Teil 6: Lou Andreas Salomé (1861-1937)

Von 1882 bis 1887 Friedrich Nietzsches Denkschwester


louEin 37-jähriger, kränklicher Philosoph – nach eigenen Angaben zu 4/5 blind – steht im Sommer 1882 am Anhalter Bahnhof und hält Ausschau nach einer großen, schlanken, blonden Frau in einem langen schwarzen Kleid. Bei dem Wartenden handelt es sich um Friedrich Nietzsche, bei der Erwarteten um Lou Salomé. Die 21-Jährige hat ihrem liebeskranken Verehrer vor wenigen Tagen in einem Brief mitgeteilt, dass sie heute von Hamburg nach Stibbe reisen wird, in das Elternhaus ihres gemeinsamen Freundes Paul Rée. Nietzsche schlug daraufhin vor, sich in Berlin zu treffen, das läge schließlich auf dem Weg. Obwohl Lou von diesem Vorschlag nicht angetan war, ist Nietzsche trotzdem nach Berlin gereist. Ihre Ankunftszeit schätzte er auf 11 Uhr, seit 10.30 Uhr ist er am Bahnhof. Die Chancen einer Zusammenkunft stehen also gut; denkt er.

Was er nicht weiß: Lou hat vor Stunden den Nachtzug aus Hamburg genommen. Sie dürfte bereits in Stettin eingetroffen sein, als Nietzsche noch voller Hoffnung ist, seine Geliebte Russin in Berlin wiederzusehen, ja, sie vielleicht sogar davon zu überzeugen, in sein Elternhaus nach Naumburg zu kommen.

Zwischen ihm und seinem Freund Rée ist in den letzten drei Monaten ein regelrechter Wettstreit ausgebrochen. Im Februar hatte Paul Rée ihm schriftlich von „der Russin“ derart vorgeschwärmt, dass Nietzsche beschloss, sie ungesehen zu heiraten; aber nur für zwei Jahre. Rées Begeisterung hinsichtlich dieser vermessenen Ankündigung hielt sich in Grenzen. Er hatte im Gegensatz zu Nietzsche bereits das Vergnügen, Lou während nächtlicher Spaziergänge durch Rom näher kennen zu lernen; er wusste also zu diesem Zeitpunkt nicht nur schon um ihren bestechenden Intellekt und ihre Schönheit, sondern auch um ihren Eigenwillen und ihre Kompromisslosigkeit. Letztere Charakterzüge bekam Rée zu spüren, als er bei Lou’s Mutter um ihre Hand anhielt. In Lou’s Augen war der Antrag ein Verrat ihrer Freundschaft. Nach all‘ dem, was sie sich anvertraut hatten? Rée wiederum war von der Abweisung zu tiefst gekränkt. Seit wann freuen sich Frauen nicht mehr, wenn ein vermögender, gebildeter Mann um ihre Hand anhält, noch dazu ein so enger Vertrauter? Nach all den Tortouren, die dieser aufopfernde Mann für die zähe Lou schon auf sich genommen hat, gäbe er sie, einmal für sich gewonnen, sicher nicht bereits nach zwei Jahren wieder frei. Aber sein verwegener Freund Nietzsche wird schon noch seine eigenen Erfahrungen machen …

Wie erwartet stolperte der gute Freund Nietzsche bereits beim ersten Kennenlernen ins Fettnäpfchen der femme fatale. Seine lange zuvor ausgedachten ersten Worte: „Von welchen Sternen sind wir hier einander zugefallen?“, kamen bei Lou überhaupt nicht gut an. Lou sah über seine unpassende Begrüßung großzügig hinweg, denn sie freute sich zu sehr darauf, den geheimnisvollen Philosophen endlich einmal persönlich kennenzulernen.

