Die alten Wilden vom Helmholtzplatz (Aus der Bahn 7 /12)

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Am Helmholtzplatz wird wochentags ein ganz besonderer Ohrenbrei angerührt.

In der Raumerstraße wird fleißig an der Fassade gearbeitet. Bauschutt rutscht fröhlich in Container, Bohrmaschinen winden sich in alte Raufasertapeten, Arbeiter schreien sich Befehle zu, die alle mit „kurva“ enden. Von der Seite trägt der Wind manchmal den Spielplatzteppich heran. Zwei Kinder klappern mit den Buddelförmchen und auf einer quietschenden Schaukel hängt die erschöpfte Tochter einer tiefenentspannten Prenzl’berg Mutti in den Seilen.

Der hell-dumpfe Aufschlag eines Tischtennisballs streut sich wie Salz in die Mahlzeit. Die Kellen werden von zwei Halbstarken geführt, die gekonnt die Becksflaschen auf der Platte umspielen. Nach jedem Ballverlust nehmen sie einen Schluck: gluck, gluck, gluck.

Langsam brodelt sich der intensive Geschmack getrockneter Wildkräuter durch den Brei. Eines dieser nicht mehr ganz so jungen wilden Kräuter packt seine E-Gitarre aus und wippt selbstgefällig. Fünf von ihnen sitzen auf Stühlen im Kreis und grummeln in sich hinein. Es sieht so aus, als ob sie Karten spielen.

Auf einmal kommt ein anderer angeradelt, wie von einer Hummel gestochen, und schmeißt sein Fahrrad scheppernd zu Boden. Die Gitarre verstummt kurz. Der Aufgebrachte zieht einen der Herumsitzenden gewaltsam aus dem Kreis. Das Grummeln wird kurz einheitlich und laut. Der Brei beginnt zu kochen.

„Du Arsch!“, schreit er und andere Kraftausdrücke. „Ich hab‘ auch Hunger, man! Haste schön gefressen, ja?“ Dabei schupst er ihn über den Platz. Es stellt sich heraus, dass er vergeblich auf seinen Kollegen an der Suppenküche in der Kuglerstraße gewartet und nun, zwei Uhr nachmittags, immernoch nichts gegessen hat. „Hier haste was …“, sagt der Untreue schwerfällig und hält ihm die Reste seiner Chinabox hin. Der andere schlägt ihm das Essen aus der Hand und ohrfeigt ihn.

Einer aus der Kartenspieler-Runde, die gar nicht Karten spielt, bittet um Ruhe. Daraufhin schmeißt die Furie die Aktentasche des untreuen Kollegen auf den Boden. Es fallen Schriftstücke heraus. Der Besitzer sammelt, nun doch etwas nervös, seine Sachen ein und schlürft davon.

Der Geschmack der Wildkräuter verfliegt langsam. Der Baulärm gewinnt wieder Überhand. Dem Hungrigen reicht man ein Bier. Und der Vogelfreie wird an der Bank sechs Meter weiter empfangen – ebenfalls mit einem Bier.

Na dann Mahlzeit!

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primatberlin.com ... es geht nicht klar ...
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