Teil 15: Bazon Brock (* 1936)

„Selig sind, die da immer nur fernsehen wollen, angstfrei sind, die wissen, daß Bilder nicht beißen, wunschlos glücklich sind, denen auf Knopfdruck die ganze Welt vor Augen erscheint.“

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Bazon Brock , c by Schäfer 2006

In der September-Ausgabe schrieb ich über den Philosophen Armen Avanessian. Nach Byun-Chul Han, Philipp Ruch und Armen Avanessian stelle ich mit Bazon Brock nun den vierten Gegenwartsphilosophen vor. Bazon Brock betreibt seit 2011 in Kreuzberg die „Denkerei“ und liefert mit ihr einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Stadtleben.

Es scheint eine Eigenart der Gegenwartsphilosophie zu sein, sich über die akademischen Grenzen hinaus zu positionieren. Aktuelle Philosophen treten nicht mehr nur in Vorlesungssälen auf, um eine müde Studentenschaft mit antiquierten Termini zu bombardieren; ihre Themen kreisen nicht um metaphysische Probleme, die unsere geschichtliche und gesellschaftliche Lage gar nicht erst tangieren. Stattdessen äußern sie sich in politischen Talkshows oder verpacken ihre Botschaften in Kunstperformances. Neben den Philosophen Richard David Precht, Peter Sloterdijk und Slavoj Žižek ist Bazon Brock wohl eins der bekanntesten Gesichter dieser Medienphilosophen. Wobei die Begriffe Medien- oder Populärphilosoph auf Bazon Brock wohl nur in einem ganz bestimmten Sinne zutreffen: Seine Gesellschaftskritik fällt oft vernichtend aus, seine Kunst ist keineswegs massenkompatibel.

Als er 1959 an der Hamburger Kunsthochschule zusammen mit Friedensreich Hundertwasser und Herbert Schuldt eine „Endlose Linie“ zeichnete, löste das große Skandale aus. Die Linie war am Ende zehn Kilometer lang, sie ging über Wände und Türen eines Seminarraums und sollte vor allem eins ausdrücken: Akademische Kunst geht mir gegen den Strich. Bazon Brock wendet sich gegen die traditionelle, normative Ästhetik der Aufklärung. Er war in der Fluxus-Bewegung aktiv, beteiligte sich zu Beginn der 60’er Jahre auch an Kunst-Happenings mit Joseph Beuys. Nach Brock sollte Kunst nicht einer bestimmten Elite, sondern jedem Menschen zugänglich sein, frei nach dem Leitspruch von Beuys: Jeder Mensch ist ein Künstler. Er ist mehr Philosoph, denn Kunstwissenschaftler.

Wie sehr ihm die westliche Politik gegen den Strich geht, äußert Bazon Brock regelmäßig in Fernsehsendungen. Einige mögen sich noch an das Interview vor zwei Jahren zur „Männerfreundschaft“ zwischen Putin und Schröder erinnern, in dem er mit Inbrunst über die „Heuchlerei“ und „Verdorbenheit“ des Westens sprach. Die Moderatorin mag er in diesem Interview einigermaßen an die Wand geredet haben. Und das ist kein Wunder – schließlich bedeutet sein selbst gewählter Künstlername „Bazon“ auf Griechisch schlicht: Schwätzer. Bei seinen Auftritten übermittelt er implizit die Botschaft, man müsse frei reden, solange und wo man nur könne. Und er geht dieser Devise mit gutem Beispiel voran.

Bazon Brock mag es, mit Menschen aus verschiedensten Milieus zu diskutieren und streiten. Als Diskussionsforum dient ihm seit 2011 seine Berliner „Denkerei“.

Die Idee zur „Denkerei“ reicht bis in das Jahr 1968 zurück. In diesem Jahr gründete Bazon Brock während der Kasseler dokumenta 4 eine „Besucherschule“. Hier vermittelte der frisch gebackene Ästhetikprofessor Bazon Brock den Besuchern ein Verständnis der zeitgenössischen Kunst jenseits von Richtig und Falsch. Auch wenn seine Besucherschule 1982 eingestellt wurde, engagierte er sich weiter für die nicht-normative Kunstvermittlung. Seine „Denkerei“ in Berlin ist hierfür einer der wichtigsten Anlaufpunkte.

Die „Denkerei“ befindet sich am Kreuzberger Oranienplatz. Sie organisiert Veranstaltungen in den Bereichen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Meist ist der Eintritt zur „Denkerei“ frei, erfordert jedoch eine vorherige Anmeldung. Eine empfehlenenswerte Veranstaltung ist in diesem Monat das vom 17.-18.11 stattfindende Symposium zur Gegenwart und Zukunft des Journalismus. Mit Gästen wie dem ZIP 2-Moderator Armin Wolf, dem Regierungssprecher Georg Streiter und der freien Journalistin Silke Burmeister wird Bazon Brock über neue Wege des investigativen Journalismus diskutieren. Die Veranstaltung möchte die hohe Bedeutung der Recherche in Zeiten von anhaltender Medienkritik und zugespitzter politischer Lage hervorheben.