Sowohl Nietzsche als auch Lou merkten schnell, wie sehr sich ihre philosophischen Ansichten und Interessen überschnitten. Lou wird bald von einer „tiefverwandten Natur“ berichten, Nietzsche wird Lou sein „Geschwistergehirn“ nennen. Aber deswegen gleich heiraten? Nietzsche hielt einen Antrag für die einzig mögliche Konsequenz, doch Lou ließ ihn wissen, wie sie im Allgemeinen zu einer Eheschließung steht. Sie schreibt an Nietzsche: „Verlobte sind einander eine rosige Vermuthung u. Ehegatten eine bittere Erkenntnis.“ Nietzsche gefiel diese Einstellung. Sie hatte ja ganz recht: viel wertvoller als eine Ehe ist die Freundschaft. Beide sind sich einig: „Die Freundschaft zwischen verschiedenen Geschlechtern ist eine adlige Neigung.“ Doch ebenso befinden sowohl Lou, als auch Nietzsche: „Der Einklang im Gefühle zweier Personen kann die Ursache der Liebe oder auch die Folge der Liebe sein.“

Hochzeit hin oder her, in den kommenden Wochen galt es herauszufinden, ob es sich bei der Zuneigung, die sie zueinander verspürten, um Liebe handelte. Lou schlug erst einmal vor, mit Nietzsche und Rée in eine schöne Wohnung in Wien oder Paris zu ziehen; mit getrennten Schlafzimmern und Blumen auf dem Tisch. Dass es zu Rivalitäten zwischen Rée und Nietzsche kam, ist zu erahnen. Rée ist Lou während der vielen Gespräche und Reisen ein sehr guter Freund geworden. Sie nennt ihn ihre Heimat, ihr Haus, sie ist sein „Schneckle“. Bei Nietzsche hingegen handelt es sich nicht um eine derart ruhige, treue Seele. Ein guter Freund ist er nicht. Aber taugt er vielleicht zum Liebhaber?

Als Nietzsche von Naumburg nach Berlin reiste, um seine Lou am Anhalter Bahnhof abzufangen, muss er fest entschlossen gewesen sein, ihr seine Qualitäten als unentbehrlicher Weggefährte zu beweisen. Doch wieder einmal meinte es das Schicksal nicht gut mit ihm und sie verpassten sich.

Jetzt spaziert er allein durch den Grunewald und bemitleidet sich selbst. Womöglich fühlt er zum ersten Mal deutlich, dass diese Frau seinen Untergang bedeuten könnte. Im zweiten Teil von „Also sprach Zaratustra“ schließt er: „Lieben und Untergehn: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe: das ist, willig auch sein zum Tode.“

Was kurz danach geschah:

1882: Lou wird im August mit Paul Rée nach Berlin in eine Zweier-WG ziehen, während Nietzsche, von Wut zerfressen, einsam durch Italien irrt.

1885: Den Schmerz über den Verlust seiner Denkschwester wird Nietzsche in sein Hauptwerk „Also sprach Zaratustra“ einfließen lassen. Zeitgleich zur Veröffentlichung des letzten Teils wird Lou Salomé unter dem Namen Henri Lou „Im Kampf um Gott“ veröffentlichen und weitaus mehr Erfolg haben.

1887: Lou wird den Orientalisten Carl Friedrich Andreas heiraten, nachdem dieser sich einen Tag vor der Verlobung während einer Auseinandersetzung mit seiner Zukünftigen ein Taschenmesser ins Herz gerammt und knapp überlebt hat. Andreas wird in den folgenden Jahren noch über so manche Liebelei seiner Frau hinwegsehen müssen. Einen Geliebten, den 15 Jahre jüngeren Rainer Maria Rilke, muss er gar als Mitbewohner akzeptieren. Zudem wird es auf Wunsch Lou’s niemals zu ehelichem Sex kommen.

Mehr zu Lou Andreas-Salomé gibt es nachzulesen in: „Der bittere Funke Ich“ (Kerstin Decker, Ullstein, 2010).

Im Juli erwacht zum Leben: Walter Benjamin. Der 1892 in Charlottenburg geborene Philosoph und Literaturkritiker, hielt seine Kindheitserinnerungen in der Chronik „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ fest.

