Wilhelm Reich in Berlin an einer freudo-marxistischen Analyse. Doch während seiner Reden teilt er mit seinen Partei- und Arbeitskollegen bereits jene Zukunftsvisionen, die erst 1933 mit „Massenpsychologie des Faschismus“ einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sein werden. Sein politischer Kampf gilt patriarchalen Familienstrukturen, und den Verboten von Homosexualität und außerehelichem Sex. Diese gesellschaftlichen Normen seien hauptsächlich dafür zuständig, dass Menschen ihre unterbewussten Bedürfnisse von Geburt an derart unterdrückten, dass sie nun gewaltsam auszubrechen drohen. Sadistische Neigungen könnten zu Fremdenhass, und Fremdenhass zu Krieg werden; sexuelle Frustration dazu führen, dass man sich die Befriedigung auf Umwegen verschafft; in der Massenekstase zum Beispiel, und der Anbetung einer Führerpersönlichkeit. Autoritäre Erziehung führt dazu, dass so viele Menschen zu Anhängern einer autoritären Ideologie werden. Eine repressive Ordnung entspricht ihren erworbenen Prägungen von Entsagung und Selbstkontrolle. Viele seien deshalb nicht imstande ein politisches Bewusstsein auszuprägen. Stattdessen handelten sie affektiv und neurotisch. Der Faschismus habe einen Weg gefunden, diese Charakterschwächen auszunutzen. Deshalb sei sexuelle Aufklärung und der Kampf gegen Neurosen der einzige Weg, einer Nazi-Invasion entgegenzuwirken.
1934 schließt die KPD Wilhelm Reich aus ihrer Partei aus. Seine Ideen von Familie und Sexualität widersprechen der stalinistischen Ideologie. Im selben Jahr unterschreibt auch Sigmund Freud Reichs Ausschluss aus der IPV. Er wird zum politisch Verfolgten, verlässt Berlin, flieht erst nach Schweden, dann nach Dänemark, danach nach Norwegen. Asyl erhält Wilhelm Reich erst 1939 in den USA.

Was danach geschah:
1940: Wilhelm Reich entdeckt die Lebensenergie „Orgon“ und entwickelt Orgon-Akkumulatoren, die unter anderem in der Krebstherapie eingesetzt werden sollten.
1951: im Oranur-Experiment forscht er zur Neutralisierung radioaktiver Strahlung. Nach einem Unfall entwickelt Reich erst den DOR-Buster und dann den Cloud-Buster, mit denen er „tödliche Orgonenergien“ bekämpfen möchte. Die Atomlobby beginnt, seine Arbeit zu behindern.
1955: gerichtliches Verbot der Orgon-Akkumulatoren und Verbrennung seiner Bücher.
1956: Verhaftung wegen „Missachtung des Gerichts“.
03.11.1957: Wilhelm Reich stirbt während der Haft in Lewisburg, Pennsylvania.
Posthum: seine Thesen werden während der 68’er Bewegung wiederentdeckt.

Ein unvergesslicher Satz: „Ich bin dein Arzt, und da du diesen Planeten bevölkerst, bin ich ein planetarer Arzt; ich bin kein Deutscher, kein Jude, kein Christ, kein Italiener, sondern Bürger der Erde.“

(veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, Januar 2016)

Teil 9: Wilhelm Dilthey (1833-1911)

Wilhelm Diltheys folgenschwere Begegnung mit Edmund Husserl

Wilhelm_Dilthey

1905, ein Jahr bevor Hannah Arendt in Linden (Hannover) geboren wurde, kommt es in Berlin zu einem bedeutsamen Treffen zweier älterer Philosophen. Es soll über einen Paradigmenwechsel in der Philosophie diskutiert werden; der Eine hat ihn vorbereitet, der Andere soll ihn umsetzen …