Mehr zu Bazon Brocks Denkerei auf: www.denkerei-berlin.de

Im Januar 2017 werde ich zum letzten Mal über einen Berliner Denker schreiben. In der nächsten Ausgabe werde ich mich mit dem Philosophen Dr. Michael Gutmann beschäftigen. Gutmann betreibt in Prenzlauer Berg eine Philosophische Praxis, in der er therapeutische Ansätze mit der Philosophie von Sokrates vereint.

(veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, November 2016)

akademia

im empirischen garten wachsen fakten
zwischen trockenen blättern lebendige herbarien
entwickeln sich im stillen zu reifen entitäten
bilden eine wahrheit

im empirischen garten kannst du sie denken
sehen wie die äderchen pulsieren
sie wachsen langsam unter deinem blick

im empirischen garten, nachts, gehen wir fakten
stehlen, zwei oder drei, aber zu hause gehen sie ein
am falschen standort, im falschen licht

zum empirischen garten haben wir keinen zugang mehr
wir stehen vor dem tor, hören die fakten atmen
zwischen trockenen blättern, belebt von neuen blicken

vor dem empirischen garten regt sich nichts
unsere köpfe geleert, wir sind buddhastatuen
sie drücken ihre kippen an uns aus

Grund und Boden

Wir saßen in einem Spielplatzturm aus Holz.
Wir saßen feucht und sprachen nicht.
Wir dachten trocken. Wir wussten alles.

Unter uns raschelte es. Nicht der Rede wert.
Verschwörungstheorien.
Wir sprachen doch.

Wir rasselten uns ein.
Rasselten uns eine Kette aus Ereignissen herunter.
Alles stand und fiel mit dem Schatten des Baumes.
Einigung darüber.

Aber was der Mann da macht? Der da unten hockte,
stellten wir uns vor, und lauschte, was der wohl dachte,
wenn er überhaupt lauschte? Ob er uns folgte.
Verschwörungstheorien.

Wir sprachen doch. Wir fragten uns die Sprache her.
Hakten mit der Sprache, die uns blieb.
Fragen und nur eine Antwort.
Verschwörungstheorien.

Ob es denn hilfreich sei, das reden darüber: aber, Ja!
ob sie noch schmeckten die Zigaretten: aber, Nein!
Rasseln aber war unser Sound.
Rasselnd logen wir uns in Grund und Boden.

(veröffentlicht am 07.06.2016 auf fixpoetry)

strandkunde

die leine ist gelb, was wichtig ist
denn der hund ist klein und hört nix!
verkündet das geschirr, hör nix!
sieht nix, sagt nix, denk ich
ist aus porzellan

das fell ist grau und filzig
der buckel zählt schon 24 jahre
verkündet das herrchen, 24!
das rosa ausgeblichene halsband
hält ihn am leben fest, denk ich

dackelbeine verschwinden im sand
lassen das hundeverbotsschild hinter sich
vor sich den besitzer gestikulierend stehen
was guckt ihr so blöd?, fragt der hund
denk ich, jedem sein recht auf strand

(veröffentlicht Herbst 2015, Risse Rostock)

Denkste!

Ich so: „Haste ’n Master of Arts, biste ’n Meister der Kunst.“
Du so: „Und kommste vom Wedding, trägste ’n Ehering.“
Ich so:  „Inhalierste Grass, brennt die Kuhweide.“
Du so: „Und haste ’n Apple, musste reinbeißen.“

Ich so: „Biste faul, kommste in‘ Biomüll.“
Du so: „Und die Queen bekämpft Drohnen mit Sex.“
Ich so: „Passierte Tomaten gehörn in Geschichtsbücher.“
Du so: „Und gegen Kater vom Pils hilft Risotto mit Whiskas.“

Angst vor Namen

Angst, den Dingen einen Namen zu geben
Angst, jemanden das erste Mal beim Namen zu nennen
Angst, jemandem das Du anzubieten

Erleichterung, selbst beim Namen genannt zu werden
Erleichterung, jemandes Namen zu kennen
Erleichterung, jemand jemanden beim Namen nennen zu hören
– erleichterte Angst.

Der Umstand der Erleichterung,
die Angst beim Namen genannt zu haben.

Mein Plan für heute

Heute will ich schöne Lieder hören
über Liebe und Verkehr
Monotonen Rhythmen lauschen,
aus Peru und Papua Neuguinea

Heute will ich Sprachen hören,
deren Laute sich verlaufen (in der Ohrmuschel)
weil ich die Worte nicht versteh
und einfach mit dem Flow geh
einfach auf Bedeutung tanze,

einfach abschranze und das ganze
abgefranzte Dasein vergess (ohne Stress)
einfach atme und vernehme
wie sich alles zerstreut

– das ist mein Plan für heut.