(erschienen in den Prenzlberger Ansichten, Mai 2015)

Teil 5: Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)

Von 1818-1831 Lehrtätigkeit an der Berliner Universität

1831_Schlesinger_Philosoph_Georg_Friedrich_Wilhelm_Hegel_anagoriaEin guter Redner soll Hegel nicht gewesen sein. Als „grämlich“, „mit niedergebücktem Kopf“ und einer „Naivität des überwältigendsten Ernstes“ wurde er von einem seiner Schüler beschrieben. Trotz Missbehaglichkeit teilte jener Schüler jedoch mit vielen anderen eine große Bewunderung für diesen kauzigen Professor mit dem schwäbischen Akzent.

Hegel beabsichtigte, seinen Zuhörern nichts geringeres näher bringen, als den absoluten Geist in der Natur, die Weltseele, und damit ein philosophisches System, das Religion, Geschichte, Politik und Sittenlehre gleichermaßen mit einbezieht. Aufbauend auf Kants Metaphysik, diese selbstsagend verbessernd und vollendend, zieht das Hegelsche System seine Erkenntnisse aus der Lebenswirklichkeit und nicht, wie bei Kant, dem abstrakten Denken; bezieht sich nicht auf das Ding-an-Sich, sondern dem Wesen der Dinge, denn dieses sei Manifestation des Absoluten.

Das Wesen der Dinge sei nach Hegel dialektisch. Als Beispiel nannte der Philosoph die Liebe, die ein Moment der Entfremdung und des Selbstbewusstseins, der Entfernung und Annäherung gleichermaßen enthielte. Ebenso sei auch das Absolute dialektisch und im ständigen Fluss.

Was Hegels Zuhörer zu lernen hofften, war also nichts Geringeres als das Leben und einen adäquaten Umgang mit der Wirklichkeit. In Zeiten des politischen Umbruchs sehnten sie sich nach neuen Werten. Nach siebenjähriger Besetzung Preußens durch Napoleons Truppen, war es 1819 zu den Karlsbader Beschlüssen gekommen. In deren Folge wurden im Zuge einer sogenannten Demagogenverfolgung zahlreiche Intellektuelle Opfer von Zensur und Inhaftierung. Hegel vermochte den Eindruck zu vermitteln, in dieser zerrütteten Zeit ein zukunftsweisendes philosophisches Konzept aufzubringen.

Hegel soll ein leidenschaftlicher Gesellschaftsmensch gewesen sein, der öffentlich Religionskritik übte, sich stets zu politischen Ereignissen äußerte, und weder die Auseinandersetzung mit seinen Kollegen, noch Weinlokale und Frauen scheute. Es kursierte gar das Gerücht von einem Streit zwischen Hegel und Schleiermacher, der in einer Messerattacke mündete. Die beiden Philosophen sollen noch am gleichen Tag versucht haben, den Redereien der Leute über den unangenehmen Vorfall mit einem gemeinsamen Besuch im Vergnügungspark entgegenzuwirken.

Hegels Leidenschaft mag ihm zu großen Teilen zu seinem Erfolg verholfen haben. Dass Hegel jedoch überhaupt die Möglichkeit erhielt, 1818 den äußerst gut bezahlten Lehrstuhl in Berlin zu erhalten, war seiner positiven Einstellung zur konstitutionellen Monarchie zu verdanken, die er in einem Aufsatz über die Landesstände des Königreichs Württemberg zum Ausdruck brachte. Im Einvernehmen des Kulturministers und Friedrich Wilhelm III., sollte Hegel zum preußischen Staatsphilosophen avancieren. Hegels unsteter Geist mag dafür verantwortlich gewesen sein, dass er der ihm zugeteilten Aufgabe nicht vollends genügte. So wurde der Philosoph selbst Opfer der Zensur, in politischen Affären wurde ihm widersprüchliches Verhalten nachgesagt.

Eine andere Anekdote möchte zeigen, dass Hegel in letzter Konsequenz sogar von seiner Leidenschaft in den Tod getrieben wurde. Uneinig sind sich Biografen nämlich darüber, ob Hegel an der asiatischen Cholera oder einem Magenleiden starb. Der Biograph Althaus mutmaßte, dass eine Aktion des Hegelianers Eduard Gans Hegel dermaßen in Wallungen gebracht haben muss, dass er zwei Tage später verstarb. Der ehemalige Schüler hielt eine Vorlesung über Hegels Philosophie, versprach, diese in einfacheren Worten zu erklären, fertigte jedoch für seine Hörerschaft einen Aushang an, in dem er dazu aufrief, Hegels Vorlesung trotzdem zu besuchen (auch, wenn sie so unverständlich ist). Hegel soll diesen Aushang gesehen und sich von ihm dermaßen gekränkt gefühlt haben, dass er das Ende seiner akademischen Laufbahn nur noch mit seinem Ableben besiegeln konnte.