Bei dem Älteren handelt es sich um den 74-jährigen Wilhelm Dilthey. Er ist seit zwölf Jahren Professor an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin. Die Stadt ist Dilthey vertraut. Hier hat er Theologie studiert. Nachdem er 1856 sein Staatsexamen abgelegt hatte, wurde er Lehrer am Joachimsthaler Gymnasium. Nach einer Promotion zur Ethik Schleiermachers folgte eine Habilitation zum moralischen Bewusstsein. Zusammen gerechnet hatte er nun schon ein Drittel seines Lebens in Berlin verbracht.
Der 46-jährige Edmund Husserl reist im Jahr 1905 von Halle an. Auch er kennt die Stadt, wenn auch weniger gut als Dilthey, von seinem Philosophie- und Mathematikstudium an der hiesigen Universität. Details des Treffens sind nicht bekannt. Es darf darüber spekuliert werden, welchen Datums und welchen Ortes sich das Treffen abspielt.Der Gegenstand des Gesprächs ist ein kürzlich erschienenes Werk Husserls, das den Titel „Logische Untersuchungen“ trägt. Der entscheidende Anteil Diltheys Schriften ist der Geschichtsphilosophie zuzuordnen, wie sie maßgebend von Friedrich Hegel und Karl Marx geprägt wurde. Er vertritt die Auffassung, dass jeder Ausdruck des Lebens in Philosophie, Kunst oder Religion nur im Kontext der Geschichte verstehbar ist. Hierzu zählt er die individuelle Geschichte der Urheber und die gesellschaftlichen Umstände. Seine philosophische Methode nennt er Hermeneutik. Die Wissenschaft, welche sich mit solchen „Ausdrücken des Lebens“ beschäftigt, und diese nach der hermeneutischen Methode vergleicht, beobachtet und zergliedert, bezeichnet er als Geisteswissenschaft. So gilt Dilthey als Begründer des Feldes der Geisteswissenschaften, wie wir sie heute kennen.
Angesichts der Bedeutung, die Dilthey um 1900 zukam, darf vermutet werden, dass Husserl sich einigermaßen geehrt fühlte, als ihn die Einladung nach Berlin erreichte. Doch welches Interesse mag Dilthey an Husserls Schrift haben, widmeten sie sich bisher doch anscheinend ganz unterschiedlichen Bereichen der Philosophie?
Zu allererst verbindet die beiden Philosophen das Interesse an der noch jungen Psychologie. Husserl ist als Schüler Franz Brentanos interessiert an einer psychologisch fundierten Philosophie. Auch logische Untersuchungen geschehen bei ihm deshalb unter psychologischen Aspekten. Ebenso fundieren Diltheys geschichtliche Untersuchungen auf psychologische Voraussetzungen. Für Dilthey ist also Geschichte ein Ausdruck der Psyche, für Husserl Logik. Berechtigt ist deshalb die Annahme, dass beide Ansichten sich verbinden lassen. Und so wird es auch kommen: Nach dem Treffen in Berlin werden Dilthey und Husserl in Briefkontakt bleiben. Dabei versuchen sie Missverständnisse aus der Welt zu schaffen. Den Vorwurf Husserls, Dilthey verfalle einem Historizismus und Psychologismus, weist Zweiterer von sich. Weder sei die Welt aus einer Geschichtsanalyse, noch aus einer Analyse psychischer Vorgänge verstehbar; es gehe vielmehr um die Wechselwirkungen und die Struktur, die sich aus der Analyse ergäbe. Mit einer Weltanschauungslehre versucht Dilthey zu verdeutlichen, welchen Einfluss unsere Bewusstseinsstrukturen auf das Welt-Verständnis haben und warum unsere Perspektiven sich mit der Zeit verändern. Nach ausgiebigem Austausch der Ansichten, einigen sie sich darauf, dass ihre Ansätze doch gut miteinander vereinbar seien.
So wird Edmund Husserl später erklären, dass Wilhelm Dilthey großen Einfluss auf seine Phänomenologie hatte. Er habe ihn zum „Husserl der Ideen“ gemacht, welcher sich nun nicht mehr logischen Ausdrücken widmet, sondern dem objektiven Gehalt der unmittelbaren Erscheinungen. Denn seines Erachtens wäre es durch eine „Wesensschau des Gegebenen“ möglich, unmittelbare Erkenntnis über das wahre Sein der Welt zu erlangen. Unter Einfluss Husserls wird auch Dilthey kurz vor Lebensende seine Arbeit zur Geisteswissenschaft noch einmal überarbeiten.


Was danach geschah:
– 1911: Husserl wird mit seiner Schrift „Philosophie als strenge Wissenschaft“ zum Begründer der Phänomenologie. Diese soll, wie die Diltheysche Geisteswissenschaft, ein Wissen der Wirklichkeit ermöglichen, das über den empirischen Erkenntnisgehalt der Naturwissenschaften hinausgeht
– 1.10.1911: Wilhelm Dilthey stirbt in Südtirol
– posthum: Wilhelm Diltheys Weltanschauungs- und Geschichtslehre übt und übte Einfluss auf viele Philosophen wie Heidegger, Adorno, Cassirer, Apel, Habermas und Gadamer


Ein unvergesslicher Satz:
„Das Verstehen ist ein Wiederfinden des Ich im Du.“

Weiterführende Literatur:
Einen lebhaften Eindruck von Diltheys „Philosophischem Traum“ erhält man online hier: „Ein Traum“ 

(veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, November 2015)

 

Teil 8: Hannah Arendt (1906-1975)

