Teil 14: Armen Avanessian (*1973)

„Wir können in der Gegenwart nur anders handeln, wenn wir eine andere Zukunft entwerfen“

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Armen Avanessian, c by Senfex 2016

In der Ausgabe Juli 2016 begegneten wir mit Philipp Ruch einem Philosophen und Aktionskünstler, der mit dem „Zentrum für Politische Schönheit“ den Status Quo der europäischen Einwanderungspolitik kritisiert. Armen Avanessian (*1973) ist ebenfalls ein Berliner Philosoph, der durch die Fusion von Kunst und politischer Philosophie die Idee einer zukünftigen, postkapitalistischen Gesellschaft ausruft. Seine Methoden sind jedoch von denen des ZPS gänzlich verschieden: Avanessian strebt nach einer neuen Linken, die Technologien und Entfremdung positiv umdeutet, statt sie zu verteufeln.

Avanessian hat ein Faible für Neologismen. Akzelerationismus, Xenofeminismus, Hyperstition– was soll das nur alles? Hinter Avanessians Vokabular verstecken sich Ideen, die die Gegenwart von der Zukunft aus beleuchten. So meint Hyperstition eine Art „Überglaube“. Die gleichnamige Dokumentation, die unter der Regie von Christopher Roth Anfang diesen Jahres Premiere feierte, beschäftigt sich mit der Wahrheit als Wissenschaft und Erfindung („Truth is Science is Fiction“). Ideen für die Gegenwart werden aus der Zukunft hergenommen und dadurch zu (spekulativen) Realitäten. Auf diese Weise wird Gegenwart von der Zukunft aus erzählt. Voraussetzung hierfür ist, dass man sich den möglichen Entwicklungen nicht verschließt, sondern sie in seine Zukunftsvision einbezieht. Mit der Annahme, dass Wahrheit immer beides ist– Gegenwart und Zukunft, Wissen und Fiktion– geht der Aufruf einher, mit Hilfe der Wissenschaft eine lebenswürdige Zukunft vorzubereiten. Denn durch „Überglaube“ wird Spekulation zur Realität. Ein Bespiel für solch eine Theorie des spekulativen Realismus ist der Xenofeminismus, welcher für eine zukünftige Vielfalt von Geschlechtern kämpft. Der Grundgedanke geht u.a. auf die Technofeministin Shulamith Firestone zurück, die in den 70’er Jahren davon träumte, dass in Zukunft Maschinen männliche Privilegien und Geschlechterunterschiede beseitigen („The Dialectic of Sex“). Dank des technischen Fortschritts könne die Menschheit von der Tyrannei ihrer Biologie befreit werden. Doch man müsse die Menschen auf diese Entwicklung vorbereiten und dafür sorgen, dass zukünftige Technologien nicht in den Händen heutiger Machthaber blieben.

Vierzig Jahre nach Firestones revolutionärer Schrift „The Dialectic of Sex“ gibt es Staubsauger- und Fensterputzroboter. Das sind sicher nicht solche Erfindungen, welche der Kanadierin für die Zukunft vorschwebten. Technologien sind weiterhin eine Männerdomäne. Die Befreiung vom patriachalischen Kapitalismus und von diskriminierender Zwangsarbeit steht noch aus– unsere gegenwärtige Gesellschaft ist sehr viel rückständiger als sie es angesichts technischer Möglichkeiten sein könnte. Die Aktualität der technofeministischen Schriften erkannte Armen Avanessian und gab 2015 zusammen mit der Medienwissenschaftlerin Helen Hester den Sammelband „dea ex machina“ heraus. Er versammelt neben einem Auszug aus Firestones „The Dialectic of Sex“ Schriften von anderen Technofeministinnen wie Donna Haraway und Rosi Braidotti.
Die Grundlage für Hyperstition und Xenofeminismus bildet der Akzelerationismus. Acceleration bedeutet Beschleunigung. Während linke Theoretiker die Überwindung des Kapitalismus gemeinhin durch Entschleunigung erreichen wollen, plädieren Akzelerationisten wie Avanessian dafür, den Kapitalismus derart überzustrapazieren, dass er sich selbst ad absurdum führt und technologische Entwicklungen zu begrüßen und umzufunktionieren. Negativ konnotierte Begriffe wie der der Entfremdung werden von Akzelerationisten positiv umgedeutet. Statt in der Kritik der Gegenwart zu verharren, wie dies beispielsweise die Frankfurter Schule getan habe, solle in der realen Entfremdung das Potenzial der Freiheit erkannt werden. Schließlich bedeute die Begegnung mit dem Fremden auch eine Möglichkeit der Neugestaltung. Wer sich jedoch jeder Neubegegnung verschließt, sich entweder in die Vergangenheit zurückwünscht oder von einer übergeordneten Wahrheit ausgeht, handle gegenwartsfeindlich und entziehe sich der Mitgestaltung der Zukunft. Akzelerationismus ist also ein linkes, technophiles und revolutionäres Projekt. Seinen Ausgang soll es 2007 auf einer Konferenz am Londoner Goldtsmiths-College genommen haben. 2012 und 2013 erschienen in England erste Manifeste von Nick Land, Nick Srnicek und Alex Williams. Kurz darauf machte Armen Avanessian den Akzelerationismus in Deutschland populär. Seither arbeitet er mit Literaten und Künstlern zusammen. Seit einiger Zeit bestreitet er gemeinsame Veranstaltungen mit dem Berliner Zeichner Andreas Töpfer. Jeden Montag moderiert er zusammen mit der Schriftstellerin Julia Zange im „Berlin Community Radio“ die Sendung „60 Hertz“. In diesem Jahr war er auf der Berliner Biennale vertreten. Zusätzlich publiziert Avanessian alle zwei Monate eine neue Schrift. Vom akademischen Betrieb hat er sich weitestgehend abgewandt, nachdem er ab 2007 an der FU Berlin und anschließend an verschiedenen Kunstakademien unterrichtete.

Mehr zum Akzelerationismus gibt es nachzulesen in: #Akzeleration, Merve Verlag Berlin 2013. Aktuelle Vorträge, Workshops und Buchprojekte zur „Spekulativen Poetik“ mit und um Armen Avanessian gibt es online auf: www.spekuative-poetik.de

(veröffentlicht in den Prenzlberger Ansichten, September 2016)

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