Ein unsterblicher Satz:

Alle großen weltgeschichtlichen Vorgänge ereignen sich zweimal: Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce!

Im März erwacht zum Leben: Lou Andreas-Salomé – russisch-deutsche Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, die enge Kontakte zu Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud hegte.

(Veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, März 2015)

Teil 4: Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Von 1820-1821 erste Lehrtätigkeit an der Berliner Universität

Porträt des Philosphen Arthur Schopenhauer, 1852Arthur Schopenhauer kam von seiner ersten Vorlesung nach Hause. Dort wartete sein geliebter Pudel auf ihn, den er Atma (altindisch: Einzelseele) nannte. Schon beim Eintreten war der Philosoph in Rage, feuerte seine Tasche auf einen Stuhl und fluchte vor sich hin:

Und wieder einmal gilt mir dieser Reinfall als der beste Beweis für die Dummheit der Menschen. Diese armen, verängstigten Kreaturen; diese Banausen. Lassen sich von diesem Unsinnschmierer Hegel Afterweisheiten aufbinden und haben keinerlei Sinn für die wahrhaft großen Denker.“

Atma blickte aufmerksam zu seinem Besitzer, als verstünde er genau, wovon er sprach. Schopenhauer beugte sich zu seinem Pudel und tätschelte ihm sanft den Kopf: „Ach, Atma, mein mysteriöser Gefährte. Dein ehrliches Gesicht lässt mich die Falschheit der Menschen einen Augenblick vergessen.“

Schopenhauer rüstete seinen Hund für einen längeren Spaziergang. Nach diesem enttäuschenden Tag brauchte er das. Es verärgerte ihn, dass bei seiner ersten Veranstaltung gerade einmal fünf Studenten anwesend waren. War er zu übermütig gewesen? Schließlich hatte er seine Vorlesung absichtlich parallel zu der von Friedrich Hegel gelegt. Dieser war in den letzten Jahren zum Popstar des Deutschen Idealismus avanciert und scharrte beizeiten an die zweihundert Zuhörer um sich. Schopenhauer hingegen war ein unbekannter Privatdozent, sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ war zwar bereits im Vorjahr erschienen, hatte jedoch bis dato kaum Aufmerksamkeit erregt. Etwas übermütig auch der Titel seiner Vorlesung: „Gesammte Philosophie, d.i. die Lehre vom Wesen der Welt und dem menschlichen Geiste“.

Nachdem sich im weiteren Verlauf der Vorlesung seine Anhängerschaft nicht vermehrt haben würde, verließ Schopenhauer im kommenden Jahr Berlin, um sich auf eine längere Reise nach Italien zu begeben. Der Verlust seiner Dozentenstelle und eine längere Schreibpause, bereiteten Schopenhauer einige Geldsorgen. 1819 war das Handelshaus in Danzig zusammengebrochen, in dem er einen Teil seines Vermögens deponiert hatte. Außerdem bezahlte er einen seiner Wutausbrüche gegenüber der Näherin Caroline Louise Marqet mit jahrelangen Rentenzahlungen. Der Philosoph hatte die 47-Jährige – von ihrem Frauengeschwätz derart in Rage gebracht – so unsanft aus der Wohnung geworfen, dass sie stürzte und bis an ihr Lebensende Schäden davontrug. Auch mit seinem Verleger F.A.Brockhaus hatte er sich überworfen. In einem Brief schrieb er diesem, er habe mit den „Konversationslexikons-Autoren und ähnlich schlechten Skriblern“ nichts gemein und wolle dementsprechend anders behandelt werden, sah er sich doch nicht nur als Philosoph, sondern als Schriftsteller und Bewahrer der deutschen Sprache. Seine schriftstellerische Herangehensweise an philosophische Probleme wurde zu Lebzeiten ebenso wenig geschätzt, wie seine wegweisende anthropologisch fundierte Metaphysik.