Von 1929 bis 1937 erste Ehe mit Günther Stern

 

arendt1924 begegnen Arendt und Stern sich zum ersten Mal auf Kant- und Hegel-Seminaren in Marburg. Günther Stern fällt Arendt durch seine intellektuelle Brillanz auf. Doch die 18-jährige Studentin hat nur Augen für ihren Professor. Mit Martin Heidegger pflegt sie ein erotisches Verhältnis. Es wird weitere fünf Jahre dauern, bis die ehemaligen Kommilitonen sich in Berlin, fern vom ewigen Nebenbuhler Heidegger, auf einem Tanzball näher kommen. Günther Stern kokettiert in seinen Aufzeichnungen mit der Behauptung, Hannah an diesem Abend durch ein kantianisches Versprechen für sich gewonnen zu haben, das sich leider nie bewahrheitet: „Lieben sei derjenige Akt, durch den man etwas Aposteriorisches: den zufällig getroffenen Anderen, in ein Apriori des eigenen Lebens verwandle.“

Auf diesem intellektuellen Niveau führt sich das Verhältnis der beiden jungen Philosophen fort. Zwar habe es nach Stern sinnliche Momente zwischen ihnen gegeben; er erinnere sich an leidenschaftliche Kirschen-Orgien auf dem gemeinsamen Balkon in Potsdam-Drewitz – Hannah sei ebenso süchtig nach Kirschen wie nach Zigaretten gewesen; sie habe die Kirschen vermutlich samt Kern und Stiel verschlungen, so Stern. Und doch bleibt ihre größte geteilte Leidenschaft der philosophische Dialog.* Erotische Gefühle oder gar Liebe hebt Hannah sich für Andere auf. Auf dieser sachlich-romantischen Grundlage heiraten Hannah Arendt und Günther Stern noch im selben Jahr. Hannah Arendt wird später resümieren, sie habe geheiratet „ganz gleich wen, ohne zu lieben.“ Und das tat sie angeblich mit vollem Bewusstsein; sei es aus Trotz; sei es, um die Trennung von Heidegger zu überwinden; sei es, um der Lebens-und Liebesgeschichte der jüdischen Saloniére und Schriftstellerin Rahel Varnhagen nachzueifern.

Zu dieser Zeit arbeitet Hannah Arendt nämlich an einer Studie über Rahel Varnhagen, ergründet deren Liebesleben und überträgt ihre biografische Arbeit vermutlich auf ihre eigene Situation. So schreibt Arendt, Rahel habe sich ihren romantischen Amouren abgewandt und Karl August Varnhagen geheiratet, um lieber „einsam mit einem zweiten zusammenzuleben, als an (…) platonischer Bewunderung zugrunde zu gehen.“ Parallel dazu habe ihre erste große Liebe Heidegger sie „zum Leben erweckt“ und Günther Stern ihr, vermutlich, das Leben gerettet. Denn Stern zeigt sich seiner Ehefrau gegenüber nicht nur intellektuell ebenbürtig. Er ist gutmütig, bewundernd, und: er liebt sie. Der hingebungsvolle Ehemann erhofft sich eine romantische Lebens- und Denkgemeinschaft mit dieser rebellischen Frau, doch bereits 1933 scheiden sich die philosophischen und politischen Interessen der Eheleute. Günther Stern hat in der Zwischenzeit einen neuen Nachnamen. Er nennt sich jetzt Günter Anders und verkehrt im Umfeld von Bertholt Brecht. Hannah Arendt schreibt weiterhin an ihrem Rahel-Werk und hat erste Kontakte zu Zionisten aufgenommen.

1937 lassen sich Arendt und Anders scheiden. Nach dem Reichstagsbrand flieht er nach Paris. Sie bleibt vorerst in Berlin und riskiert eine Verhaftung durch die Gestapo. Nach ihrer Freilassung folgt sie Günther Anders ins Exil nach Paris. Dort verfällt Hannah Arendt bald dem herrschsüchtigen Heinrich Blücher, den sie 1940 heiraten wird. Ihr zweiter Ehemann stellt für Arendt gewissermaßen einen gesunden Kompromiss zwischen dem erotischen Machtspiel mit Heidegger und dem Vernunftbündnis mit Günther Anders da. Blücher wird ihr Heimat, Leidenschaft, Eigenständigkeit und Liebe. Mit ihm und ihrer Mutter immigriert Hannah Arendt 1941 in die USA.

*Einen lebhaften Eindruck der philosophischen Dialoge zwischen Günther Stern und Hannah Arendt verschafft das Buch: „Die Kirschenschlacht. Dialoge mit Hannah Arendt“ (Günther Anders, C.H.Beck, 2011).

Was danach geschah:

Ab Oktober 1941: Arendt schreibt für das deutsch-jüdische Magazin ‚Aufbau‘ in New York.

1949-1952: Arbeit als Geschäftsführerin für die Organisation zur Rettung und Pflege jüdischen Kulturguts (JCR).

1949/50: Deutschland-Reise im Auftrag der JCR. Kontaktaufnahme zu Heidegger und Karl Jaspers.

04.12.1975: Hannah Arendt stirbt in New York an einem Herzinfarkt. Sie wird neben ihrem Mann Heinrich Blücher begraben.

Ein unvergesslicher Satz: „Eine große Liebe lässt sich durch die Realität des Geliebten nicht stören.“

(erschienen in den Prenzlberger Ansichten, September 2015)