Schopenhauer war einer der ersten Philosophen, der nach dem Idealismus nicht mehr einen Schwerpunkt auf den Geist und das Denken, sondern auf die Leiblichkeit legte. Seine Reflexionen über die natürlichen Triebe und die Sexualität setzten einen Grundstein für die Psychoanalyse des 20.Jahrhundert. Außerdem thematisierte er das Tier als gleichgestelltes Wesen. Besonders Hunde waren für Schopenhauer ein Mysterium und die Urkraft des Lebendigen. Das Mitleid zu Mensch und Tier postulierte Schopenhauer als eines von drei Möglichkeiten, sich vom ewigen, destruktiven Kreislauf der Welt zu entlasten.

Für Schopenhauer war der Wille das Urprinzip der Welt, Ursache für Leid und Lust und Anstoß für das ewige Pendel zwischen Hoffnung und Langeweile. Um an seinen Sehnsüchten nicht einzugehen, müsse der Mensch laut Schopenhauer eine asketische Einstellung zum Leben entwickeln, die er entweder durch Mitleid, durch Kunst oder durch Resignation erreichen könne. Die Freiheit der Menschen sah er nicht im Fortschritt und in der Produktivität, sondern in der Fähigkeit zur Entsagung und Verneinung.

Schopenhauer selbst gelang es zu Lebzeiten nicht, seine Gedanken praktisch umzusetzen. All zu oft gab er sich seinen Affekten hin, und wandte sich mit verbaler und physischer Gewalt gegen Frauen, Akademiker und Schriftsteller. Seine seligen Pudel schienen ihm eine der wenigen Harmoniequellen.

Was kurz danach geschah:

1825: Schopenhauer kehrte für Lehrtätigkeiten erneut nach Berlin zurück. Seine Vorlesungen blieben weiterhin schlecht besucht.

1831: Schopenhauer gab seine Wohnung in der Dorotheenstraße endgültig auf, als in Berlin eine Choleraepidemie ausbrach. Bis zu seinem Tod 1860 wohnte Schopenhauer in Frankfurt am Main.

Ein unsterblicher Satz:

Jede Lebensgeschichte ist eine Leidensgeschichte.“

Im März erwacht zum Leben: Georg Wilhelm Friedrich Hegel – deutscher Idealist, zeitweiliger Zimmergenosse von Hölderlin und Schelling und Anhänger der konstitutionellen Monarchie Preußens.

 

Teil 3: Henriette Herz (1764-1847)

Von 1779 bis 1795 Salonière in der Spandauer Straße 53

Henriette_Herz_by_Anna_Dorothea_Lisiewska_1778Eines bemerkte Henriette Herz schon recht früh: Sie war von außerordentlicher Schönheit. Man drehte sich nach ihr um, überhäufte sie mit Komplimenten … Manchmal stand sie gar selbst vor dem Spiegel und wunderte sich über ihr makelloses Äußeres. Henriette wurde darüber jedoch nie eingebildet. Sie galt bei ihren Freunden und Verwandten als bescheiden und gutherzig.

Anders war es mit den geistigen Dingen. Da konnte sie sich ihres Erachtens ein wenig Eitelkeit leisten. Henriette interessierte sich seit der frühen Kindheit für Literatur und Physik und beherrschte neun verschiedene Sprachen. Immer wieder fiel ihr auf, mit was für einer begrenzten Sicht die sogenannten Gelehrten aus ihrem kleinbürgerlichen, jüdischen Umfeld durch die Welt gingen. Sogar ihr Mann Marcus Herz war hier und da ein wenig einfältig. Besonders, wenn es um Herzensdinge ging.

Bei ihrer Hochzeit war sie fünfzehn, er zweiunddreißig. Klar, sie war etwas naiv an die Eheschließung herangegangen. Sie hoffte in erster Linie auf feinere Kleider, schöne Frisuren und mehr Taschengeld. Auch wenn ihr Zukünftiger ein kleiner, hässlicher Mann war, so war er doch zumindest ein angesehener Arzt mit einem geistreichen Gesicht. Ihr Ja zur Hochzeit hatte sie nie bereut. Sie liebte ihren Mann.

Marcus und Henriette Herz waren um 1800 eines der bekanntesten Intellektuellenpaare Berlins. Er, Kant-Schüler und guter Freund Lessings, und Sie, die Empfindsame und hingebungsvolle Verehrerin Goethes. In ihrem Haus in der Spandauer Straße 53, unweit der Marienkirche, fanden regelmäßig angesagte Vorträge statt. Marcus Herz langweilte seine Freunde nicht nur mit Kant-Vorträgen, während Henriette im Nebenzimmer Kaffeekränzchen zur Goethe-Lektüre veranstaltete. Das Haus der Eheleute Herz wurde auch aufgesucht, um sich beratschlagen zu lassen; wie damals, als Christian Kunth – der Hofmeister Alexander und Wilhelm von Humboldts – einen Blitzableiter in Tegel anbringen wollte und nicht so recht wusste, wie gefährlich das sei. Oder um wissenschaftliche Experimente durchzuführen; wie das Phosphor-Experiment, dass Henriette Herz mit dem kleinen Prinzen Louis Ferdinand von Preußen durchgeführt hatte.

In erster Linie war der Salon der Henriette Herz aber ein toller Ort der Begegnungen. Der Bildhauer Johann Gottfried Schadow lernte hier seine zukünftige Frau Marianne Devidels kennen. Und der achtzehnjährige Wilhelm von Humboldt war sehr verliebt in Henriette von Herz. Die beiden wurden gute Freunde und gründeten einen Tugendbund. Liebe ging hier durch den Kopf; oder das Denken schlug aufs Herz.

Was kurz danach geschah:

1795: Der Salon zieht in die Neue Friedrichstraße 22

1803: Tod von Marcus Herz

Mehr über Henriette Herz, ihre Zeit und ihre Bekanntschaften lässt sich nachlesen in: „Henriette Herz in Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen“, Die Andere Bibliothek 2013. Neu editiert von Rainer Schmitz.

Im Dezember erwacht zum Leben: Arthur Schopenhauer – studierte bei Johann Gottlieb Fichte in Berlin, hatte für viele Menschen nur Verachtung übrig, aber liebte seine Pudel.

Teil 2: Johann Gottlieb Fichte (1762-1814)

Von 1810-1811 erster gewählter Rektor an der Berliner Universität

Fichte

Es ist ein regnerischer Apriltag im Jahr 1811, als Professor Johann Gottlieb Fichte sein Rektorenzimmer räumt. „So eine Ungerechtigkeit! In Jena beschuldigten sie mich des Atheismus, weil ich mich gegen die Abgötterei und den Götzendienst ausspreche. In Berlin werde ich des engstirnigen Nationalismus beschuldigt, weil ich an den Patriotismus der Deutschen appelliere und dazu aufrufe, vor Napoleon nicht in die Knie zu gehen. Und jetzt zwingen sie mich auch noch, meine Rektorenstelle an der Berliner Universität niederzulegen, weil ich mich parteiisch auf die Seite eines Juden gestellt haben soll. Das ehemalige Land der Freiheit tritt unsere Grenzen in Grund und Boden, die preussische Regierung verbietet uns das Wort und, ja, selbst die Kollegen verschwören sich gegen uns.“

Fichte ist dermaßen brüskiert, weil er jüngst die Nachricht bekam, dass er seiner Stelle als Rektor vom heutigen Tage an entledigt ist. Dabei hatte er selbst um seine Entlassung gebeten.

Anlass zu seiner Bitte um Niederlegung des Amtes gab ihm die sogenannte Brogi-Klaatsch-Affäre. Der jüdische Medizinstudent Joseph Leyser Brogi hatte vor einigen Wochen den Rektor aufgesucht, nachdem er von zwei anderen Studenten gedemütigt wurde. Fichte erkannte die Ungerechtigkeit und sprach sich deutlich dagegen aus, Brogi ebenso wie seinen Widersacher Klaatsch mit vierzehn Tagen Karzer zu bestrafen, weil er angeblich, wie es sein Kollege Friedrich Schleiermacher formulierte, feige und provokant gehandelt habe.

In Fichtes Augen hatte der Junge sich genau richtig verhalten! Die Universität ist kein Ort primitiver Duellkämpfe. Statt auf die Provokationen der beiden Studenten einzugehen, war Brogi zum Rektor gegangen, um sein Recht einzufordern. Doch im Senat wurde dafür gestimmt, den Jungen ebenfalls zu bestrafen. Nicht, weil er Unrecht begangen hatte, sondern weil er ein mittelloser Jude war – dem war sich Fichte gewiss.

Ihn wühlte der Fall Brogi so sehr auf, weil er sich an seine eigenen Schwierigkeiten während der Schulzeit erinnert fühlte, den Diskriminierungen, denen er sich aufgrund seiner ärmlichen Herkunft ausgesetzt sah. Hätte nicht der Gutsherr Haubold von Miltitz sein großes Talent erkannt, hätte er niemals selbst anständige Bildung genießen können. Und weil nicht jedem der Zufall so hold sein kann wie ihm selbst, setzte er sich zeitlebens dafür ein, Bildung für jedermann zugänglich zu machen. Fichte sehnte eine „Epoche der Vernunftkunst“ herbei, in der Bildung keine Frage der Religion, des Standes oder des Geschlechtes mehr ist. Denn Fichte glaubt fest daran, dass der freie Zugang zu Wissen die Vernunft der Menschen schulen und den Charakter so ausbilden kann, dass sie fähig sind, ihren inneren Überzeugungen gemäß zu handeln, ohne sich von Autoritäten und Ideologien beeinflussen zu lassen. Als Hauslehrer, als Professor und zuletzt auch als Rektor hatte er immer versucht, seine Ansichten zu verbreiten – und war dabei stets auf Widerstand gestoßen. „Vielleicht war das ein wenig idealistisch von mir …“, denkt Fichte jetzt, „angesichts der hochgradigen Verfehlungen meiner gelehrten Kollegen und der politischen Situation …“ Johann Gottlieb Fichtes Zweifel kommen einer Resignation nahe. War er am Ende an seinem Anspruch gescheitert, ein vorbildlicher Gelehrter zu sein, der seinen Mitmenschen die Augen öffnet?

Doch Fichtes Einsatz für den Studenten Brogi verfehlt seine Wirkung nicht. Sein Nachfolger Friedrich Carl von Savigny, der auch während der Brogi-Klaatsch-Affäre eher auf Fichtes Seite gestanden hatte, wird ihm recht geben, seine Anerkennung aussprechen und Brogis Strafe von 8 auf 3 Tage Karzer kürzen. Auch Fichtes Kritik an Napoleon, an die strenge Zensur und die Willkür der absolutistischen Staaten wird die Grundsätze der Universität verändern.

Was kurz danach geschah:

1814: Fichte stirbt im Alter von 52 Jahren überraschend am Lazarettfieber. Er wird auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof zu Berlin begraben. Im selben Jahr wird Napoleon als Kaiser abgesetzt.

Ein unsterblicher Satz:

Es ist eine abgeschmackte Verleumdung der menschlichen Natur, daß der Mensch als Sünder geboren werde.“

Im November erwacht zum Leben: Henriette Herz, die einen der führenden literarischen Salons der Frühromantik in Berlin betrieb.

Teil 1: Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951)

Von 1906 – 1908 Maschinenbau-Student an der Königlich Technischen Universität zu Berlin

Wittgenstein+in+1905+$28aged+16$29Es war irgendein Montag in irgendeinem Monat im Jahr 1907, als der 18-jährige Ludwig einen folgenschweren Entschluss fällte. Entscheidungen hatten bis dato immer andere für ihn übernommen. Sein Vater Karl, der Stahlmagnat, war einer der reichsten Männer in Österreich-Ungarn. „Geh nach Berlin! Mach deinen Doktor!“, hatte der gesagt. „Werd Unternehmer! Wie dein Vater!“, setzte er nach.

Der Vater war kein Mann der vielen Worte, er ließ Taten sprechen. Und Musik. Richard Strauss, Gustav Mahler und Johannes Brahms gingen bei den Wittgensteins in Wien ein und aus und Paul, Ludwigs exzentrischer Bruder, war ein Virtuose am Piano. „Ein Künstler und zwei Freitote in der Familie genügen!“, hatte der Vater gesagt.

Ohnmächtig war Ludwig dem Wunsch des Vaters gefolgt. Auch wenn er tief im Inneren spürte, dass ihn ganz andere Geister umgaben. Es war gerade mal drei Jahre her, dass sein ältester Bruder Rudolf sich hier in Berlin das Leben genommen hatte. Ein lebensmüder, homosexueller Lebemensch und der beste Bruder der Welt – verlebt. Viel zu schnell.

Ludwig fand in sich die ernüchternde Erkenntnis, dass alles, was ist, viel zu schnell verfliegt, wie ein betörender Geruch oder ein schöner Augenblick.

Wie lässt sich das Gewesene konservieren? Und was ist beständig?

Wenn wirklich gar nichts bliebe, würde Ludwig nicht länger zögern und es seinem Bruder gleich tun!

Ludwig fuhr hoch. Vom eigenen Gedanken erschrocken. Der hochverehrte Professor Georg Schlesinger stand am Pult und erzählte etwas über DIN 8580 ff. Oder DIN 69651? Genau genommen interessierte es Ludwig nicht. Es war auch gar nicht sein Gebiet, hatte er sich doch auf flugtechnische Fragen spezialisiert. Er wollte bald einen Flugzeugmotor bauen. „Wenn alles verfliegt“, dachte er, „dann will ich wenigstens mit!“.

Ein durchaus konsequenter Entschluss, doch seine Gefühle und Gedanken flogen chaotisch durcheinander.

Spielt es eigentlich so eine große Rolle, was man sagt, wenn man weiß, wer man ist?“, dachte er. „Erklären wir uns mit unserem Gefasel nicht vielmehr ununterbrochen selbst, dass wir keine Antworten auf irgendetwas haben, und uns unsere Ungewissheiten und Zweifel nur tot zu reden versuchen.“ – Ludwig dachte zu viel nach. Doch im Nachdenken fand er am ehesten den Ruheort, den ihm weder Familie noch Studium geben konnten. „Die Abstraktion des Unaussprechlichen“, dachte er jetzt, „ist in seiner Irrelevanz das eigentlich Ehrliche.“, und strich dabei sanft über den Rücken eines Buches. „The Principles of Mathemathics“, sagte er.

Wie meinen?“, wollte Professor Schlesinger wissen. Ludwig erschrak. Er hatte nicht bemerkt, dass der Dozent neben ihm stand und ihn herausfordernd beäugte. Ludwig erhob sich von seinem Sitzplatz. „The Principles of Mathemathics“, wiederholte er, während er das Buch in die Höhe hielt, „von Bertrand Russell.“

So, So …“, sagte der Professor, „Nun setzten Sie sich mal wieder hin, ja?“

Einige Kommilitonen lachten. Ludwig musterte sie mit einem so durchdringenden Blick, dass sie augenblicklich wieder verstummten. Er wollte diesem Professor Schlesinger ja gern besser zuhören. Aber er wollte auch gern diesen Bertrand Russell kennenlernen. Alles wäre so viel einfacher, wenn er einfach diesen verflixten Flugzeugmotor bauen würde. Wenn die düsteren Gespenster hinter seiner Stirn endlich Ruhe geben würden, dann würde es ihm vielleicht als einzigen Wittgenstein-Bruder mal gelingen, ein ganz normales Leben zu führen. Ohne Exzesse, Freitod und Manien. Aber es half nichts. Er war ein Wittgenstein. Ludwig Wittgenstein. Und er wird seinen Weg gehen …

Was kurz danach geschah:

1908: Diplom Maschinenbau

1911: Studium bei Bertrand Russell, Cambridge (UK)

1922: Veröffentlichung des „Tractatus Logico-Philosophicus

Ein unsterblicher Satz:

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Im September erwacht zum Leben:

Johann Gottlieb Fichte – Kant-Verehrer, Wissenschaftstheoretiker, Freimaurer, Napoleon-Gegner und erster Rektor der Berliner Universität zu Berlin